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Der Orient · 1848-07-22 · Heft 30 (22.7.1848) · p. Seite 235

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 30 (22.7.1848)
Date
1848-07-22
Page
Seite 235 (sequence 5)
Language
German
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235 ist der dertige Vizepräsident der Nationalversammlung, Dr. Ko sch, ein Jude! In Ungarn, Italien ist dieJudenemaueLpation so gut wie gesichert, rind o Wunder! sogar in der Moldau sott /Fürst Bibeseo dem Verlangen der Bojaren uachgcgeben nird die Judengleichstellung bewilligt haben! Freilich muß dieses Alles den englischen Lords des Oberhauses ein Dorn im Auge sein, da sie in der JlldeuemaneipationSbilL die gefährlichste Maßregel' für die freisinnigen Institutionen ihres Landes und ein Vehikel zur Vernichtung des EhristenthumS erblicken; allein von England ist für die Sache der Menschheit, für Freiheit und Gleichheit aller Nationalitäten wenig oder gar nichts zu erwarten, da dessen hervorragendste aristokratische Klasse, die von jeher das Staatsruder in Handelt hat, nicht von der Idee einer einzigen allgemeinen Freiheit, sondern von der vieler Freiheiten und Privilegien durchdrungen ist, und die Selbstsucht ist bekanntlich das alleinige Bcwegungsmoment aller englischen politischen Handlungen, und die Lords des Oberhauses wissen so gut ihren Egoismus zu bemänteln , den Sie ihren Staat, ihr Christenthum nennen. Welche Schande und welche Lüge! Nikolaus, Kaiser der Russen; du hast treffliche Bundesgenossen in den Lords of England, und kannst ruhig jetzt die eingebüßten Sympathien der europäischen Volker verschmerzen l Bixi. ^Ltpzig, 6. Juli. Der Rccensent des Geiger'schen Nit'e Na'amcmim, Hr. K., im Literaturblatte der vorigen Woche, schließt seine Betrachtung mit der Bemerkung, daß künftighin nur das L i t era tu rb l a-t t allein erscheinen möge, weil'das Hauplblatt durch die gewaltige Bewegung der Neuzeit unnöthig geworden. Diesen seinen Wunsch sucht er durch die Worte zu motiviren: Das Iudenthum hat nunmehr sein Ziel erreicht, und cs bedarf kein eigenes politisches Organ mehr, politische Separatkämpfe zu führen. Die Hütte Zion ist nunmehr ein festgegründetes Gebäude geworden, gestützt und getragen von den ehernen Säulen der Freiheit und Gleichheit; unsere Geschichte ist abgeschlossen und aufgegangen in die allgemeine, das Judenthum lebt nur noch in feiner Selstständigkeit in der Synagoge und in der Wissenschaft." Ohne Zweifel ist der Wunsch, sind die begeisternden Worte, welche den Wunsch begründen sollten, von einer warmen Liebe zum deutschen Vaterlande, von einer hohen u.nd edlen Gesinnung eingegeben, und wenn ich in einer Anmerkung versprochen, diese Satze hier zu besprechen und zu widerlegen, so ist es wahrlich nicht Mangel an solcher Liebe, der mich dazu bewegt. „Das Juden th um hat nunmehr sein Ziel erreicht,^ das ist thatsächlich nur halb wahr; das Iudenthum hat noch muthig zu kämpfen und zu ringen, um das Erhabene, Göttliche und Große., das in seinem Innern ruht, aus dem eingeschachtelten und eingesargten Leben zur wahren offenen nützlichen Wirklichkeit zu führen. Das Iudenthum in seiner unverzüglichen göttlichen Idealität ist noch nicht einmal annährungsweise verwirklicht; die Reform im Judenthume nach genauer Kunde der geschichtlichen Fäden und die Fortbildung der Grundzüge des Iudenthums im Geiste der fortschreitenden Civilisation werden noch lange Zielpunkte unseres mühesamen Scrcbens bleiben, und um in diesem doppelten Streben in der Judenhelt fortzuwirken, um die bleierne Masse unserer Brüder aus den Klauen des Indifferentismus oder der Unkultur zu ziehen und für R e s o rm uud Fortbildung des Iudenthums zu befähigen, dazu wird noch lange die AUglwallt des Wortes und der Schrift nLthig sein. Aber Hr. K. meint nicht das Iudenthum als Religion, er meint die Iudenheit, die soll ihr Ziel in dem großem deutschen Frühling erreicht haben, und diese, wie er sagt, bedarf kein eigenes politisches Organ mehr, um politische Separatkämpfe zu führen. Allein auch das ist nur halb wahr. Noch ist die Freiheit.für Israel nicht eingezogen, noch gilt es mehr als je den Kampf für die Freiheit Israels in Deutschland zu führen, und wie freudig wir auch die Errungenschaften Israels seit dem März begrüßen dürfen, so kann doch Niemand behaupten, daß wir in dieser Freiheit schon so weit gekommen, um alles Streben einzuftellen. Noch bestehen in Oesterreich, Hannover Baiern und anderswo unzählige Ausnahmsgesetze für die Bekenner des Iudenthums, und haben wir auch die Gewißheit, daß sie bei dem Siege deutscher Freiheit und Einheit verschwinden müssen, so haben wir bis dahin doch noch zu kämpfen, anzuregen, zu belehren und zu leiten, daß ein Organ 'für unsere politische freie Gestaltung wohl nöthig ist. Noch ist die Hütte Zions nicht ein festes Gebäude, gestützt und getragen von den ehernen Säulen der Freiheit und Gleichheit, denn noch ist die deutsche Freiheit und Gleichheit nicht realisirt. Am allerwenigsten aber ist unsere Geschichte abgeschlossen und ausgegangen in die allgemeine; denn abgeschlossen wird unsere Geschichte nicht einmal bei völliger Freiheit und Gleichheit Israels mit den Völkern, in denen es wohnt. Denn nicht blos der Kampf Israels um seine leibliche Existenz, das Ringen nach bürgerlich - politischer Freiwerdung, nicht blos die traurige Kette der Verfolgungen, der Kampf mit Fanatismus, Religionshaß, Niederträchtigkeit und Ehristenthum machen das Wesen der jüdischen Geschichte aus. Israels Geschichte ist vorzüglich die Geschichte seiner innern Entwickelung, die Geschichte seiner Religion, seiner Kultur, seiner Wissenschaft und diese hört mit Freiheit und Gleichheit nicht auf, sondern gewinnt vielmehr einen größeren Boden. Uebrigens ist dies Hauptblatt nach seiner ganzen Anlage bis jetzt nicht blos dem Streben nach Freiheit und Gleichheit, nicht blos der sogenannten Emancipationsfrage gewidmet, sondern vielmehr der wahren Geschichte Israels in der Gegenwart, nämlich der Entwickelung in Schule, Synagoge und Wissenschaft gewidmet, wozu der Kamps um die bürgerliche Freiheit und Gleichheit bis jetzt einen großen Einfluß geübt. Sehr richtig hingegen ist der Wunsch des Hrn. K. an besagtem Orte, daß im Literalurblatte die Recensionen und Anzeigen sich nicht blos auf die Schriften einzelner 30*

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