Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1848)
- Date
- 1848-09-02
- Page
- Seite 284 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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284 der zeitgemäßen Gemeindcvcrsassnnq, also der Presbyter rial- und Synodatorganisation und der Humanität, als. dem einzigen Kennzeichen wahrer Religiosität, einig gefunden hatten, ohne dadurch ihre subjektive und die Selbstständigkeit ihrer Konfession und deren geschichtlich sich entwickelnden Fortschritte auch nur im entferntesten beeinträchtigt zu finden, einstimmig den Beschluß gefaßt, zur Erledigung der religiösen Frage möglichst bald eine Generalversammlung nach Frankfurt a. M. einznladen. Zur Redaktion der Einladung und des uut dieser gleichzeitig zu versendenden Programms wurden die Reichstagsabgeordneten Professor Wigard von Dresden und Regierungsrath Rättig aus Potsdam sowie Rabbiner Dr. Stein aus Frankfurt a. M. gewählt. (F. I.) Wien, 18. Aug. In der heutigen Sitzung kam ein Jncidenzpunkt vor, der zu wcitläusiger Diskussion Veranlassung gab. Der Gegenstand war ein thätlicher Anfall gegen Kuranda zu Kollin. Abg. Schuselka: Er sei in die traurige Nothwendigkcit versetzt, einen unliebsamen Vorfall zur Sprache zu bringen. Hr. Kuranda sei keinem Oesterreicher ein Unbekannter Name; er reiste nach Kollin, um dort in aller Stille seine Vermahlung zu feiern , und da er schon früher die- Erfahrung gemacht hatte, daß die nationalen Zerwürfnisse bis ins Privatleben zu dringen vermögen, so vermied er sogar, die Stadt zu betreten. Er stieg im Gasthofe der Eisenbahn ab; allein seine Anwesenheit wurde wahrgenommen, alsbald versammelte sich ein zahlreicher Haufen por dem Hause, sang die bekannten Spottlieder und brachte ihm ein Percat. Damit war es für diesen. Abend abgethan, allein den darauf folgenden erneuerten sich die Austritte; es gesellten sich gefährliche Drohungen dazu, man drang ins Haus und es waren Thätlichkeiten zu erwarten. Der Wirth rieth der Farnilie, voraus fortzufahren, allein man ließ cs nicht zu, und die einzelnen Mitglieder, darunter eine blinde Mutter, waren den rohesten Beschimpfungen ausgesetzt. Endlich gelang es ihnen, durch List zu entkommen. Der Redner wolle die Versammlung nicht auffordern, ein moralisches Urtheil über diese Brutalität abzugeben, allein es sei auch eine politische Bedeutung herauszusteüen. Hr. Kuranda habe früher, als noch Viele hier stumm gewesen, für die allgemeine Freiheit, also auch für jene Böhmens, gekämpfte und schon dies hätte ihn vor jeder Kränkung schützen sollen. Allein er sei auch Abgeordneter bei der deutschen Nationalversammlung in Frankfurt, und eine achtnngswerthe Stadt Böhmens habe ihn frei dazu erwählt. Dürfe ein Mann, der lediglich der Anordnung der Regierung und dem Rufe des Volks nachgehe, deshalb verfolgt werden und in der eignen Heimath der Mishandlung ausgesetzt sein? In Frankfurt sei mau empört gewesen, als man hörte, daß in Wien ein czechischer Abgeordneter bedroht worden; das Ministerium habe' sogleich einen Gesetzentwurf zum Schutze der Abgeordneten eingcbracht. * Dieselbe Unverletzlichkeit spreche er für die Abgeordneten Frankfurts an,, und er frage deshalb den Justiz minist er, ob er nicht einen Gesetzentwurf ein bringen werde. ' Der Justizminister: Niemand beklage eine solche' Unwürdigkeit mehr als das Ministerium. So bedancrnswerth aber auch der Vorfall sei, so glaube er doch zur Ehre unserer Nation und Böhmens vvranssttzcn zu dürfen, daß dieses von Einzelne!: verübte Unrecht nicht von der Gesammtheit ansgehe. Ob deutsch oder czechisch, die Unverletzlichkeit eineö Volksvertreters sei Grundprinzip jeder Verfassung. Auch die Nationalversammlung zi: Frankfurt werde dies aussprechen und dort nlüsse die pnueipielle Frage entschieden werden. Dies aber wäre nicht die einzige Beziehung, welche das Ministerium bestimme, kein eignes Gesetz zu erlassen; solches besonders zu geben, wäre eben so überflüssig als unwürdig, das früher eingebrachte sei nur, aus zufälliger Veranlassung entstanden und nur die Antieipation eines Prinzips gewesen. Eine weitere Beziehung sei , daß der angeregte Vorfall 'streng untersucht und den Behörden zur Amtshandlung übergeben werde, was er sich dringend augeleger: sein lassen wolle. Abg. Schusclka wollte sich damit noch nicht zufrieden geben; er gebe zur Ehre Böhmens zu, daß der Vorfall nicht dessen Gesinnung manifestire, allein, der Vorfall mit dem Abg. Rieger habe auch nicht die Gesinnung Wiens ausgesprochen und das Ministerium habe dennoch einen Gesetzentwurf eingebracht. Was sollte die Nationalversammlung in Frankfurt darüber aussprechen? Das schütze nicht hier und namentlich nicht in Böhmen. Er wolle, daß anticipando ein Schutzgesetz erlassen werde. Der Justizminister findet eine weitere Diskussion unangemessen, geht aber dennoch, auf den Fall Riegcr'ö ein, indem er zwischen demselben und dem vorliegenden genau unterscheidet. Ab. Schusclka: Es bleibe ihm nun nichts übrig, als einen Antrag deshalb an den Reichstag zu bringen. (D.A.Z.) Aus Oesterreich, im Aug. Einer der widerlichsten Mißbräuche ist die Art und. Weisewie der. 9. Ab in sehr vielen österreichischen Gemeinden gefeiert wird. Die um Zion trauernden Juden suchen aus der Rumpelkammer die schmutzigsten und zerrissenen Kleider hervor, ihr Gesicht ist mit einen wilden, unordentlichen Bart bedeckt, auf dem Boden der Synagoge wälzen sie sich in: Stande, nach den: Friedhof wallfahrten sie ordnnngslos in einem unästhetischen Habitus — und dies Alleö soll die andächtige Erinnerung an ein historisches Moment bedeuten! Ein orthodoxer Jude würde glauben, seiner Seligkeit verlustig zu werden, wenn er nicht sein schmutzigstes Kleid anzöge.. Welchen Eindruck solche tragische Harlckinaden auf die Umgebung der Inden 'machen, können. Sie sich leicht vorstellen. Am 9. Ab erhält die Scheu vor den Juden immer neue Nahrung; und wehe dem, der es wagen sollte, anständig gekleidet