Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1848-07-01 · Heft 27 (1.7.1848) · p. Seite 210

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 27 (1.7.1848)
Date
1848-07-01
Page
Seite 210 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360526-2360554--6453-3534250
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

210 XII. Die Emancipation der Juden in Oesterreich nimmt den Weg von oben nach unten. Kuranda konnte Ln den Ministerrath eintretcn; die Ghctto's sind aber noch zahlreich in Oesterreich. -In dem provisorischen Wiener Ausschuß sitzen Juden; in allen österreichischen Gauen können sie aber nicht wohnen. Der Blitz der Revolution hat die höheren Kreise getroffen, dort reinigte er die verpestete Luft, und auch den Juden strömt jetzt neuer Lebensodem von Oben zu. Die untersten Schichten haben ihre Fäuste, aber nicht ihren Geist emancipirt. Der Krämergeist, der Zuuftzopf, der Neid, die Scheelsucht, die Mißgunst -— kurz ' alle Leidenschaften und Vorurtheile gegen die Juden haben sich durch die Revolution in den untersten Schichten wenig geändert, da die Masse der Körper, die Intelligenz aber der Geist der Revolution ist. Wir müssen daher auf einen bereits früher ausgesprochenen Gedanken zurückkommen. Durch die Geistlichkeit — natürlich die aufgeklärte — sowie durch Flugschriften im volksthümlichen Tone muß auf die untersten Schichten der österreichischen Bevölkerung eingewirkt werden. Es kommt nicht darauf an, ob man dem Volke etwas Neues sagt, sondern das Augenmerk muß darauf gerichtet sein, das Volk aufzuklären über die Juden. Dazu mi'lssen Rabbiner, Vorstände und .Gemeinden vereint wirken. In Tausenden von E.remplaren müssen derlei Flugblätter verbreitet werden, damit das Volk die Augen öffne und einsehen lerne, wie cs bis jetzt einem blinden Judenhasse, rohen Vorurtheilen und einem misverstandcnen Fanati-smus sich hingegcben. Ad. Jellinek. Deutschland. Heidelberg, im Juni. (Etwas über falsche Erziehungsausicht). Unter die vielen Vorurtheile, an denen das jetzige Zeitalter leidet, unter die vielen Jrrthümern, die sich jetzt bei manchen Dingen im menschlichen Leben äußern, gehören wohl anch die, welche sich bei der neuern Erziehungsmethode geltend machen. Es ist die Erziehungswissenschaft - gewiß an und für sich * schon etwas sehr Wichtiges, und es rechtfertigt sich gerne, wenn wir' auch tiefere Blicke diesem so oft und vielbesprochenen Gegenstände widmen würden, da doch die Erziehung das geistige Element deS Menschen ist, und nur durch die Erziehung er gebildet — im eigentlichsten und höchsten Sinne des Wortes — wird, wie im physischen durch das Aufziehen der Pflanze die Blume. Doch wir unterlassen es über dieses Thema im Allgemeinen zu sprechen, sondern berühren nur einen Punkt, der uns für unsere Gegenwart, der wichtigere erscheint; denn in das große Gebiet der Pädagogik können wir hier nicht eindringen, zu diesem Gebrauche müßten wir ein ganzes Lehrgebäude bearbeitert , was um so weniger vonnöthen, da wir Deutsche ja schon so herrliche Werke über, die Erziehungökuude besitzen. Und wer mochte auch zu Pestalozzis, Jean' Pauls, Herbarts und Schwarz's Systemen noch ein fruchtbareres anreihen können? daß wir diese Methoden befolgten, unsere Erziehnugsweise würde eine andere Gestalt haben oder doch gewiß eine bessere noch nehmen. — Der Zweck, den wir uns vor Augen stellten, ist einzig und allein der, die Ansicht jetziger Erzieher i e. Eltern zu bekämpfen, die in der Meinung sind, ihre Kinder sobald als möglich von ihrer Seite zu entfernen und sie in die weite Welt schicken, ans daß sie dort ihre Ausbildung genossen, wäre löblich oder wäre sogar ihnen eine Pflicht. Wir treffen dieses jetzt am häuffgsten bei den Landleutcn, die ihre Kleinen zu einem entlegenen Institute senden, das ihnen weiß der Himmel wer auch, angerathen hat. Sie glauben ihren Söhnen und Töchtern damit ein bedeutendes Opfer gebracht, und der übrigen Welt ein lobenswerthes Beispiel zur Nachahmung gegeben zu haben. So werden leider junge Knaben, unerfahrene Mädchen der Fremde übergeben, um sich dort für ihr ganzes künftiges Leben Vorrath zu holen. Daß sie aber ein geringes Quantum von Geistesproviant, ein größeres aber von Entsittlichung nach Hause bringen, wird nicht bezweifelt oder gar in Abrede gestellt werden können» Und wie anders! von der wachsamen und sorgenden Eltcrnscite und Elternaufsicht kommen diese jungen Geschöpfe mit einer unbekannten Welt in Berührung und Verbindung, in der sich nichts als Wahrheit und Lüge, Aufrichtigkeit und Falschheit, Wirklichkeit und Illusion, Rechtlichkeit und Jntrigue vermischt untereinander wahrnehmen, und natürlich noch nicht Verstand und Klugheit genug besitzen, hierin zu unterscheiden, das Gute vom Bösen, das Wahre vom Heuchlerischen 51t sondern, in keinem Falle aber — wenn sie auch, was höchst selten, zu dieser Geistesstufe gelangt fmfc — Energie genug haben, um eine solche Scheidung wirklich vorzunehmen. Solche frühe Erscheinungen sind aber einem jugendlichen Gemüthe sehr verderbend und unheilbringend, weit sie Schwankendes und Unfestigkeit in ihrer spätem moralischen Existenz zu Felge haben. Denn das Vorbild macht bei der Jugend alles aus, und ihr Herz entwickelt sich in dem Grade, nach welchem Lichte sich dis äußern Erscheinungen darin abspiegeln. Ist eö doch eine psychologische Wahrheit, daß auch die ersten Eindrücke jeder Sache, die ersten Eindrücke unserer Frühzcit eine fortwährende Wirkung über uns äußern, daß sie — wenn ich eö so nennen darf —: eine magische Gewalt über uns besitzen und sich so sehr ein wurzeln, daß wir ihren Einflüssen kaum entgehen gehen. Liefert uns doch die Geschichte selbst Belege hierzu in Hülle

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.