Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1848
- Issue
- 30 (22.7.1848)
- Date
- 1848-07-22
- Page
- Spalte 469-470 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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469 470 Kritiken. Heidenheim's Abhandlungen. Ghetto-Bilder von Kompert. wöch.); Hebräisch (!3 St. wöch. und zwar:'Heidenheim '5 und Goldschmidc 8 St.)'. „Der Unterricht wird durchgängig im Geiste der Zeit, und nach geläuterten Religionsbegriffen ertheilt". Sehr verdient hat sich um die Religionsschule wie überhaupt um „die Beförderung alles Griten und Nützlichen" der erste Vorsteher, Herr Hofagent Moritz Czarnikow gemacht. Jedenfalls legt auch dieses Programm wieder Zeugniß ab, von der humanen, vorurtheilsfreim Gesinnung, die in Sondershausen herrscht. Seit 1845 rety, 1847 (also noch in der Reaktionsperiode) lehren zwei jüdische Lehrer, und zwar ein Rabbiner und ein jüdischer Religionstehrer an der städtischen Realschule; der jüdische Religionsunterricht wird als integrirender Theil des städtischen Schulwesens anerkannt, ihm ein Lokal im städtischen Schulgebäude eingeräumt, seine Statistik mit in das Schulprogramm ausgenommen, und einem Juden die einleitende Abhandlung des Programms übertragen! Alles dies, nochmals gesagt, ist vor dem Februar 1848 geschehen, und es wird wohl in Deutschland wenige städtische Schulen geben, die in dieser Zeit ebenso human verfahren wären! Auch hier hat, wie so oft, ein kleiner Staat große Monarchien überflügelt, ist die bescheidene Praxis langwierigen, zaghaften Kammerverhandlungen vorangeeilt. E. L. 19) Aus dem Ghetto. Geschichten von Leopold Kompert. Leipzig, 1848, 8. Grunow» Welch eine Fülle von Poesie liegt doch in dem Judenthume, welche Innigkeit, welche Tiefe des Gefühls liegt verborgen hinter jenen starren, althergebrachten Ceremonien, und wie entwickelt sich die Gemüthswelt so reich, so mannigfaltig, gerade da, wo alles Aeußere darauf berechnet scheint, den Geist, das Herz zu tobten: — in jenem Verließe des Druckes, der Nacht und des Aberglaubens — im Ghetto. Wer, der nicht eben das Geheimniß des Judenthums kennt, wer sollte wohl glauben, daß in jenen engen, schmutzigen Hütten, unter dem tobenden, schreienden, schachernden Haufen, Herzen schlagen, begeistert für alles Edle und Hohe, Herzen, fähig der größten Aufopferung! Und wer, der nicht eben selbst Jude ist, wer sollte es glauben, daß gerade die, welche den äußeren Satzungen und Observanzen so streng anhängen, der zärtlichsten Empfindungen fähiy sind! Wahrlich mit anderen Blicken würde so Mancher h>crniedersehen auf den unter seinem Packe keuchenden Hausirer, auf das alte Judenweib, die er jetzt nur als kalte schlaue Erwerbsmenschen betrachtet; könnte,er ergründen die Tiefen ihres Inneren, könnte er erschauen, was ihr Herz belebt und durchglüht, ihr Hoffen und ihr Fürchten, ihre Freude und ihr Leid! Das ist das Geheimnkß des Judenthums — des orthodoxen Judenthums; es ist die Religion des Herzens, des Gefühls, der Familie. — Diese Gedanken überkamen uns bei der Lektüre der vorliegenden Erzählungen, die wir unbedingt zu den besten rechnen, die von Juden und über Juden geschrieben worden sind, und die wir den Dorfgeschichten unseres gefeierten Glaubensgenossen, Berth old Auerbach an die Seite zu stellen kein Bedenken tragen. Es ist etwas Eigenes mit Darstellungen aus dem jüdischen Leben. Noch ist es keinem Christen gelungen, den jüdischen Charakter in seiner ganzen Gefühlstiefe und Innigkeit darzustellen; Spindlers „Jude" und Gutzkow's „Akosta", beide in ihrer Art das Trefflichste, was Christen über Juden schrieben, zeugen für obige Behauptung. In den Erzählungen „aus dem Ghetto" nun haben wir es weder mit geschichtlich denkwürdigen GLaubenshelden, noch mit hervorragenden Bösewichtern zu thun; einfache Handelsjudm, wie sie die Preßburger, Prager oder Bunzlauer Ghetti darbieten, höchstens ein „Randar", ein „Dofrothschild", sind hier die handelnden Personen. Aber welche Wahrheit der Charaktere, welche Lebendigkeit der Schilderung und welche Innigkeit der Empfindung spricht sich in der Darstellung selbst aus! Man fühlt es: so wie sie hier beschrieben, sind die Inden im Ghetto wirklich; man fühlt es, der Verfasser ist ein Jude; ein Jude, dessen Herz warm schlägt für seine Brüder im Ghetto. Es sind im Ganzen fünf Erzählungen, denen zwölf „Mährchen aus dem Ghetto" folgen. Die erste Erzählung: „Judith die Zweite" fällt in die Zeit Napoleons r!nÄ seiner Herrschaft in Preßburg. Ein Jude ist von den Franzosen gefangen und zum Tode verurtheilt, weil er insgeheim den Oesterreichern Lieferungen zugebracht. Allgemein hält man einen andern Juden im Ghetto für seinen „Moßerer" ^Denunzianten), und dieser ungegründete Verdacht hatte ihn förmlich in Verruf im Ghetto gebracht. Um ihn nun von diesem Verdachte zu reinigen, opfert sich seine Braut auf eine wahrhaft rührende Weise als „zweite Judith" dem Gelüste des französischen Generals, der zwar glücklicher als Holofernes davon kam — aber der Verurtheilte war gerettet — der Bräutigam vom Verdachte gereinigt. Die zweite Erzählung, eine der schönsten und gemüthvollsten, ist: „Alt Badele". Da seht das „Alt Badete" wie es daher keucht, und mit Schreck den Enkel blutend auf der Straße liegen sieht; wie es sorgsam ihn in ihre Wohnung tragen läßt, wie es ihn pflegt, ihm zuspricht und dann, um ihn zu beruhigen, ihm, sowie seiner anwesenden älteren Schwester ein „Maiffele" erzählt. Dieses „Maiffele" gehört zu den schönsten Stellen im ganzen Buche. Es ist so schlicht, so einfach erzählt, und doch so tragisch, so furchtbar ergreifend. Es ist die Erzählung von einem jüdischen Mädchen, der Tochter des früheren Rabbiner, der .in sein Studium vertieft, sich um die Erziehung und Beaufsichtigung der Tochter —. die Mutter war schon lange gestorben — gar nicht kümmerte. Das Mädchen, unerfahren und ungewarnt, war verführt, von einem „Goi". Lassen wir nur wenige Worte das „Babele" erzählen: „Was soll ich Euch länger verzählen, Kinder? Was jed' Kind weiß in Preßburg. Er, dessen Name gelobt sei, soll jedes Judenkind bewahren vor dem, was Hendl Nebb Paltiels" (so hieß das Mädchen) „hat angestellt. Heiliger Gott 30*