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Der Orient · 1848-09-09 · Heft 37 (9.9.1848) · p. Seite 295

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 37 (9.9.1848)
Date
1848-09-09
Page
Seite 295 (sequence 13)
Language
German
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295 dem allgemeinen Wohle des Vaterlandes stehe ^es allerdings -im Widerspruche, wenn wir in den Grundrechten des deutschen Volks Ausnahmen, gleich viel aus welchem Grunde, zulassen. . Abg. Moritz Mohl stellt folgendes Amendement: „Die eigenthümlicheu Verhältnisse des israelitischenVolk'sstammeö sind Gegenstand besonderer Gesetzgebung und können vom Reiche geordnet werden. Den israelitischen Angehörigen Deutschlands ist das aktive und passive! Wahlrecht gewährleistet." Der Redner äußert bei. der j Motivirung seines Antrags: Es gebe wol kein größeres Unglück für ein Volk, als über die Welt zerstreut zu sein und sein Vaterland verloren zu haben; herzlich freuen werden stch alle Gebildeten, wenn die gebildeten Israeliten in den vollen Genuß der staatsbürgerlichen Rechte treten. Aber Ausnahmögesetze in Betreff der bürgerlichen Rechte seien in Bezug auf die Gewohnheiten der großen Masse der Juden immer noch nothwendig; wir wollen human sein gegen die Juden, aber unsere erste Pflicht sei die Pflicht dem deutschen Volke gegenüber. Die Juden. ergeben stch überall dem Handel, nur wenige dem Ackerbau oder Gewerbe, und auch diese kehren bald wieder zum Handel zurück; wenn mau die jüdischen Schacherer, Güterhändler, Viehversteller von den Ausnahmsgesetzen befreie, gebe man ihnen die Freiheit, die Bauern noch mehr auszusangcn. (Zeichen des Unwillens.). Er beklage die Juden, aber noch mehr beklage er die Millionen deutscher Bauern, die von den Juden ausgesogen werden (Zischen); man frage nur die Richter, die Advokaten, man werde da hören: wenn ein Jude nur einen Fuß in das Haus eines Bauers gesetzt, sei der Bauer verloren; der ersten Hülse, welche der Jude bringe, folge bald das völlige Verderben de§ Bauern. (Heftiges Zischen; links: Pfui!) Der Präsident: Lassen Sie den Redner sprechen; Jeder hat das Recht, hier seine Meinung zu sagen. Abg. M. Mohl: Ms man in Frankreich die Emaneipation der Juden ausgesprochen, habe man die Nachtheile noch nicht gekannt; man habe sie aber kennen gelernt und Napoleon sich genöthigt gesehen, sehr strenge Ausnahmsgcsctze in Betreff der Juden zu erlassen. Die Sache sei von einem höchst praktischen Interesse; es feien, wenn man hier nicht auf die Erfahrung achte, die größten Nachtheile zu erwarten. (Großer Tumult.) Er erfülle eine große Pflicht gegen das deutsche Volk, indem er hier offen unb frei seine Ueberzeugung aus spreche, von der er wol wisse, daß sie ihn unpopulär machen werde. Die Juden selbst, meint der Redner, wollen keine innige staatliche Verschmelzung mit dem deutschen Wölke; sie vermeiden ängstlich die Familienvermischung mit den Christen; die Juden würden immer wie Tropfen Del auf dem Meere der deutschen Nationalität hin und her schwimmen. Abg. Messer r Er nehme das Recht in Anspruch, das Wort zu nehmen im Namen einer seit Jahrtausenden unterdrückten Volksklasse, im Namen einer Konfesflou, der er selbst durch die Geburt (auf die religiöse Ueberzeugung komme hier nichts an) angehöre, er, der es immer verschmäht, schnöde versagte Rechte durch Religionswechsel zu erkaufen. (Lebhafter Beifall.) Die Nationalversammlung habe den nicht Deutsch redenden Bewohnern deutschen Gebiets den Vellgenuß der bürgerlichen .und staatsbürgerlichen Rechte gewährleistet; sollen die Juden es zu beklagen haben, daß sie Deutsche sind und Deutsch reden? Jene nicht Deutsch redenden Bewohner deutschen Gebiets, die zu mächtigen Volksstämmen gehören , die gegen Deutschland eine mehr drohende Haltung haben, diese wolle man schonen und siegleichstellen mit den Deutschen uttd dem schwachen, unterdrückten Volksstamme, der in Deutschland ganz aufgchen wolle, der kein anderes Vaterland haben wolle als Deutschland, diesem beklagenswerthen Volksstamme wolle man nun wieder mit Ausnahmögesetzen entgegentreten? (Von allen Seiten: Nein, nein!) Man werfe den Juden ihre Abschließnng von den Christen vor; dieser Vorwurf treffe aber nicht die Juden, sondern die Christen; die Christen seien es gewesen, welche durch ihr intolerantes und unmenschliches Verbot der Mischehen zwischen Christen und Juden unb durch die andern Ausnahmsgesetze die Juden in ihre isolirte Stellung hineinzwangen; das Verbot der Mischehen solle aber nun gehoben werden, und man werde sehen, daß nicht die Juden gegen Mischehen seien; aber man müsse auch die Bedingung fahren lassen, die man hier und da gestellt, daß die Kinder solcher Ehen Christen werden müßten. Gegen die gehässigen Beschuldigungen, die der Redner vor ihn: wider die untern Klassen der Juden vorgebracht, werde er nicht sprechen; das Uriheil darüber überlasse er dem Gefühle der Versammlung. (Beifall.) Der Vorwurf des sogenannten Judenwuchers sei eine faule Frucht blinden.. Hasses. Gebe es Beschäftigungen, die nachtheilig seien, dann müsse man sie verbieten, aber den Christen eben so wie den Inden; in Württemberg habe man den Juden den : Güterhandel verboten, den Christen aber nicht;, die ani wesenden württembergischen Abgeordneten würden es aber bestätigen können, daß der Gnterhandel nun von den Christen noch weit rücksichtsloser getrieben werde. (Mehre Abgeordnete ans Württemberg bestätigen dies.) So wenig die Versammlung den Haß und die Verachtung der hohem Stände gegen die untern berücksichtigen.dürfe, eben so wenig dürfe sie den Haß und die Verachtung einer ungebildeten Masse gegen einen einzelnen Stamm berücksichtigen; er wisse, daß er hier Partei sei,, er sei aber stolz darauf, Partei zu nehmen für die Unterdrückten. (Beifall.) In den Ständcversammlungcn der Einzelstaateu sei die Emaneipation der Juden schon zum östern verlangt worden, die Nationalversammlung werde sie gewiß nicht verweigern wollen. Dies so wie der

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