Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1848)
- Date
- 1848-07-01
- Page
- Seite 214 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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214 — Ihr mit der Muttermilch eingesogen habt, und Ihr werdet empört darüber sein, daß man es wagen darf, durch solche Gründe das Unrecht zu beschönigen! Denn Ihr werdet Euch sagen, daß Menschen nicht fremd sein können in einem Lande, welches ihre Vorfahren bereits seil Jahrhunderten bewohnen, in welchem sie selbst geboren sind, dessen Sprache sie reden, dessen Kultur sie theilhaftig sind, für dessen Befreiung sie so oft gekämpft haben. Ihre Sitten, Gewohnheiten, Gebräuche weichen von den unsrigen im Allgemeinen nicht ab; ist dies aber dennoch da und dort der Fall, so wollen wir uns erinnern, daß unsere Sitten gar nicht unbedingt nachahmungswürdig sind, daß wir die, welche sie nicht haben, zu verachten berechtigt sind. Oder soll das etwa den Juden zum Schimpfe gereichen, daß ihre-Orthodoxen Unsinn glauben? erinnert Euch an unsere Orthodoxen, seid unparteiisch und Ihr werdet gestehen müssen, daß diese der Religion der Liebe nicht näher sind, als jene. Ein anderer Grund, welcher zuerst von Eichhorn — gegen die Emancipation der Juden angeführt worden ist, ist der, daß der christliche Staat die Juden ausschließe; Eichhorn aber ist vernichtet, soll sein System noch fortdauernd Bringen wir es uns endlich zum Bewußtsein, daß ein „christlicher Staat" ein Unding sei, daß Christenthum und Staat zwei von einander eben so unabhängige Dinge sind, wie Glaube vnd Wissenschaft: Christenthum und Staat sind himmelweit von einander verschieden, aus dem einfachen Grunde, weil es das Christenthum mit dem Himmel, der Staat aber mit der Erde zu thun hat. Wer da behauptet, die Einsetzung der Juden in ihre Menschenrechte sei gegen das christliche Prinzip, der ist kein Christ, der hat nicht die Religion der Liebe. Das christliche Prinzip befiehlt uns eben so wenig die Unterdrückung der Juden, als es im Mittelalter die Abschlachtung der Juden, die auch zur Verherrlichung des Christenthums unternommen wurde, befahl; wer aber glaubt, der Staat dulde die Juden nicht, der mißt'ennt das Wesen des Staates, der hat das politische ABC noch nicht gelernt. Nur die ganz spießbürgerlichen Seelen fürchten die Konkurrenz der Juden; sie sehen aber nicht, daß, wenn sie die Juden nicht zu ihren Konkurrentenmacher wollen, sie Feinde in ihnen haben, -und sehr gefährliche Feinde! Man hat gesagt, die Juden seien für die Freiheit noch nicht reif, so wie unsere Tyrannen noch vor wenigen Wochen behaupteten, wir seien für die Freiheit noch nicht reif. Wer ist denn aber für die Freiheit reif? Offenbar Jeder, der für dieselbe zu kämpfen vermag. Die Juden aber haben für die Freiheit gekämpft. Börne, der Messias der Freiheit, war ein Jude. In dem „Befreiungskriege" haben die Juden ihr Blut in Strömen vergossen. Sie haben in diesen Tagen wieder in Berlin mngekämpft den schweren Kampf gegen die Despoten. ■ Oder wollt Ihr behaupten, die Juden standen noch nicht mit „uns Christen" auf gleicher Stufe der Bildung? Nun, dann zählt die Gebildeten unter den Juden, und Ihr werdet Euch eines Bessern belehren. Ihr sagt; ,/btc Juden haben den Handel an sich gerissen." Beweiset mir das, und ich werde die Juden mehr achten als Euch. Aber ich weiß, daß die Juden nicht den Handel an sich gerissen, sondern daß Ihr ihnen denselben überlassen habet, weit Ihr dessen Wichtigkeit nicht erkanntet; ein großer Theil von Euch erkennt dieselbe leider heute noch nicht, denn Viele von Euch verachten und hassen die Juden, eben weil si'eHan- ' del treiben. Oder sollte dem Hasse dieser spießbürgerlichen Seelen Neid und Eifersucht zu Grunde liegen? Ich kann eS nicht glauben, denn Neid und Eifersucht streiten gegen daS christliche Prinzip, da aber diese spießbürgerlichen Seelen emancipirt sind, so können sie nicht Neid und Eifersucht besitzen. Man hat behauptet, die Juden haben einen unwiderstehlichen Hang zum Handel, dem sie sich über kurz oder lang wieder ergeben, sie mögen ursprünglich bestimmt sein, wozu sie wollen. Nun, gesetzt es wäre dies wahr, so wie es nicht wahr ist, wäre das etwa ein Unglück? Der Handel ist das Glück des Landes, gegen den Misbrauch desselben aber werdet Ihr Euch durch die Gesetze, welche Ihr Euch geben werdet, zu schützen wissen. Daß aber die Mehrzahl der Juden dem Handelstande angehört, ist sehr natürlich. Zum Handel gezwungen, haben sie aus der Noth eine Tugend gemacht, haben sich mit ihm vertraut zu machen gewußt, haben ihre Kräfte zum großen Theil ihm gewidmet; die Folge davon ist, daß eS jetzt unter ihnen sehr tüchtige Kaufleute giebt. Wer will ihnen daraus ein Verbrechen machen? Es ist aber nicht wahr, daß die Juden nur für den Handel Lust und Liebe zeigen;,in den Ländern, in welchen den Juden die ärztliche Praxis und das Betreiben einer Profession gestattet ist, giebt es eine große Anzahl Aerzte, denen das Land, und besonders der ärmere Stand, viel verdankt, ebenso findet man dort viele geschickte Handwerker, die mit ihren christlichen Mitmeistern im besten Einverständnisse leben. (Forts, folgt.) Derrmsindt, 3. Juni. Der ruhmlichst bekannte Dr. Dullcr ist eifrig bemüht, auch hier einen ^kirchlichen Verein" wie den in Leipzig zn Stande zu bringen. Derselbe wird einen anbahnenden großem Vortrag in den ersten Tagen der kommenden Woche halten und dazu die Angehörigen aller Koufessiouen cinladcu. Er hat sich aus Leipzig über die bisherigen Ergebnisse, und Fortschritte des dortigen Vereins Mitthellungen machen lassen, um dieselben als weitere Samenkörner hier anszustreuen. Dies Werk ist so wichtig, daß es allerorten die vollste Thätigkeit herausforderk. Inmitten der großen politischen Arbeit ist anch unser Theil ans dem kirchlichen Gebiete wahrlich nicht etwa daS geringste. Man vergißt so leicht den Feind, wenn er sich von dem politischen Schlachtfelde klug zurückzieht. Unsere Aufgabe ists, ihm aus den religiös-kirchlichen Schlupfwinkel hervorznziehcu und für unser heißgeliebtes Vaterland unschädlich zu machen. Der Friede durch Freiheit, für welchen wir eifriger denn se ringen müssen.