Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1848-07-22 · Heft 30 (22.7.1848) · p. Seite 234

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 30 (22.7.1848)
Date
1848-07-22
Page
Seite 234 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2360092-2360526-2360557--6480-3534304
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

234 fcffloncn in Deutsch La n d gleiche Rechte vindicirt , so kann er doch in Oesterreich unmöglich die Gleichstellung verwerfen., Daß übrigens die Emancipation der Juden von der deutschen konstituirenden Versainmlung proklamirt werden wird, unterliegt keinem Zweifel, - da ja selbst die Rechte bereits früher sich für die Gleichstellung aller Konfessionen ausgesprochen. Wird die Rechte etwa dem Prinzipe, daß sie in verschiedenen Ständckammern verfochten, untreu werden? Auch dann bleibt noch eine Stimmenmajorität für die Gleichstellung. XX. . Welche Kontraste! Der Präsident Dr. Fischhof — ein Israelit —- hielt eine demokratische Anrede an den deutschen Rcichsverwcser in Wien; sollte ihn aber ein Verwandter in Wien besuchen, so müßte der Letztere einen Leibzoll bezahlen! Allerdings ffnbct der Satz des Dr. Fischhof: ,,Nicht weil, sondern obgleich Sie Fürst sind, hat Sie das deutsche Volk zum Reichs- Verweser gewählt", beziehentlich aus den Redner selbst seine Anwendung? Nicht weil, sondern obgleich er ein Jude, wurde er zum Präsidenten erwählt. Doch sollen wir uns über die Kontraste nicht wundern. Unsere Zeit ist die Zeit-der Gegensätze, welche den Kampf Hervorrufen;- eine schönere Zukunft wird die Synthese bilden: Juden werden Präsidenten sein können, ohne Leibzoll zu bezahlen. Ad. Jellinek. Deutschland's vereinigte Staaten. Berlin, 9. Juli. Die hiesige königl. Porzellan- Fabrik bildet jetzt, wo der Direktor derselben sich freiwillig den Tod gegeben, das Tagesgespräch, und die alte Versündigung gegen die Juden, die sich an dieser Fabrik knüpft, werden natürlich dabei nicht vergessen. Unter Friedrich I!., der bekanntlich ein halber Barbar war, wurde diese.Porzellan-Manufaktur als Zwangshilfsquelle betrachtet und jeder Jude mußte, wenn er heurathete, für 300 Thlr. Porzellan kaufen, wofür ihm natürlich das elendste und erbärmlichste Zeug gegeben wurde. Diese Gaunerei des Staats, den Juden gegenüber, hörte freilich in 'unserem Jahrhunderte auf, aber dennoch nicht die Fabrik und da es bekannt, daß sie sehr schlecht verwaltet ist, so bedurfte es in der Thatuur eines so geringen Anlasses, um sie anzugreifen. Da sie durch eine Niederträchtigkeit erstanden, so mag sie fallen; der Staat soll nicht als Gewerbtreibcnder agiren und auftreten. ' Leipzig, 12. Juli. Nach der „Reform" sollte Dr. Ko sch, der Viecpräsident der Berliner Nationalversammlung, in das Ministerium eintreten. Er ist, wie wir aus dem genannten.Blatte ersehen, ein Israelit. — Die jüdische Gemeinde in Frankfurt a. M. hat energisch gegen den Beschluß des Senats protestirt, daß die Juden von der Teilnahme an der Berathung der neuen Verfassung ausgeschlossen sein sollen. — In Darmstadt hat die zweite Kammer die Juden noch in gewissen Punkten beschränken wollen, die erste Kammer verwarf aber diese Beschränkungen. Dieses giebt den Freunden des Zweikammersystems treffende Argumente in die Hand. Die Juden werden immer zu Parteizwecken auSgebeutct. — Die „Oesterreichifche Allgemeine Zeitung" bringt in ihren Julinummern einen trefflichen Artikel über die drückenden 'Verhältnisse der Juden in Mähren.. — Das Ghetto in Warschau ist erweitert worden. Prag und Warschau gehen also einen Weg. In die österreichische Reichsversammlung sind Ku r a n d a und Dr. F i sch h o f gewählt worden. -- 15. Juli. Aus einem Privatschreiben aus Mähren entnehmen wir leider trübe Nachrichten. Der Provineiallandtag in Brünn soll einen sehr beschränkten Standpunkt cinuchmen und nichtswcniger als menschenfreundlich gesinnt sein. —- Der Landrabbiucr «Hirsch soll insuttirt worden sein! Die Nationalgarde erlaubt sich Insulten gegen ihre jüdischen Kollegen. Der Sturz des Ministeriums Pillersdors giebt der rohesten Anarchie wieder Vorschub. Die Opfer sind leider immer die Juden. Handel und Gewerbe stocken, Ackerbau treiben sie nicht — und so werden viele jüdische Familien ruinirt. Es fehlt Oesterreich wie Preußen eine energische, thatkrästige Regierung. Allenthalben wird lavirt, mit der Reaktion geliebäugelt — und so blüht die Anarchie! Nicht die Völker , sondern die Negierungen sind anarchisch. Leipzig, 12. Juli. Leben wir nicht in einem Jahrhundert voller Wunder und Widersprüche?' Während man v.or einigen Wochen in den Zeitungen in Hülle und Fülle nur Trauriges zu lesen bekommen über Judenverfolgungen in Posen, Süddeutschland, Böhmen, Ungarn, sehen wir jetzt die Sache der Judenemaneipation überall günstigen Anktang finden; in Frankfurt spricht der ,,Entwurf der Grundrechte" in tz. 6 3. Art. ,,Alle Deutschen sind gleich vor dem Gesetze" und §. 13 3. Art. Durch das religiöse Glaubeusbekenntuiß wird der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte weder bedingt noch beschränkt"; in 'Wien ist das Ministerium entschieden für Jndengteichstettung, und Dr. Fi sch Hof lenkt mit fester Hand die wiener Bewegungen und besitzt das ganze Vertrauen der dortigen Bevölkerung und neulich hat er-das Ministerium Pillersdors zur Abdankung bewogen oder gcnöthigt, und Fischhof ist doch nur ein Mann vom Stamme Jakobs! In Berlin ist die Judenfrage längst erledigt, und dem Vernehmen nach (s. v. Nr. d. Bl.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.