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Der Orient · 1848-07-29 · Heft 31 (29.7.1848) · p. Seite 244

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 31 (29.7.1848)
Date
1848-07-29
Page
Seite 244 (sequence 7)
Language
German
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Kurzem gestellt, hat ihm viele Herzen, und nicht mit Unrecht, abgewendet. Prag, 12. Juli. Es thut mir herzlich leid, daß ich auS dem Ghetto der Hauptstadt Libussa's nur wenig Erfreuliches zu berichten vermag, und noch unangenehmer ist es mir, daß ich im Angesichte der Judenheit Deutschlands unsere Gemeinde sammt ihren Führern der unverzeihlichsten Fahrlässigkeit, der Feigheit und des knechtischen Sinnes anklagen muß. In einer so furchtbar bewegten und zerklüfteten Zeit, in der alle Inden .Deutschlands'sich muthig erheben, die schweren Fesseln der Knechtschaft, abzuschütteln, in der man allenthalben die Bekenner des Judenthumö. in die Speichen der sich neugestattenden Geschichte eingreifen sieht, ist Feigheit und Fahrlässigkeit ein gar nicht zu sühnendes Verbrechen und dieses Verbrechen lastet schwer aus der Hiesigen Gemeinde. Unsere jüdische Gemeinde zählt an 10,000 Seelen und Niemand in dieser Myrias steht auf, der schneckengängigen, trägen Masse mit feuriger Zunge das Geheimniß der neuen Zeit zu lehren, Niemand verkündet als Herold der Freiheit, was jetzt vorzüglich zu thun und zu erstreben. Denn hier ist alles öde und wüst, wie das Chaos, und in Bezug auf Orthodoxe und Aufgeklärte, die sich sonst in kleinlichen Neckereien geltend machten, mochte man den uralten treffenden Spruch Jatmn'A geltend machen, da die einen wie die andern nichts taugen.. Nach den schönen Märztagen, die eine ganze alte Welt begraben, wußten unsere Leiter und Führer weiter nichts zu thun, als ein geistloses, aller Begeisterung und Liebe baarcs Komite nie- .derzusetzeu, mit dem angeblichen Zwecke, die Schritte zu berathcn, um eine zeitgemäßere Stellung der böhmischen Juden zu erzielen. Dieses voläufige Komite, aus 36 Männern bestehend, die am 11. Juni in dem jüdischböhmischen Landhause znsammengckommen, anstatt fest und entschieden die heilige Sache der Juden Böhmens in Angriff zu nehmen, da in seiner Mitte ohnehin die verschiedensten Gegenden Böhmens vertreten waren, wußte im Drange der Zeit nichts weiter zu thun, als sich für inkompetent zu erklären. Er erließ einen Aufruf, der außer seinen komischen Sprachschnitzern eine fabelhafte Unkenntniß der Zeit und ihrer Bedürfnisse bekundet. Dem Protokolle zufolge wurde beschlossen, daß für jeden Kreis von den dortigen Jndenschasten zwei Vertrauensmänner nach Prag abgeordnet werden sollen, um daselbst am 5. Juli als ordentliches Komite zusammenzutreten» Aber ungeachtet dieses wirkliche und definitive Komite in sich selbst die ganze Judenheit Böhmens repräsentirt, wurde doch der nnfinnige und höchst lächerliche Beschluß gefaßt, daß nicht das gedachte Komite für alle Wünsche der jüdischen Gemeinde sorgen, sondern jede Gemeinde kann nun für sich Petitionen it. s. w. emittiren. Mit Recht fragte sich Jeder, wozu dieses aus Depntirteu entstandene Konnte überhaupt, wenn jede Gemeinde für sich petitioniren sott? Wozu die nochmalige Wahl, da doch das erste Komite sich fest konstitnlren kvnnte? Wozu überhaupt ein Dissens, eine Zweispältigkeit, wo das Bedürfnis; so klar vorliegt? Welcher böhmische Jude konnte vernünftiger Weise ein anderes Ziel, ein anderes Interesse haben als vollständige Emancipation, worin schon Freizügigkeit, Abschaffung voll Judensteuern n. s. w.? lind konnte diese Wirksamkeit nicht das kleinste Komite in Prag übernehmen? Alle Liese Fragen legte man-sich vor und all eine Beantwortung ist gegenwärtig nicht zu denken, da das Komite mtS Personen besteht, die das Pulver nicht erfunden haben. Zu dieserDummheit des ganzen Unternehmens kam noch die Perfidie des Prager Theiles des Komite, das ans 21 Mitgliedern bestehend die Mehrheit bildete. Diese Klasse wellte um jeden Preis die Interessen der Hauptstädter von denen der Laildjudenschaft getrennt wissen , und diese schmachvolle Trennung machte sich bei jedem Gespräche bei jedem Beschlüsse geltend. Es wird nun besser sein, wenn in der That jede Gemeinde im Allgemeinen um vollständige Emaucipatiom bittet, ohne erst sich ans Specialitäten eiuznlassen und ohne erst auf das Komite zu warten, das höchst wahrscheinlich nichts Vernünftiges herausbringeu wird. — lieber unsere unglückliche Wahl werden Sie vielleicht aus den Blättern schon erfahren haben; schwerlich jedoch werden Sie wissen, daß Dr. Strobach blos für die Jlldenstadt gelvählt ist. Ans dieser Wahl werden Sie die Beschränktheit der politischen Ansichten in uufcrcr Mitte, die Taktlosigkeit in demVerfahren der Gemeindemitglieder und den Mangel an eine ordentliche Belehrung über die Zeitverhältniffe erblicken. Die Wahl an sich, welche am 8. Juli Sonnabend vor sich ging, gab übrigens noch überdies großen Anstoß, weil Juden die Schreiber waren. Es gab Stoff zu einenl Gelneindektatsch am einige Tage. — Ein großes Unglück für die hiesigen Inden ist, daß sie wahrhaft als Fremde sich geriren, weder den Deutschen noch den Czechen sich anschließen, sodaß sie von beiden Nationalitäten im Innern verachtet werden, und um: wo es gilt, sie zu sich herüberzuziehcn oder unschädlich zu machen, da heucheln die Stimmführer eine herablassende Humanität. Der Jude soll aber wissen, wohin ec gehört; er muß, wenn er nicht wie eine Giftpflanze aus dem europäischen Boden gerissen werden soll, einer Nationalität mit eben so glühender Liebe anhängen, wie seinem Glauben, und wenn in der' Emaneipationsfrage die Gegner diesen Schmutzfleck aufdecken, dann werden noch Kindeskinder das große Wehe der Vereinsamung suhlen. Die Inden Böhmens sind Deutsche; bevor noch die Czcchen in wilden Zügen in dieses schöne Land cinbrachen, waren schon Inden da, welche vom Westen Dcntschland's hingekommen. Die Juden Böhmens sind Deutsche, wie eine achthnndertjährige Geschichte der Inden daselbst beweist; die Juden sprechen von jeher daselbst deutsch wie

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