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Der Orient · 1848-07-22 · 30 (22.7.1848) · p. Spalte 471-472

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Journal
Der Orient
Volume
1848
Issue
30 (22.7.1848)
Date
1848-07-22
Page
Spalte 471-472 (sequence 4)
Language
German
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471 472 Kritiken. Aus dem Ghetto v. Leop. Kompert, beurtheilt v. E.Lehmann. Israels, warum hast du das zugegeben, warum hast du das der frommen Äille Preßburg zugcschickt, daß sich ein Kind so schwer hat versündigen dürfen? Der schlechteste Träger auf dem Schloßberg hat:' sich mögen die Haar ausreißen, und so ein großer Zaddik hat's müssen erleben. Was soll ich Euch länger verzählen, meine Kinder, man hat Hendl Rebb Paltiels immer sehn spazieren gehn mit einem-Goi, der hat ihr schöne Sachen und Kleider gegeben, und man hat nicht gewußt, wie und woher. Auf einmal hat man's gewußt, wie es ist schon zu spät gewesen. Hendl Rebb Paltiels war verloren, sie war geworden-Gott soll es ihr noch heut zu Tag verzeihn." — Als der Vater dies erfuhr, traf ihn der Schlag; nur in der „Schinne" (Agonie) bekam n die Sprache wieder zu einem Fluche für die Tochter, daß sie an dem Kinde keine Freude haben, die „Benemmerin" ihr es wegnehmen, und daß sie selbst zum Spott für Kinder und Kindeskinder werden solle. Und es traf ein, was dcr sterbende Vater gesagt: Hendl war wahnsinnig — ihr Kind todt. — Und die wahnsinnige Hendl war es, die Babele's Enkel, der sie verfolgt, durch einen Steinwurf blutig verletzt hatte, und „Golde", Babele's mit anwesende Enkelin war nahe daran, gleichen Fehltritt wie Hendl zu begehen. Babeles „Maissele" hatte sie dem furchtbaren Abgrunde entrissen, in den sie nahe dran war, sich zu stürzen! — Welche tiefe, gewaltige Tragik! Ueberhaupt ist das tragische Element das vorwaltende im ganzen Buche, und gerade hierin, glauben wir, hat der Verfasser die Tiefe seiner Auffassung und die Naturgetreuheic seiner Darstellung am Besten bekundet. Denn wo ist das Tragische tiefer, so zu sagen ins Alltagsleben gedrungen, als im Ghetto? Wo sind die Gegensätze, wo ist die Abstoßung so grell, als beim Juden, wenn er aus dem Ghetto hinaustritt ins Leben?. Er muß gerüstet sein zum Kampfe für die Existenz, die man ihm verleidet, und für die Anerkennung, bie man ihm versagt; zur Verteidigung gegen den Hohn, der seinen Stamm trifft, und gegen die offenen und versteckten Versuchungen, ihn seinem Glauben zu entreißen. — Besonders hervortretend finden wir das Tragische in der dritten Erzählung „S ch l e m i e l" , die an den Uhland'schen „Unstern" erinnert. Dem Helden der Erzählung mißlingt Alles; es ist gleichsam eine dämonische Macht, die ihn sein ganzes Leben hindurch verfolgt, von seinem Barmizwahtage an, an welchem er mitten im besten „Vorleinen" vom Schemel-, darauf er stand, herabfällt, und sich deßhalb von der Gemeinde den Spottnamen „Schlemiel" zuzieht. In diesem Worte spricht sich sein, ganzes Mißgeschick aus, verkörpert sich jene dämonische Gewalt. Dieses Wort gehr vor ihm her, dieses Wort empfängt ihn, wo er hinkommt; es ertönt von den Lippen der Braut, man rufts ihm zu im Handel und Wandel, und so werden alle seine Plane vereitelt, seine Hoffnungen vernichtet, seine Geschäfte gestört, und sein Vermögen aufgerieben. Und als endlich seine Frau selbst, die er liebt, unvorsichtiger Weise ihn „Schlemiel" nennt, da treibt es ihn fort — und Tags darauf fand man seinen Leichnam am Ufer des Flusses! — Und auch jetzt ist jene dämonische Macht noch nicht gewichen. Beim Begrä'bniß gleitet der Todtengräber aus „wobei ihm die 'Leiche, die ec an den Füßen hielt, beinahe entfallen, und -in das Grab hinuntergekollert wäre. Schlome Katz, der daneben stand, sagte noch: Er soll mir's verzeihen, noch jetzt ist er 'n Schlemiel! — Es war der letzte Stein auf den Unglücklichen!" — Es folgt eine größere Erzählung: „Die Kinder des Randars". Wenn es verstattet ist, aus dem Guten das Beste zu wählen, so möchten wir dem „Alt Babele" und den „Kindern des Randars" den Preis zuerkennen. In dieser letzteren Erzählung führt uns der Verfasser aus dem düstern Ghetto hinaus, in die frische, freie Natur, zum „Randar" (Arrendator, Wicthschaftspa'chter) Pan'Schmul, dem Mundschenk der Bauern. /Hier nun, in diesem ländlichen Stillleben erwachsen Moschele und Hannele, die „Kinder des Randars", deren Willensrichtungen in der Folge so weit auseinandcrgehen sollten. Der Wunsch der Mutter, dem der Vater aus religiösen Bedenken nur ungern nachgiebt, bestimm: Moschele, oder, wie er nun heißt: Moritz, für das Studium, das er im Gymnasium in Bunzlau beginnt. Ganz treu nach dem Leben ist die Schilderung der Studienjahre, der Zurücksetzungen, die Moritz als Jude zu erleiden hat, und der immer zunehmenden Aufklärungen) die sein zur Reife sich entwickelnder Verstand ihm über seinen Glauben , und über das ■ Verhältniß seiner Glaubensgenossen zu den Christen giebt. Er steht da nach vollendeten Studien, als ein Mann von Grundsätzen, den weder Proselytenmacherei der Christen, noch Orthodoxie der Juden in seinem Glauben zu erschüttern ver-> mögen; — da s die Frucht des Studiums, von dem der Randar Unheil für die Religiosität des Sohnes gefürchtet! Anders Handele, die Schwester, die im Dorfe bei den Eltern blieb, und deren einzige Bildung in dem Unterrichte bestand, den ein alter „Rebbe" aus dem Ghetto ihr ertheilte. Als Kind hatte sie am Liebsten mit Honza, dem Sohne eines Dorfbauern, gespielt, der später zugleich mit Moritz das Gymnasium besuchte. Diese Zuneigung hatte das Mädchen dem Iugendgespielen gewahrt — bis sie sich zur heftigsten Liebe steigerte. Honza war Geistlicher geworden, und ihm, dem Geliebten, war es ein Leichtes, das liebende Mädchen von ihrem Glauben — den sie ja blos aus Aeußerlichkeiten kannte, abwendig zu machen, und zum Uebertritt in den Schoos der alleinseligmachenden Kirche zu überreden. Ja er übte eine solche /Gewalt auf sie, daß sie selbst freiwillig das Vaterhaus verließ, und zu ihm ging — von ihm die Taufe zu empfangen. Wohl konnte die Dazwischenkunft des Bruders diesen letzten Schritt verhindert; aber konnte er aus dem Herzen des Mädchens , die Liebe reißen, konnte er ihr die Anhänglichkeit an den Glauben einimpfen, der ihr fremd sein mußte, da sie nur seine Aeußerlichkeiten kannte, der ihr kalt sein mußte, weil er sich ihrer Liebe hemmend entgegensetzte! — Und wie Viele mögen gleiches Schicksal mit Han-

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