Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1848
- Issue
- 37 (9.9.1848)
- Date
- 1848-09-09
- Page
- Spalte 579-580 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/8555529-9897534-9897574--5591-3534456- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
579 580 Kritiken. Schriften über Maimuni. Besprochen von Dukes. schichte der Psychologie zeigt dieses dem Leser klar, unsere Erkenntniß ist negativ, z. B. wir glauben nicht, wie Diognes Laertius von einem ölten Philosophen anführt, daß die Seele des Nachts in Kugelgestalt sich zusammenziehet, aber Näheres wissen wir eben so wenig wie derselbe. In der neueren Zeit haben einige geglaubt, die Seele als einen Lebensprozeß betrachten zu dürfen, auch dieses ist schon sehr alt, wie der Leser aus Emunot we-Deot des Saadsa undauö dem D'OTil "lM des Salo m o b en G erso n ersehen kann, Ben Gebirol hat etwas Achnliches angenommen. Wir haben die Stelle in diesen Blätinu (1843 S. 800) gegeben.. / Ein Blick auf Garves Uebersicht der Ethik, belehrt uns, daß man seit Aristoteles nicht über sein Formal-Peinzlp hmausgegangen ist. Die Prinzipiell der Ethik haben sich geändert, die Ethik ist geblieben. Alle Kunstausdrücke der Philosophen wollen das letzte Axiom versinnlichen, aber es hat sich ihnen entzogen. Wenn wir sagen die Ethik ist geblieben, so verdient dies vielleicht eine nähere Erklärung. Die Zeiten haben allerdings in gewissen Anschauungen Veränderungen erlitten, aber die Grundursachen sind geblieben. Die eine Zeit stellte oft den Rang einer Tugend oder eines Lasters höher als eine andere es gethan hat. Menschenliebe ist so alt als der Egoismus d. h. als die Welt. Selbst zur Zeit als in dem schönen Spanien die Scheiterhaufen von der Inquisition unterhalten wurden, war die Menschenliebe nicht minder als heute. Nur damals wog das Laster der Ketzerei schwerer als die Tugend der M e u sch e n liebe. Letztere war von ersterer beschränkt. Die sogenannten Buschmänner in Amerika, die Menschenfleisch essen sollen, haben auch Menschenliebe, aber nicht für die Europäer. Den europäisch , civilistrten Bewohnern des südlichen Am e r i k a fehlt es gewiß nicht, an Menschenliebe, aber für die Schwarzen eristirt sie bei ihnen nicht» Mit diesem Beispiele möge sich der Leser jetzt begnügen, wir kommen bei einer andern Gelegenheit darauf zurück. Wir machen einen Uebergang — oder einen Sprung, wenn es der Leser so nennen will — zu einem andern Gegenstände, welcher ebenfalls angedeutet werden muß. Glauben und W iss en sind feindliche Mächte, wer kann sie beide versöhnen? — Die Allegorie. Die Allegorie findet sich bei allen Völkern ein, deren Bildung gewisse Stellen oder mündliche Ueberlieferungen übersteigt. Man weiß, daß man Manches nicht wörtlich glauben kann, die Allegorie verwandelt das Glauben in ein Wissen. Die Stoiker allegonsirten den Homer und die griechischen Mythen, die Juden das^ alte Testament, die Christen das neue Testament. Die Erkenntniß, welche die Allegorie giebt, ist ebenfalls — wie. die geschichtliche — keine wesentliche, sie ist nur eine andere Art der Unterschiebung des Unbekannten für das Bekannte.8 Die ' allegorische Auslegung kann sowohl auf geschichtliche Erzählungen als auf blosc Aussprüche hasten, die dann verschiedenes zum Inhalte machen kann, Phistkalisches, Ethisches u. s. f. Zu den allegorisch aufgefaßteu Erzählungen geben die Mythen bei den Griechen Anlaß, und der. Leser weiß, daß man sie astronomisch, physikalisch und moralisch erklärt hat. Schillers bekanntes Gedicht ,,die Klage der Ceres" enthält eine geistreiche Symbolik mehrer Einzelheiten. Zu dieser Gattung gehört auch, wenn jüdische Ausleger die biblische Geschichte von Abraham und Sara als eine Allegorie von Wesen (*Wl) und Form (.-n?L) halten (in den Gutachten des Salomo ben Aderet (Nr. 416) findet der Leser mehr darüber), oder wenn dieselben die Individualität Adams aufgehoben haben und dafür die Menschheit setzten,. wie Strauß die Persönlichkeit Jesu in eine Mythe verwandelte. Wenn der pythagoreische Ausspruch „schüre nicht das Feuer mit dem Schwerte", wie uns Diognes Laertius berichtet, die allegorische Bedeutung hatte, daß man den Hader und Zank nicht' noch mehr anfachen muß und wodurch dieser Ausspruch nur dem Sinne nach identisch ist mit der Redensart: „Oel in die Flamme gießen", so ist dieses eigentlich nichts anderes als eine Metapher. Solche Aussprüche finden sich auch im Talmud, z. B. rraun awn k „sitze nicht auf die Hochseite der Stadt" d. h. stelle dich nicht überall' obenan. Viele Aussprüche des Talmuds sind zum Thcil nur kühne Metaphern, und können ohne specielle Allegorisirung mir dafür genommen werden. So z. B. der talmudische Ausdruck „fccr Fürst der Welt" wel- 2 Wir haben bereits anderwärts (tu unserer Einleitung zu 'bwD) Qefagt, daß die Geschichte der Allegorie bei verschiedenen Völkern ein interessanter Gegenstand der Darstellung wäre. Ein solcher wäre ein wichtiger Beitrag zur Innern Kulturgeschichte der Menschheit. Einiges haben wir selbst darüber gesammelt, und vielleicht lassen, wir Manches darüber in diesen Blättern folgen. 3) Vergl. die Stelle des Talmuds Ieb. 16 zu Psalm 37, 28 (Jalkut zu d. St.). 'DU! ’njpl Di TP’n “i)« — -TON D b 1 v n ") V pIDDH NI (DD )b Wir nehmen diese Stelle ganz einfach, der Larmudist sagt, die Worte des Pfalmisten „ich war jung und wurde alt, und habe nicht gesehen, daß ein Frommer verlassen ist u. s. f.: „diese Worte —- fügt der Talrnudist hinzu — sagte der Weltgeist^ d. h. das ist der Welltlauf, es ist durch die Erfahrung begründet. Dieses könnte man von vielen andern Stellen eben so gut sagen. Dieser Ausdruck kommt sonst noch vor im Talmud und steht allerdings mit der Engellehre in Verbindung.