Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1848)
- Date
- 1848-09-02
- Page
- Seite 283 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- 283 - gleich dieses Jahrhundert noch nicht abgelausen, bereits eingegangcn. Hol d h e i m hat sich in der letzten Zeit recht viele Mühe gegeben,, das Blatt zu halten; er hat in Ost- und Westprellßen wie in Pommern geworben, aber cs war vergebens, es starb ans Mangel an Stoff und Theilnahme, obgleich cs seit 1840 die Reform vertreten. Ein gleiches Schicksal hatte der,,Phoni>v Blätter für sociale und politische Interessen der Juden", der in unvollendeten zwei Jahrgängen manche schone Blüthe getrieben; dieser Phönix verschwand bereits in den Morgenstlillden unserer neuen Zeit. Es kommt ltlir bei diesem. Berichte nicht in den Sinll, mit Schadenfreude auf die eingegangenen Blätter zu blicken, ich sehe dieses auch nicht vom Parteistandpunkte an; aber ich halte cs. für nützlich und heilsam, den Gründen nachzuspüren, warum diese Blätter, die zuweilen ein schönes frisches Leben geboten, vor dem Posaunenschalte des jungen politischen Morgenrolhs verschwunden. Ich stnde diese- Gründe: 1) tu ihrer schroffen Vertretung einer Partei. In dem letzten Jahrzehnt waren die religiösen Tagesfragen, da das politische Leben ganz und gar getrübt war, vorherrschend, oder vielmehr sie beherrschten ganz allein die Gesellschaft, und wie immer die gesellschaftlichen Erscheinungen auf die Inden und auf das Judenthum Einfluß übten, so entstanden auch unter unfern Glaubensgenossen religiöse und reformistische Streitigkeiten, die zuweilen mit großer Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit geführt wurden. Dem ruhigen Beobachter mußte cs aber bald einlcnchten, daß diese Nachwirkung der Umgebung, insofern alle innere Religiosität und daher auch alle Energie fehlte, keineswegs hinreichen kann,' ein eigenes Organ zu erhalten und sowohl der Stoff als die Geduld der Leser mußte sich erschöpfen., Die religiöse O r th o d o x i c allein oder die R e so r m allein, als winzige Bruch ich eile des jüdischen Lebens, können kein eigenes Blatt erhalten, bei den Juden vorzüglich nicht, wo ein Blatt an das Allgemeine sich wenden muß. .Und kommt noch dazu, daß die vorherrschende religiöse Richtung durch gewaltige Ereignisse verdrängt und vertrieben wird, wie es wirklich seit dem Februar geschehen, so ist natürlich an ein Bestehen nicht zu denken. Die Orthodoxie und die Reform beide existiren nicht mehr als gesonderte Organe, ja sie haben eigentlich nie als solche existirt und wenn auch diese. Blätter nicht eingogangen wären , so würden sie doch als ohne lebendigen Einfluß angesehen werden müssen. Die Rebenstern'sche ,,Rcformzeitung", die Adler'sche ,,Rabbinerzeitung" und der vermittelnde ,,Sinai" von Hrn.Anb erlagen schon früher der Macht dieser Ansicht und haben dadurch ihre Unberechtigung doknmenlirl. 2) In Hcrvorkehrnng einer einzigen Seite des. jüdischen socialen und politischeu Lebens. .Als Riesser sein Blatt ->,der Jude" cinstellen mußte, hat er bewiesen, daß selbst die geistreichste Verarbeitung eines Thema's in der periodischen Presse sich nicht erhalten kann, eben weites nur Ein. Thema ist und Stoff wie die Geduld endlich ermüden müssen. Aber diese Lehre hat nicht spätere Versuche zurückgcschreckt. Freund hat es mit seiner Monatsschrift „ zur Judenfrage in Deutschland" nochmals verflicht und sah sich nach einem Jahre genöthigt, dem Beispiele Riessers zu folgen. Eduard Cohn erneuerte dieses Thema in ,,der Jude in Deutschlands Gegenwart" und mußte aufhören und der erstandene,,Phönix", indem er eben die sociale und politische Seite deö jüdischen Lebens verführte, konnte nur künstlich beim Leben erhalten werden und verschwand ganz, so wie die neue Zeit anbrach. Diese Erscheinungen sind aber nicht ohne Belehrung. Wir sehen, daß ein jüdisches Blatt sich nur halten kann, wenn es alle Seiten des jüdisches Lebens abspiegelt und nicht zu einem Parteiblatte, es sei eine religiöse oderpvlitischeFrage, herabsinke und da das äußere politische und sociale Leben der Inden allein ohne die knltnr- und literatnrgeschichtlichen Seiten schwerlich immer Neues bieten kann, so ist der umfängliche Plan des ,, Orient" im Ganzen in der That ein glücklicher und in dieser Anerkennung mochte ich Sie ersuchen, etwas sorgsamer die einzelnen versprengten Splitter zu sammeln. Posen, 18. Aug. Nach den blutigen Kämpfen der letzten Monate, wobei wir viele jüdische Märtyrer zu beklagen haben, nach dem großen Vernichtungskampfe, den wir hier zu führen gezwungen wurden, ist ein Zustand eingetreten, der die jüdischen Gemeinden tief herabdrückt. Der große Theil der Juden, der mit und von den Polen lebt, sieht sich jetzt durch den gewaltigen Haß, der bei den Polen zurückgeblieben, abgestoßen; der Pole will dem Inden, weder auf dem Lande noch in den Städten, etwas zu verdienen geben und es ist kein'Wunder, wenn bei vielen Gemeinden eine furchtbare, bittere Annuth Platz gewonnen. Dazu kommt noch, daß viele Plätze des Kriegsschauplatzes, wie.Mons, Schrim, Wreschcn, Buk u. s. w. durch Plünderung und Brand handgreiflich und unmittelbar gelitten, und alle Aufrufe an die öffentliche Mildthätigkeit, alle Cirknlare an die Gemeinden außerhalb Posens können kaum etwas helfen. Das Einzige, was jetzt noch etwas nützen könnte, nämlich die Einrichtung von jüdischen Ackerbau- Kolonien, wobei jetzt kein Hinderniß von Außen mehr vorhanden ist, unterbleibt durch die Ilnthätigkeit unseres Rabbiners. Es haben daher Viele ihr Augenmerk auf Amerika gerichtet, wohin Einzelne bereits ansgewandert; Andere suchen steh in die übrigen Provinzen des preußischen Staates zu zerstreuen. Zu wünschen wäre es, daß ein Konnte znsammenträte, um diesen Ucbelständcn abzn helfen. Frankfurt a. M., 15. Ang. Eine engere Versa m m lu n g von Reichstagsabgcordneten mit» Frankfurtern hat, nachdem sich alle Redner derselben unter dem einigenden Obdache der Dogmen-und Kullnsfreiheil, 36*