Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1848)
- Date
- 1848-09-16
- Page
- Seite 298 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2360092-2360526-2360565--6552-3534430- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 298 - scheu" t ruft sie nrM Drei Herren v vMder' Reaktion ^-'der neueste Adel entschlagen sich aller Gründe - und Grmrdsätze; „ es ist ein Jude" ist der Eckstein ihrer Argumentation. Wie Tyrannen -mit den Syllogismen der Kanonaden debattiren, so kämpfen die Reaktionäre mit dem Zauberwort: „Jude". Als wenn , die Presse nur das Eigenthum derer sein durste, die an Hölle,: Teufet und Fegfeuer glauben. Die Freiheit ist die' Negation des Privilegiums. Ms nun die Preßfreiheit pröklamirt wurde, so war von einer alleinseligmachenden Presse .keine .Spur— und die Juden sollten blos Leser, Abonnenten, aber nicht Schriftsteller sein? — Man klagt über den Misbrauchden jüdische Schriftsteller mit der Presst treiben. Wir wollen durchaus die Ueberschreitung en und den Ton eines Theils der Wiener Presst nicht in Schutz nehmen; allein wer klagt? Judenfeinde und Schwarzgelbe, die Gutenberg verwünschen. Und was haben die Uebergriffe in ber Presse, mit' dem Judenthum zn thun? Ob Moses oder Christus? Glebt es eine christliche und eine jüdische Freiheit? Greift Jemand ein Ministerium als Jude au? Allerdings sind die meisten Juden Demokraten', weil das absolute Königthum eine Stufenleiter von Privilegien ist und nur Haß gegen die Juden athmete. — Eine andere Frage ist die, wie stehen sich die Juden in der Presse gegenüber? Feindli ch! Die Schwachen, die noch immer selbst das Vorurtheit nähren, em Jude sei für den andern verantwortlich, ringen die Hände. Haben aber je die stillen Herren die Freiheit befördert? Sie verlangen, daß die Juden gänzlich schweigen; ein solches Verlangen ist aber egoistisch, berechnend, eigennützig. Sie glauben, daß die Wagschale, in der die Freiheit liegt, um so sicherer das Uebergcwicht erlangen werde, je leerer die andere, das Schicksal der Juden tragende, ist. Die jüdischen Journalisten, deren Ex.eesse wir durchaus nicht in Schutz nehmen, folgen dem Zuge ihres Herzens,, dem Drange ihres Geistes, und irren sie , so 'irren sie als Schriftsteller, nicht als Inden. Es hieße den Geist der Geschichte verkennen, wenn man behauptet, die Inden träten zn kühn in der Presse auf. Diese Kühnheit ist der Gegendruck der früheren Tyrannei. Der plötzliche Uebcrgang von der Knechtschaft zur Freiheit spiegelt sich auch in der' Presst ab. - Uebrigens ist Alles in Wien noch überschwenglich, phantastereich, bewegt, in einem Meer den Gefühlen und Empfindungen schwimmend. —Die Journalisten selbst bestätigen den alten Erfahmngssatz, dasi die Juden sich gegenseitig maßlos augreistn. 'Dies kann aber als Beweis dienen, daß die Juden keine abgeschlossene Koterie bilden. — Viele sogenannte zartfühlende Menschenfreunde in Wien, die für die Juden noch ein besonderes Kämmerchen in 'ihrem Herzen haben, fragen mitleidsvoll, wie bessert man die verstockten Inden , welche den Staat in den Abgrund stürzen wolj len. Zm ihrer Berlchigrmgwollenwir ihnen eine wahre Anekdote erzählen. Iw Jahre 1.786 stellte die französische Akademie die-Preisaufgabe: Wie besse rt man die' I u d,e n? Ein polnischer Jude, der in Paris lebte und Gourwitz oder Hurwitz hieß, löstesie: folgendermaßen :- „Geht iw Euer Theater — schrieb er — und sehet Motiere'ö Bourgeois gentilliomine. Dieser stellt an seinen Mentor die: Frage, wie man nur, eine Marquise grüße, die Celimene heißt? - Ihr lacht über den Einfaltspinsel und meint, das verstände sich doch von selbst,^ daß man eine Marquise Namens Celimene ebenso grüße, wie eine Marquise die , Christine heiße. Ihr habt freilich ganz Recht, aber da habt Ihr auch eine Beantwortung Eurer weisen Frage. Einen Menschen, der Jude heißt bessert man gerade so, wie einen Menschen , der Christ, Mohammedaner oder anders cheißt." Die Franzosen machten die witzige Antwort des polnischen-Juden, der das Aceessit erhielt, zu ihrem Prinzipe; „gehet hin und thut'desgleichen"! Dieser polnische Jude überhebt uns auch der Mühe, die Stellung der Emaneipationsfrage in Wien zu erörtern. Jene Zopfpartei ohne Kops, die da die Juden vor ihrer Emancipation bessern möchte, möge den Bourgeois gentühomme von Meliere lesen. —- Wir verlassen Wien, um uns nach Pesth zu wenden. Ad. Jelline k. Deutfchland's vereinigte Staaten. Berlin, 5. Sptbr". Der Intoleranz föiuicii wir den Justiz minister nicht .an klagen. Ein Schauspieler jüdischer Konfession (ein bekannter Demokrat) wollte eine Christin heirathen und die Ciyilehe aus dem Stadtgerichte eiugohen. - Man wies ihn zurück, da noch kein Gesetz über , die Zulässigkeit solcher gemischten Ehen existirc. Der Heirathskandidat wurde auf dem Korridor des,Lokals der Nationalversammlung den: Justizminister vorgestellt, um diesem seine Angelegenheit mitzutheilen. Der Minister meinte, es stände seinem Vorhaben nichts im Wege, die Herren vom Stadtgericht hingen freilich noch am alten. Zopfe. Jndeß hat der Bittsteller einen kürzeren Weg eingeschlagen. Ein deutsch-katholischer Pfarrer, welcher als Abgeordneter der'National-Versammlung hier gegenwärtig ist, begab sich mit drei andern Deputirtcn als Zengen zu den Brautleuten und segnete die Ehe etwa folgendermaßen ein: ,,Jm Namen Jesu kann ich Euch nicht trauen , weil der Bräutigam nicht Christ ist, im Namen des Gesetzes kann ich es ebenfalls nicht thun, weil ein solches noch nicht eristirt: ich traue Euch daher im Namen des allmächtigen Gottes und erkläre Euren Bund für geschlossen".