Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1848)
- Date
- 1848-06-24
- Page
- Seite 205 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2360092-2360526-2360553--6447-3534235- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 205 - der Israeliten und äußerten ungestüm die Wünsche für die beständige unveränderliche Einigkeit zwischen Israeliten und Christen. Nachdem sich die erste Begeisterung ein Wenig gelegt Hatte, konnte Hr. Bnsnach zwar mit Mühe, eil! wenig Ruhe erlangen, um folgende Vivats auszubringen : „Es leben die resormatorischen Fürsten Italiens l - Es lebe Leopold, der italische Fürst! —; Es lebe Pins IX, der Große, der Hohe, der göttliche Pius IX! Es lebe die Einheit und Unabhängigkeit der Völker und Fürsten Italiens! — Es leben diese unsere Brüder, die Venezianer! Hierauf bat Hr. Adv. Giera, daß das Volk sich wieder in Abtheilungen reihen möchte, was mit wunderbarer Schnelligkeit geschah, und man machte -sich auf den Weg zur Kirche St. Anna. Ehe mau dahin gelangte, erschien eine neue Deputation der Venezianer, um die Fahnen in Empfang zu nehmen. In die Kirche traten alle Deputationen und ein Theil des Gefolges ein, die Uebrigcn blieben in vollkonnnener Ruhe Außen stehen. Die Kirche war festlich dekorirt und schön beleuchtet, und der Deputation der Israeliten wurden geschmückte Ehrenplätze angewiesen. Als die drei Fahnen auf dem Hauptaltare aufgestellt worden waren, wurde ein Tedeum mit Orgelbegleitung gesungen, worauf der Adv. Giera, vbschon seine einftche Bescheidenheit, welche die vielen Vorzüge seiner edlen Seele noch erhöht, sich dagegen sträubte, sich neben den Altar begab, einen Israeliten und einen Christen an der Hand haltend, den Anwesenden sagte, daß diese Fahnen den Bund der Einheit und der Verbrüderung zwischen der: Bekennern der beiden Kulte vorstellen sollten, welcher nie mehr aufhören, und sowohl bei den Annehmlichkeiten des Friedens, als auch. auf dem Schlachtfelde sich stützen sollte, wenn der Feind gegen das gemeinsame Vaterland die Waffen erheben würde. Dann legte er die Hände des Israeliten und des Christen in einander, und jedem einen Brnderkuß gebend, rief er aus: Bei diesem Kusse, den ich einem israelitischen und einem christlichen Bruder gegeben habe, denke ich in meinem Herzen Euch Alle zu umarmen und zu küssen. O meine Brüder! diesen Bund der Einigkeit und Verbrüderung, der unverändert ewig bleiben soll, zu sanktioniren, darauf Christen und Israeliten schwöret, an dieser heiligen Stätte schwöret, daß ihrdiesen feierlichen Bund niemals brechen wollet. Und die Hand erhebend/ riefen Alle laut aus: „Wir schwören es — wir schwö- , reu cö 1" und jetzt, Alle gerührt, umarmten und küßten sie sich herzlich, und lange hörte man unter Frcundschaftsbelheuernngen und Thränen der Rührung die Worte aussprechen: „Es leben die Israeliten, es lebe . die Emancipation! es leben die Christen! es lebe Pius IX! cs lebe Leopold. II! e§ lebe die Einheit und die Unabhängigkeit Italiens!" Doch rmr diejenigen, welche diesem Akte beiwohnten, können sich einen Begriff davon machen, und vermögen kaum mündlich die rührenden Scenen zu schildern,-welche das geschriebene Wort, nur schwach darzustellen vermag. Jubelnd traten sie aus der Kirche, ordneten sich in noch zahlreicher gewordene Abtheilungen, und begaben sich mit Fackelbegteitnng in das am Meisten von Israeliten bmohnte Stadtviertel, welches, so gut es ging', in der Eile beleuchtet worden war. Hier erneuerten sich die feurigsten Wünsche der Brüderlichkeit und Liebe, worauf man in größter Ordnung auseinander ging. Am folgenden Tage, am 6. September, jenem Tage, den Keiner .voll uns Allen je vergessen wird, Schlag 12 Uhr füllte sich der prächtige Tempel der Israeliten mit einer Menge Menschen, Israeliten und Christen, Livorneser Bürger sowohl, als auch Fremde. Hier ivurden passende Psallnen und Hymnen gesungen. Hierauf hielt Hr. Elias Benamusigh, Adjunkt des-Predigers, eine Rede. Er begann damit, unfern vielgeliebten Fürsten für die vielen Wohlthatcn zu'loben, welche er dem Lande Toskana cmgedeihen ließ, und als er der neuesten und wichtigsten, der Einführung der Bürg erg arde gedachte, sprach er cilfo: . „Und Du endlich mit dem thenern Gesetz, das alle Herzen erfreuet«:, Dich Deinen Kindern zuwendend, sagtest Du Zu ihnen: „Diese Waffen, welche eine alte Gewohnheit Euch zu führen verbot, Euer Vater und Fürst vertraut sie Euch an; ergreifet sie, führet sie zur Wehr, zur Stütze unseres gemeinsamen Vaterlandes: ergreifet sie, um die Ruhe, die Ordnung, den Frieden des Staates zu sichern, ergreifet sie zum Schrecken der Bösewichte, zmn Tröste und zur Rettung der Guten. — Euch Bnrgcrwachen vertraut sie Leopold, der erste Bürger Toskana's, an; zeiget Euch würdig des italienischen Namens, würdig dieser erwünschten ruhmvollen Stiftung. Und Dein Name, v Leopold, durch deine Thaten mehr als durch eitle Bildnisse, oder marmorne Monumente unsterblich gemacht, wird mit jenem des großen Pius vereint, von den spätesten Nachkommen gesegnet werden; gesegnet, weil du nicht durch morsche Künste einer strengen und furchtbaren Herrschsucht regiertest, weil Du Deinen Thron nicht auf die wankenden Pfeiler der Unterdrückung und der Gewalt stelltest, sondern auf den Eck- ' stein einer liberal regierenden Weisheit, jener Weisheit, welche die Fortschritte der Zeit benützend, statt der majestätischen Entwickelung der Menschheit sich entgegensetzen zu wollen, sich muthig an ihre Spitze stellt, und indem sie auf ihre Standarte die Worte — Ordnung und Freiheit —- setzet, das Fürstenthum rechtfertiget, verschönert, veredelt, die Freiheit ermuthigt, stärkt und einheitlich gestaltet." Hierauf sprach er, zu den Zuhörern gewandt: Aber Ihr seid Italiener l welcher Ruhm wäre auch nach die-