Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1848)
- Date
- 1848-06-24
- Page
- Seite 202 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 202, - Karlsruhe, 31. Mai. Ich erlaube mir, hier eine Abschrift des Gebetes Leizulegen, das der großherz, bad. Oberrath der Israeliten, mittelst Schreiben vom 25. d. M. angeordnet, beim Gottesdienste für den Erfolg der deutschen Neichsversammlung zu recitiren. Es'lautet: „Ewiger, unser GottI Dein o Herr! ist die Größe und die Stärke und der Ruhm und der Sieg, und: die Majestät, Alles im Himmel und auf Erden und du bist das über Alles erhabene Haupt; Du herrschest über Alles, und in Deiner Hand ist Kraft und Stärke, und in Deiner Hand steht es, Alles groß und stark zu machen; bei Dir ist der Rath und das Heil; bei Dir die Weisheit und die Macht; durch Dich regieren die Fürsten und die Auserwähtten setzen fest das Recht. Du läßt das Loos fallen über die Einzelnen wie über ein ganzes Volk; Dein Wort vernichtet ein Volk und ein Reich, und Dein Wort pflanzt und bauet ein Volk und ein Reich. Deine Allgüte hat stets gewaltet über - nnserm biedern deutschen Volke. Du - hast es begabt mit dem reichen Segen Deines Geistes von oben, daß es zum Lichte der Wissenschaft und zur Leuchte der Gestttnng wurde für alle Völker; Du hast, es begabt j mit dem reichen Segen des Bodens von unten und mit den Früchten seines Fleißes und seiner Thätigkeit. Der Muth, die Tapferkeit und der Edelsinn stiller Söhne hat sich Ruhm erworben bei allen Völkern. So bestrahle auch o Herr! mit der Sonne Deiner'Huld den großen Tag, welcher über nnserm thcuern Gesammtvaterlande aufgegangen, daß fle Genesung bringe, nach alten Richtungell; den Tag da seine anserkohrenen Söhne aus allen Stämmell von allen Enden., versammelt finb, um den Grundstein zu der deutschen Reichsverfassullg zu legen. Friede, Friede! mögest du sprechen dein Fernen' und dem Nahen! und dann wird Heil kommen. Es lnöge Dein Geist auf dieser ehrwürdigen/Versammlung .ruhen, der Geist der Einsicht und der Weisheit, der Geist des Raths und der Stärke, der Gerechtigkeit, Liebe und Versöhnung, der Geist der Erkenutniß und Furcht des Herrn. Möge Deine Huld über ihr walten und ihr großes Werk befestigen, denn all unser Thun gelingt nur durch Dich. Wie die Erde nun ihre Pflanzen treibt und wie der Garten aufsprossen läßt seinen Saamen, so möge auch aufsprosstn durch jene erhabene Schöpfung Heil uild Ruhm für unser großes Vaterland, daß es in seiner Herrlichkeit dastehe gegenüber allen Völkern. Ein Band der Eintracht und des Zusammenwirkens umschlinge alle seine Bruderstämme, ein Band der Liebe alle seine Kinder'jedes Standes und Bekenntnisses, gleichwie ein gleich es Gesetz sie vereinigt. Durch die Gesamlntkraft des großen deutschen Volks mögen neue Onellen des Wohlstandes sich öffnen und frisches Leben und Gedeihen jedem einzelnen Stamme. Der Kleine werde dadurch zu Tausenden und der minder Mächtige zu einem mächtigen Volke. Der Herr verleihe uustrm großen deutschen Vaterlande durch die Eintracht seiner Glieder Macht! Der Herr segne es mit Frieden! Amen. Schmiegel, im März 1848. (Verspätet.) Durch Autopsie und eine Sammlung' vieljähriger Erfahrungen, als unpartheisches Mitglied hiesiger Judengerneine, die allmälige Entwickelung derselben in, moralischer und religiöser, Beziehung speciell kennend, bin ich im Stande, entfernt von zwecklosem Bekritteln der Wahrheit gemäß folgenden Bericht zu entwerfen und der Oeffentlichkeit zu übergeben. Die hiesige jüd. Gemeinde, ungefähr 70 Mitglieder zählend, besitzt eine Synagoge, ein Gemeinde- und ein neues Schulhaus. In Der Synagoge herrscht, besonders seitdem die neue Synagogenordnung in Kraft getreten, während der Andacht, Ruhe und Würde, welche nie unterbrochen wird.; Für die allgem eine Heranbildung der Lugend wird hier durch den öffentlichen Elementarunterricht, besonders inspickrt von unserm geachteten Rabbiner Herrn Feldblum, welcher zugleich Religions- und Konfirmanden-Unterricht ertheilt, gesorgt. — Nach dem Ausspruche der heiligen Schrift, „es wird nie an Armen fehlen" ist auch hier leider an Armen kein Mangel. Dies ist aber zu ihrem eignen und der jüd. Gemeinde Ruhme bemerkenswerth, daß kein hiesiger jüdischer Arme den Bettelstab zum Erwerbzweig macht. — Wenn auch fast alle Mitglieder der hiesigen jüd. Gemeinde nichts weniger als keine Orthodoxen sind; so ist dennoch bei Vielen das Streben nach Intelligenz, Aufklärung und intellektueller Bildung nicht zu verkennen und sind Alle in religiöser Beziehung gegen Andersdenkende tolerant. Der Friede, als Fundament aller Moral, herrscht in hiesiger jüd. Gemeinde, sowohl in den Familien unter einander, . als in den Verwaltungen der Korp. musterhaft und urunterbrochen, und es ist gewiß der Mühe wert!) öffentlich zu bemerken, daß unter den Familien hiesiger Gemeinde äußerst, selten ein Jnjurienproceß verkommt. — Auch . haben die getheilten Meinungen noch bei keiner Wahl zu Excesien geführt, wovon der Grund lediglich in der friedlichen Gesinnung und keineswegs im Jndifferentismus liegt. Um den Frieden in den Verwaltungen der hiesigen jüd» Korp. macht sich aber besonders (dem Verdienste seine Krone) — unser allgemein geachteter Korp.-Vorsteher- Herr Jakob Hamburger, sehr verdient, welcher seit einer Reihe von Lahren die innern und äußern Verwaltungs-Geschäfte bearbeitendleitet, und durch dessen Umsicht kein etwa aufkeimender Zwiespalt an Ausbreitung gewinnt. Die edlen Pflanzen der Moralität und Religiosität, in den ganzen hiesigen Gemeindemitgliedern pflegt aber im Allgemeinen mit Erfolg unser allgemein hochgeschätzter Rabbiner Hr. S. Feldblum, welcher, der vollkommenen Zufriedenheit