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Der Orient · 1848-08-19 · Heft 34 (19.8.1848) · p. Seite 270

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 34 (19.8.1848)
Date
1848-08-19
Page
Seite 270 (sequence 11)
Language
German
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270 ihr auch gewiß um den Hals fallen möchtest, wenn nicht der ferne Pfiff, der aus.der glühenden Brust des kosmopolitischen Lokomotivs im nahegelegenen Bahnhof kommt, dich wach riefe und an die große Welt erinnerte. Und dieses Gefühl, diese Rührung, macht deinem Herzen Ehre; aber du bist ein Elender, oder stocktaub, -renn du düsen fernen Pfiff nicht hörst oder nicht hören magst und die Schlafmütze über die Ohren herunterziehst und dich von der Sentimcrtität nicht loßreißen kannst. — Letzteres ist bei uns der Fall. — So find unsere Bürger; ein solches Aggregat von hauöväterlichen Gefühlen, jedes an seinem Familienwerk kenntlich, bildet die Seele unseres Bürgerthums. Bürgerthum! Har's hier auch ein solches gegeben? Man wird von einzelnen Ausnahmen reden — in der Regel nein! — Bürgerthum kennt nur einen gemeinschaftlichen Heerd, auf welchem es ein beständiges Feuer, der Vernunft, der Religion , dem Waterlande oder je zweien oder allen dreien zusammen nähret und unterhält. Einen Zusammenhalt, einen vernünftigen, religiösen und politischen muß es dochhaben! Aber zündet Euch Laternen an, um am hellen lichten Lage der Freiheit bei uns Menschen, christliche L i e b e, oder B ü r g e r i m wahren Sinne des Wortes zu suchen. Wo man Menschen begegnen will, trifft man auf Schneider, Schuster, Beamte, Schmiede, Kampelmacher, Riemer rc. und am Sonntagstisch im Hausvaterstuhl und auf dem Markte, in der Kirche und auf dem Rathhause, wirst du jeden an'seinem zünftigen Gepräge erkennen, und wenn du eine Haussuchung bis auf den geheimsten Winkel des Herzens anstelltest, wird auch da noch ein zünftiger Dünkel sitzen, und wenn du einen mähr. Beamten aller Körperlichkeit entkleidest, so grinst dir erst eine parfümkrte steife Beamtenseele entgegen. Es scheint als habe ihr Geist noch vor der Geburt das Handwerk begonnen' oder als käme er mir seinem Gewerbe zur Welt. Der Mensch geht hier ganz in Handwerken auf. — i Und die chriftl. Religion , die Religion der Liebe, deren Bestimmung es ist, die durch das Prisma des Lebens zerstreuten Farben in einen warmen Stral zu sammeln, erfüllt sie unter ihren Anhängern selbst hier diese ihre göttliche Bestimmung? Einheit ist nur im Geiste, wo Geist ist, ist Leben, wo Leben, da Bewegung und weil wir keine Engel sind und Flügel haben, so ist das Vorwärts unser Aufwärts. Doch sie kennen nicht den Geist, sie kennen nur den Leib. Nicht das Leben ihres Heilands schwebt ihnen vor, nur sein Tod. Gläubig klammern sie sich ans .Kreuz; doch dieses wurzelt in der Erde — cs ist ihr Wegweiser durchs Leben; doch es zeigt rechts und links, nach unten und oben; wir. aber sollen einig sein und vorwärts schreiten. Und die Politik? Was, sind wir Heiden? Spartaner? Der friedliche Bürger lobt sich seinen hausbackenen Verstand, kocht am kleinen Familieuheerd sich seine Suppe und sucht sich vor jedem Zuglüftchen von außen zu verwahren. Das ist nicht so hereingepfuschte falsche Münze, dieser Grundsatz ist bei uns gang und gäbe. Buchstabire man da eine Staatseinheit zusammen! Ueberall dieses strenggesondcrte Leben; überall dieser dünkelvolle und lebensmagre Zunftgeist, überall dieses selbstsüchtige felbftpflichtige Familienglück. — Da ist kein Mar k t d e6 Lebens — kein Geist der Zeit — kein Heerd des Vaterlandes. Wie das Gefäß die dürren Körner hält sie das Gesetz von Außen zusammen, aber Einheit heißt das nicht; denn zerbricht das Gefäß, so rollen sie nach allen Seiten auseinander. — Auch die Juden theilt wissenschaftlich systematischer Judenhaß in Schacherer, Wucherer, Krämer und Mäkler. Zugegeben; doch bei all dieser Verschiedenheit bleibt jeder: Jude. Den Umfang dieses Namens haben ja unsere Feinde selbst bestimmt. Sie dehnen ihn aus auf alle Klaffen, Räume, und Zeiten. Der Kaufmann, der Handwerker, der Künstler, der Gelehrte, der Pollake und der Franzose, unter Pontius Pilatus und in konstitutionellen Oestcrcich. Jude bleibt Jude; und das ist wahr, sehr wahr. Nur müßt Ihr nicht vergessen, der Name Jude ist nur die bittre Schale, und nur der Lhor läßt sich von der Schale verführen, der Mann schätzt den inneren Kern, und den hat das Judenthum. Diese bittere Schale schließt einen großen kraftgesüllten Kern ein, er ist: Die Freiheit des Geistes und die reineinheitliche göttliche Id ec. Jude bleibt Jude! und wie der Name sollst seine Deutung ihnen allen gemein. Sie ist die innere magnetische Kraft, die, wie dieErde, ihre Körper anlljsich zieht, und bei ihrer Zerstreuung ihnen Einheit giebt. Sie ist ihr eigentlicher Schwerpunkt, der in Zeiten großer Erschütterung sie nicht umsinün ließ. Es ist das Schibolet, daran man sie überall erkennt. Und wenn Euch der Jude auf dem Tummelplätze des Lebens anders und wieder anders erscheint, so scheint er es auch nur, ist es aber nicht. Der Schacherrock, der Mäklerplatz ist auch nur sein Kleid und wenn dieses mit der Zeit zerlumpt, wer ist schuld daran, wenn man ihn es anzulegen und darin seinen Lebensunterhalt zu suchen nöthigt und es ihm nicht einmal gestattet war, es mit einem andern zu vertauschen. Die gelben Flecken daran haben ihm ja selbst Eure Schneider aufgeheftet. Er schleppt es fort, durch das allgemeine Fastnachtsspiel, worin jeder seine Schlappe hat und lachend auf den andern zeiget, Z er spielt seine Rolle darin vortrefflich. Gott gab der Biene fj ihren Stachel und dem Juden seinen Witz; aber froh und j freudig wirft er seinen Pack und seine Maske zuhause von sich. | Da ist er Mensch, Jude, Gatte, Vater, Freund, Weltbürger. i — Da in seiner ruhigen Muße und bei freiem Spiele müßt I Ihr ihn belauschen, wenn Ihr sein inneres Wesen, seine ß Geistesrichiung, seine Liebhabereien, von denen gleichen und ß mehr begünstigten Zeitgenuffen würdigen, ja lieben lernen g wollt. Auch die großen Kinder geben sich'im Spiele zu ertz kennen. — In seinen Spielen spiegelt sich der Mensch! — | Greifet den zerlumptesten Lrödeljuden auf, lasset Euch mit? ihm in ein freundliches Gespräch ein, und ihr werdet staunen,! welche stille Glurh Euch entgegen leuchtet, habt ihr nur die

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