Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 27 (1.7.1848)
- Date
- 1848-07-01
- Page
- Seite 211 (sequence 5)
- Language
- German
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211 und Fülle , und in jeder Familie , (ei jedem einzelnen Subjekte treffen wir Argumente. — So gerathen min diese jungen Menschen in eine Klemme, in einen moralischen SkeptieiSm, von dem sie sich selbst in ihren reisern Jahren erst mit manchen innern Kämpfen befreien können. — Sotten aber solche widerstreitende Erscheinungen sie zur angepriesencn Menschcnkenntniß 'führen? Ein Knabe, ein Mädchen schon frühzeitig in das öffentliche Leben, verpflanzen, damit sie Lebenserfahrung erwerben? Nein l wahrhaftig so thöricht wird Niemand sein, dieses als Grund anzugeben. Menschenkenntniß können wir nur dann erreichen, so unser Geist ausgebildet und unsere Urtheilskraft eine völlige Reife erlangt hat. Denn um Menschen kennen zu lernen, so, daß wir ihre Gesinnungen und Sitten uns cnträthseln vermögen, da muß die Kraft ein Räthsel zu lösen vorausgesetzt werden, und ein scharfer, tiefer und behutsamer Blick ist da unerläßlich. —.Glauben aber die guten Eltern, daß cs ssür die Kenntnisse' ihrer Kinder von not Heu sei, sie von ihrer Nähe schon so bald zu entfernen? Nur bei denen, die sich den Wissenschaften widmen sollen, mögen unsere Bemerkungen nur theilwcise bezüglich sein, da diese Zöglinge an allen höher« Erziehungsanstalten (cficiiö versorgt sind, und ihnen keineswegs freier Spielraum gelassen ist, sich in das Getümmel der Welt einzulassen, oder auch nur mit ihm genauer bekannt zn werden. Bei denen aber, die sich nur des nothwendigsten Wissens befleißigen müssen, um einst in der bürgerlichen Gesettschaft sortznkemmen, bei denen muß jedenfalls.zuerst ein sittlich fester Grund zu Hanse gelegt werden, bevor sie den Weltton mitmachen oder erlernen sotten; denn damit hat cs sicherlich noch ' so. lange Zeit bis sie diesen moralischen Boden erreicht, welches nur oder wenigstens am meisten unter der Pflege der Eltern und namentlich der Mutter möglich iss. Dcuu die Eltern wissen ja auch des Kindes Mängel und Schwächen, dessen Gefühle und Meinungen und können diesen eine recht wohlthätige und regelmäßige Richtung geben. Und wie der Arzt die besten Medikamente zur Genesung des Kranken nur bann augeben kann, wenn er mit der Matur der Krankheit und des Patienten vertrant ist, so wird auch der einen Menschen nur genau erziehen können, welcher die ganze Beschaffenheit seines Charakters genau kennt und aus den Quellen zu beurthcilen versteht. Fremde Pädagogen haben nun sehr lange zu thun bis sie ihren Zögling genau durchblickt und müssen sich viele Mühe geben bis sie dessen eigentliche Natur erforscht haben. Und ob sie sich immer dieser Anstrengung gewissenhaft unterwerfen? Bei gebildeten Ettern — hier im Sinne der sittlichen Bildung gebraucht — ist ihre Kindererzichung gewiß desto nützlicher und leichter, weil sie bei ihren Kindern gar bald die guten Lehren, durch eigenes Muster dargestellt, eingewurzelt sinden worden; bei ungebildeten und rohen Eltern aber, denen müssen wir es unverholen sagen, daß ihre Sprößlmge, wenn sie nicht vorzügliche und höchst geistreiche sein, niemals einen hohen Grad der Bildung erlangen werden, da ihr Exempel und Vorbild einen gewiß geringen Erfolg vorhersehen läßt. Es thun deshalb Eltern am besten, wenn sie ihre Kinder so lange als möglich nicht von ihrer Seite lassen, und sie den auswärtigen Instituten nicht eher anvertranen, bis sie schön die wahre Erziehung an ihrer Seite genessen haben, also erst dann den Eintritt in die fremde Welt gestatten, so sie reif an Jahren und Erfahrung sich von allen schlechten und verderbenden Eindrücken mit eigener Kraft zu entwehren wissen, wenn sie d i e Macht besitzen, als Mensch allen ihren Thaten eine sittliche moralische Basis unterzulegen. — —■ Und wenn gleich unfer großer Erziehungsresormator Basedow die Kinder so bald als möglich von beit Eltern entrissen, und sie unter die Hand, eines Lehrers sehen wollte; so vergesse man hierbei nicht, erstens was für einen Lehrer Basedow damit meinte, unter dessru Leitung er die Kinder anvertranen wollte; in eine Erziehungsanstalt wie die zu Dessau, wenn wir ihre Eigenheiten und wenige Mängel abrechnen, durfte man freilich auch heutigen Tages unsere Kleinen schicken; aber wir suchen vergebens nach solchen Instituten —■ zweitens vergesse man aber auch nicht, daß eben dieser .Meinung Basedows mit allem Rechte entgegcngetreten wurde, und daß Pestalozzi gegen diese Ansicht feierlichst opponirte, ja daß Pestalozzi, dieser große, gemüthliche und thatkräftige Erziehungslchrcr sich äußerte, nur in und durch die Familie solle und könne erzogen werden, und die Mütter und Väter wären die ersten Pädagogen eines jungen Menschen. — Und dürfen wir endlich noch einen Grund augeben, warum wir die Kleinen nicht so früh in die Welt schicken wollen, dürfen wir hierbei auch das religiöse^ Element berühren? Wahrhaftig! es ist eine betrübende Bemerkung, daß wir so ungerne von diesem Gegenstände reden, und uns als ob cs etwas recht Unrechtes wäre bei jeglicher populären oder gelehrten Abhandlung dieser Besprechung enthalten. Schon Spalding klagt darüber in einer tresfllichen Rede über die Andacht, indem er sagt: .... ,,daß sie nicht auch in ihren Unterredungen so leicht und natürlich aus diese angelegentlichen religiösen Dinge kommen, wie Kaufleute unter sich auf Handlungösachen und Staatsmänner aus Staatsgcschäste fallen. Wenn Jemand in einer Gesellschaft mit einer Art da das Herz Theil hat von der- Religion zu reden ansängt, so wird dieser wunderliche Einfall entweder geradezu unterbrochen und die Rede auf etwas Anderes geleitet, oder man zeigt auch mit einem kalten uuempchidlichen Stillschweigen, mit einer gewissen Verlegenheit der Gebärde, da man gerne zwischen Billigung und Misfatten ein Mittel erhalten will, daß man das hier gar nicht erwartet habe, daß das gar nicht hierher gehöre. Und warum denn nicht? das ist eine 27*