Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1848)
- Date
- 1848-09-23
- Page
- Seite 307 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- 307 — und bedürfen der Fackel der ausgesprochensten Verachtung, wenn es m ihnen nur etwas anfangen soll zu däinmern» Wir hätten geschwiegen; wir hätten die Schandflecke des grauenhaftesten Jntolerantiömus dem Griffel der Geschichte zu verhüllen gesucht, wenn wir nicht die Ueberzeugung gewonnen hätten, daß das Prager Bürgerthum' es für Ehrensache ansieht, mit ihnen behaftet-in das Buch der Geschichte hinüberzugehen. Ehrensache ist es für den Bürger Prags, es durchaus nicht zu dulden, daß ein Mensch, der nicht Christ ist, übrigens aber die Lasten eines Staatsbürgers nicht minder trägt, als irgend Jemand, neben ihm stehe in Reihe imt> Glied, um Haus und Hof, Stadt und Hecrd, Leben und Gut, Recht und Freiheit zu schützen. Ehrensache ist es für ihn, daß er stvlziren kann durch die alte Königstadt und dem besuchenden Franzosen, Engländer, Nordamerikaner, Preußen n. st w. mit erhebendem Bewußtsein sagen kann: „Sehen Sie, in aller: diesen Straßen darf kein Jude wohnen. Finden Sie das nicht echt christlich? Ist es nicht bei Ihnen in Frankreich , England, Nordamerika, Preußen, Baden, Würteurberg auch so? — Und wenn es nicht ist, so reisen Sie doch geschwind nach Hause, und trachten Sie, daß mmt die Juden alle in ein Viertel zusammensperrt, denn die Juden sind gar gcscheidt und industnös und spekulativ, und sie begreifen, daß wir Prager Schwachköpft ihnen darin nicht Stich halten können! —" Es ist aber in der That entsetzlich, und wer noch irgend eine Sympathie für die schöne Hauptstadt Böhmens hegte, muß sie ersterben sehen, wenn man bedenkt, wie m einem Jahre, wie jenes von 1848, wo die mittelalterlichen Banden des ausschließenden aus religiösem Bekenntnisse und feudalistischen: Prinzipc ruhenden Spieß burgerthums säst überall und selbst in Oesterreich mit einem Schlage gesunken, es eben in diesem herrlichen Oesterreich noch eine Stadt geben kann, die überdicß den Ruf einer noch höher:: Bildung als Wien' sich gerne gefallen ließ, in der .jene Bande:: oder besser Schranken nicht nur nicht gesunken, sondern dem ausgestellten und bestehenden Gesetze zuwider noch strenger gezogen werden. Nach dem Gesetze ist jeder selbstständige Staatsbürger v erp ficht et in die Wolkswehr zu treten. Die Eiiuvohnerschaft keines Ortes, keiner Stadt, keiner Provinz hat das Recht, ^Jemanden, der selbstständiger Staatsbürger ist, seines Glaubensbekenntnisses wegen von dieser Pflicht zu entbinden, oder gar auszuschließen. Das Prager Bürgerthum allein wagt es, dem Gesetze entgegen zu treten. Das Prager Spießbürgerthnm allein in seiner aufgeblähten Hohlheit ist so durch und durch der Zeit frcntfe und abhold, daß es in einem Augenblicke, wo alle Privilegien der Geburt ausgestrichcn werden aus der: Grundgesetzen Oesterreichs, auf Grundlage des Zufalls, als Christ geboren zu sein, aus der Pflicht in den Reihen der Volkswehr zu stehen, ein Privilegium machen will. Wer die Volkswehr so auffaßt, dessen Geist ist wohl der Waffenspielerei, der Parade an Festtagen, keineswegs aber dem hohen Begriffe einer Volkswehr gewachsen! Wie kann der das Wort Freiheit im Munde führen, das Wort Demokratie anszusprechen wagen, dem ein Glattbensunterschied genügt, um zwischen Staatsbürgern, die gleiche Interessen binden sollten, eine Scheidewand zn stellen. Rom hat die Pforten des Ghetto's geöffnet; das katholische Sardinien frägt nicht, was der, der die Waffe ergreift, in religiöser Beziehung bekennt. — Prag hat die Juden ins enge Viertel zurückgedrängt, Prag, das ewig und ewig so gerne mit dem Oesterreichthum prunkt, hat eines der herrlichsten und freisinnigsten Gesetze Oesterreichs mit Füßen getreten, es hat den Juden seines Bekenntnisses wegen von jeder Wahl und jeder Wählbarkeit ausgeschlossen, während der Jude nach dem Wahlgesetze nicht nur in aller: Provinzen Oesterreichs wählen, sondern auch gewählt werden durste. Wir wollen nicht auf die boshafte, sich selbst schändende Weife zurückkommen, wie die Prager Stadtverordneten — >also die Vertrauensmänner der dortigen Bourgoisie — diesen schmachvollen Akt begangen; wir wollen nicht erwähnen, wie sie uns Geistesunfähige und Wahnsinnige, dann Verbrecher, und endlich die Juden in ihrem E.rktnsi'vgesctze nannten; man könnte Schwindel bekommen, wenn man Hinblicken wollte in die bodenlose Tiefe, in den stockfinsteren Abgrund von antidiluvianischen Seelen, die ungebildet, unklug, dumm, boshaft genug sein konnten, ihre Krähwinklerei so zu fassen l Verschweigen können wir jedoch, daß wir gerne nach solchen Geschehnissen, selbst wenn wir die Speichelleckerei gegen einen Säbelbramarbas abrechnen, zu glauben geneigt sind, der deutsche Geist sei wirklich in Prag ein Fremdling! Politik mit Glaubenssachen so in einen Haufen werfen, so fanatisch sein, kann Niemand, den deutsche Bildung dnrchströmt. Aber auch kein echtes Ocsterreichthum ist eS; denn das hat sich selbst in jenen Provinzen, die nicht zu Deutschland gehören, als ein herrliches/ freisiluuges herauögestellt! Was bleibt dann noch! O wir erkennen die Spuren des knutigen Ostens in dem herrlichen, prächtigen, unglücklichen Prag! — Wien, im Sptbr. In den fortgesetzten Reichstags-Silhouetten bringen die Sonntagsblätter eine kurze Skizze über Josef Gold mark, die wir hier mütheilen. „Goldmark ist am 15. August 1818 zu Keresztur in Ungarn geboren, und im österreichischen Reichstage einer der vier Abgeordneten, die der israelitischen Konfession angehören. Ohne irgend eine umfassendere Vorbildung genossen zu haben, als sie bekanntermaßen an ,den schlechteren ungarischen Gymnasien ertheilt wird, kam er nach Wien, um hier die philosophischen und medicinischen Studien durchzumachen. Goldniark hatte während seines ganzen bisherigen Aufenthaltes in Wien weder literarisch, noch wiffenschasttich irgend wie Anf- 39*