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Der Orient · 1848-07-08 · Heft 28 (8.7.1848) · p. Seite 221

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 28 (8.7.1848)
Date
1848-07-08
Page
Seite 221 (sequence 9)
Language
German
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221 fremde Pflanzen in unserem Vatertande, ats ohne Liebe zu Deutschland uno ohne Ahnung von der großen Zukunft unseres deutschen Vaterlandes, die Freiheit durch die Emancipalion nicht verdienen. Das heißgeliebte Vaterland , selbst da, wo es uns tränkt, verläßt und vertauscht man nicht, wie einen Nock; der Vaterlandsliebe giebt man keinen Scheidebrief, wie einer entarteten Frau, denn diese Liebe, diese glühende Hingebung, dieses Hängen an den heimatlichen Penaten, ist wie das Gewissen, wie die religiöse Gluthunvertilgbar, das Band, das uns an das Vaterland knüpft ist wie die katholische Ehe unauflösbar. Fraget die Geächteten, welche, von der Gewalt unserer alten deutschen Tyrannen gehetzt, jenseits des Oeeans eine Zuflucht suchen mußten, fraget sie, wie sie auf den Echocuf von Deutschlands Wiedergeburt gelauscht und wie sie bei diesem Rufe der heißgeliebten deutschen Heimath zugeeilt. Die jüdischen Rathgeber/welche den Juden die feige Auswanderung nach Amerika anempfohlen, dir Komitees, welche diese Feigheit und diesen Vaterlandsverrath organisiren, sind Berrärhec an Juden und Judenthum. Unter der eisernen Wucht des frühern Systems haben Juden und.Christen unseres schönen Vaterlandes gemeinschaftlich gelitten; die große Gottesgeißel Metternichs schlug die Nacken aller Oesterreicher ohne Unterschied des Bekenntnisses, und Ihr Fichrer belügt Euere Brüder, wenn ihr ihnen vorspiegelt, daß nur die Juden gelitten. Die Wiedergeburt Oesterreich's als ein Theil des großen Deutschlands war für alle seine Söhne, ohne Unterschied des Glaubens; wie die Märzhelden sich nicht nach Konfessionen gesondert, wie das große gemeinschaftliche Grab allen Unterschied aufgehoben, ebenso ist die Freiheit, welche aus jenem Kampfe erblüht für alle. Die Freiheit unserer Presse, das Associationsrecht und die hundertfachen Errungenschaften des großen Völkerfrühlings sind nicht' blos für Christen da, und es ist ein Hochverrath, wenn Ihr im Angesichte so heiliger Ereignisse Judenklagen abwimmert. Im höchsten Nathe des großen deutschen Volkes, in der Nationcil-Versammlung zu Frankfurt, sitzen unsere Brüder im Glauben, eine , neue Verfassung für Deutschland mitkonstituirend; in unserer besondern konstituirenden Nälional-Versammlung werden unsere'Brüder sitzen; im Nathe und unter den Anführern der akademischen Legion, in unserer hochherzigen Bür^rgarde sind unsere Brüder mit der christlichen durch das schöne Band der Dürgertugendcn umschlungen, und Ihr ewigen Juden und Erzsepäratisten wollt noch besondere Jüdenklagen? Der Andere sucht mit' einer gewissen idiosynkratischen Vorliebe die judenfeindlichen Stimmungen, die theils noch der religiöse Fanatismus, theils der Eigennutz gebären mag, hervorzukehren, ohne zu bedenken, daß in der Judenfrage, b. h. in der Frage,? ob die Juden als Söhne desselben Vaterlandes gleichberechtigt sein sollen, auf jene judenfeindlichen Stimmungen es gar nicht ankommt, mögen sie aus dem Fanatismus oder aus dem Eigennutz geboren werden. In Frankreich,/ wo die Juden seit länger als einem halben Jahrhundert die Gleichstellung errungen, sind die judenfeindlichen Stimmungen nicht ausgestorben'/in Südfrankreich hält sie der Fanatismus, im französischen Norden der Eigennutz wach/und nur die allmächtige Zeit und der Riesengang der Civilisation kann sie zu bloßen Schatten herabdrücken. Und jetzt bei uns in Oesterreich, wo in das ganze große Reich die Freiheit einzieht, sich allen ohne Unterschied des Bekenntnisses anbietend, ist es wahrlich nicht an-der Zeit, die Reibungen der Judenflindlichkeit, die wurzel- und einflußlos sind, zu.schematisiren und dagegen zu polemisiren. Unser trefflicher Novellist L. Komp ert, der in seinen ausgezeichneten Bildern aus dem Ghetto das hinschwindende Ghetto- Leben mit meisterhaftem Griffel gezeichnet und ein zweiter Berthold Auerbach geworden, unser sonstiger Vorkämpfer der Juden Joseph W e r t h e i m e r, der durch sein ausgezeichnetes Weck „die Juden in Oesterreich" die tiefe Kunde unserer Vergangenheit bewährt, sollten nun auch die Gegenwart begreifen und dahin arbeiten, das Ghetto wie eine besondere Knechtungsgeschichte auf immer in das Reich der Vergangenheit zu bannen; sie sollten lieber die auch für unsere Brüder erstrittene Errungenschaft ausbauen und praktisch auf Wegschaffung der aus früherer Zeit noch restirenden Ausnahmsgesetze hinarbeiten, was aber wahrlich nicht durch Auswanderungs-Predigten und durch Klagen über Stimmungen geschehen darf. NF Len, 23. Juni. Es durfte den Lesern, dieses Blattes', die den jüngsten Ereignissen in der Moldaustadt mit Spainnntg felgten, nicht uninteressant sein, deren Rückwirkungen ans die Landstädte, namentlich auf Collin, zu erfahren. An: 14. Mittags langte am Colliner Stationsplatze der Prager Morgenzug, und mit ihm viele Mitglieder der Swornoft an, welche erzählten, daß Prag bombardirt werde", und das aufgeregte Volk haranguirteu, den Landsturm sogleich zu organistreu und ihren ezcchischeu Brüdern zu Hilfe zu eilen; ste fanden jedoch wenig Anklang. Mittwoch Mittags kamen eine Menge Flüchtlinge, Deutsche und Juden, hier an, und abermals viele Emissäre und. Aufwiegler, welche auf dem Marktplatze verkündeten, daß die Prager Inden es mit dem Militär hielten, und dasselbe mit Munition und Lebensmitteln aller Art versehen, der da staticnirte Polizei-Kommissär Bakowsky trug das Seinige bei, den Pöbel aufzureizen , vertheilte unter die vornehmsten Schreier Geld, und vcranlaßte so, daß einige Verkaufsbuden auf dem Platze niedergerissen und geplündert wurden, jedoch durch das energische Einschreiten des wack'crcn Schützenhanptmannes Knirsch / und durch das dem Pöbel gemachte Versprechen, daß die Prager Juden mit dem nächsten Zuge Collin verlassen werden, was auch größtenteils geschah, ward der Plünderungswnth Einhalt gethan. Der nächste Mcrgentrain brachte wieder eine Menge Czechen, mit der Nachricht, daß Prag an allen Seiten in Flammen stehe, und zugleich dem da garnisonirenden Bataillon Khevenhütler Marschordre nach Prag; kaum hatte das Militär die

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