Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 28 (8.7.1848)
- Date
- 1848-07-08
- Page
- Seite 220 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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220 erwägend, „daß die Erinnerung an ein solches Verhängniß einen 'tiefen, Eindruck in die Seele jedes Bürgers u n d Einwohners machen muß hatte diese Feier angeordnet. Es ist schön, einem Staate anzugehören, dessen Bewohner alle ein von Liebe geflochtenes Fa-. milienband vereint; die kein anderes Glück kennen, als das Häusliche, keinen andern Schmerz, als deü ein Blutsverwandter duldet; die, verschlossen vor der stürmischen Außenwelt, nicht betrauern die mannigfaltigen Jammer, die seit dreißig Jahren Europa trafen, und nicht Theil nehmen an der vornehmen Lust freigewordeuer Volker; denen eine hundertjährige Geschichte keine dringendere Lehre bot, als die: sorglich umzugehen mit Feuer und Licht, und keine größere Mahnung, als schnell mit der Spritze-herbei zu eilen, wenn es brennt, damit nicht durch Zögerung das große Verhängniß, das vor hundert Jahren über die- Frankfurter. Menschheit hereinbrach, sich erneuere. Glücklicher Staat. Wer fühlt, wie ich/ wird deine Hochherzigkeit zu würdigen verstehen. 'Nicht hiervon, von' etwas Anderem sei die Rede. In der Verordnung, welche der Senat der freien Stadt Frankfurt wegen jener Sacularfeier ergehen ließ, heißt es am Schlüsse: „Der Senat ...... erwartet von dem rechtlichen Sinne löblicher Bürger- und Einwohnerschaft, daß solche durch ernste Gottesverehrung• den Dank gegen die Vorsehung . . .... laut aussprechen werde. Zu dem Ende wird Sonntags, beu 27. l. M. in allen christlichen Kirchen feierlicher Gottesdienst gehalten werden, so wie in der jüdischen Synagoge Gebete verordnet sind." / Der Senat hatte mit Recht zur kirchlichen Feier eines irdischen Ereignisses nur aufgemuntert, sie aber nicht anbefvhlen , denn dieses wäre eine Verletzung der Gewissensfreiheit gewesen. Aber warum ließ man diese gebührende Achtung nur den christlichen Bürgern widerfahren, und versagte sie den jüdischen? Warum heißt es von' jenen: es wird in allen christlichen Kirchen Gottesdienst, gehalten werde n; und von diesen: man habe in der Synagoge Gebete verordnet? Warum spricht man dort von Gottesdienst, hier von Gebeten? Gesteht man den Inden keinen Gottesdienst zu? Dieser Eingriff in die religiöse Freiheit der Juden kann selbst in der vorgeblichen Verschiedenheit ihrer bürgerlichen Rechte in Frankfurt weder Erklärung noch Entschuldigung finden. Verordnete Gebete! Erhörest du sie, Vater des Lichtes? Wirst du des Herzens warmes, inbrünstiges Gebet von dem polizeibefohlenen nicht zu unterscheiden wissen? Gewahrst du nicht den lüttem Fluch der Unterdrückten, den sie aus Furcht vor ihren Unterdrückern mit Segen überzuckern? Oder wie? Ein Frankfurter Jude sollte sich liebend erinnern können der verwitternden Gebeine seiner Feinde, die vor hundert Jahren, da sie noch lebten, ein Unglück betrossen? Er sollte brüderlich der Menschen gedenken, die ihn schmähten, mißhandelten, mit Füßen traten; einer Zeit, wo er keine Vaterstadt hatte, und sein Geburtsort ihm fremder war, als jedes Ausland? .Heißt es nicht in der Beschreibung der damaligen Feuersbrunst: „ täglich mußten 100 Mann HaudwerkSbursche, Bauern, Soldaten und Juden, auf den Brandstätten arbeiten, .räumen und den Grund rvegjchaffen, und den Jndenbaumeistern wurde scharf anbefohlen,- so v i el Iu d e n / a lS it u r i uim er ntöglich, zti solcher Arbeit herbei zu schaffen." Und das Andenkens jener Zeit soll ihn mit Menschenliebe erfüllen? Er soll das Unglück derjenigen beweinen, deren Urenkel ihn heute noch verfolgen / und ihn, so viel, als es nur geduldet wird, in schmählicher Erniedrigung halten? Seit jenen: Tage, da zum ersteil Male die Befreiung Deutschlands in Frankfurt gefeiert worden, wurde stets in den obrigkeitlichen Festordnungen der sondernde Ausdruck gebraucht: den Juden seien Gebete verordnet worden. O anneS Vaterland, in dem solche Dinge geschehen! Denn, haßt oder liebt die Juden, drückt sie. nieder, oder erhebt sie, erzeigt ihnen Gutes, oder verfolgt sie. Dies.Alles sei eurer Willkühr überlassen» Aber Eins sage ich euch: Seht zu, wie.weit ihr kommt mit der Freiheit des deutschen Landes, so lange die Freiheit nicht sein soll für Alle." O e fte tu t ch. Wien, 21. Juni. Ist schon in unserem Staatsleben gegenwärtig Alles noch wirr und chaotisch, so daß man den Uusgang kaum bestimme Voraussagen kann, so ist unsere Judenfrage, d.^h. die Lösung des Knotens in dem Wirrsale der Emaneipationssrage und die endliche Abschließung der Debatten über diesen Gegenstand, noch verworrener, so daß man kaum mehr ahnen kann, wohinaus es mit den Juden in diesem stürmischen Treiben kommen wird. Und wie in der Wiedergeburt unseres Staates dieser Wirrsal zum großen Theile durch die Ungeduld unserer akademischen Legion oder.anderer Volksstürmer herbeigeführt und erhalten wird, wie es sich jetzt allgemein und sogar bei der Deputation an unfern Erzherzog Johann herausgestellt, eben so haben in der Judenfrage leider nur die Juden, vornehmlich die sogenannten Wortführer derselben, die Verwirrung zu verantworten. Die Grundzüge 'einer völligen Jndenemancipation sind in den großen Freiheitsgaben, die uns des Märzens und des Maien's Jdus gebracht, mit scharfen und deutlichen Kontouren gezeichnet, und unsere jüdischen Wortführer, anstatt besonnen und klar diese Kontouren zu einem schönen Gemälde auszusiihren, phantasiren wie Fieberkranke über Juden und Judenfreiheit, verwirren die Menge, hemmen'den richtigen Gang, ohne zu sehen, daß die Lösung unserer Judenfrage so klar und gewiß, wie die Vernichtung des alten Metternichffchen System's ist. Die Einen rathen den Juden, das Panier der Feigheit aufzupflanzen, sein theures Vaterland zu verlassen und nach Amerika auszuwandern und diese Rathgeber bekunden dadurch, daß sie selbst als