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Der Orient · 1848-06-17 · Heft 25 (17.6.1848) · p. Seite 199

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 25 (17.6.1848)
Date
1848-06-17
Page
Seite 199 (sequence 13)
Language
German
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— 199 - dieses Gewölbes erhob sich citadelleriarlig eiile im buchstäblichen Sinne eiserne Bastille mit äußerm und Lnnerm Gewerke von deren Zinne ein dickes breitschultriges Bieh Gottes, auf die gleich einer Belagerung ringöumstehendcn Gemeinde niederbliuzte, gleichsam neckisch sagend: ich stehe noch fest, au dieser Veste wagt selbst der Zeitgeist sich vergebens. Drunten im Lager tummelt sich ein munteres Kallignlchen oder Marketcnderchen herum, seine himmlische Waare um sehr thcnre Preise ausschreiend und die darnach heißhungrige Schaar reißt sie sich im Preise übcrbietend einander ans dem Munde — die Drascha!— die Predigt!— Geduld, meine Lieben! Ich konnte vor Staunen lange nicht zu mir zurückkemmen, mehrcrenrals rieb ich mir die Augen und schüttelte meinen Freund, ob ich mich denn wirklich unter ostr. konstitutionellen Bürgerkandidaten befinde, und mich nicht in irgend eine Geschichte aus dem Mittelalter versponnen hätte. Es schwindelte mir vor meinem Geiste, in diesem grellsten Widerspruche, in diesem schreiensten Kontraste, einen Zusammenhang zu finden. Zur Drascha! — bald. Sie müssen den Kunstgeschmnck unserer modernen Athener vollends kennen lernen. Auf dem blauen Hintergrund einer au der Wand dicht aufgetragcnen Draperie mit reichem Faltenaufwande und Quasten, stehen auf einem aus der Mauer hcrvvrsteigendeu Gcbälke, zwei katzcnartige Thiere, die zwischen ihren Tatzen die Gesetztafeln halten, und von ihnen.in freier Lust hangend, schwebt ein grauer, alter Steinadler mit weitausgebreitetem Fittige, als wollte er sich eben auf einen Fraß niederstürzen, in seinen Krallen die ewige Lampe tragend. Unter diesen Fittigen, auf einer Erhöhung, erschien, nach einem großen Geräusper und Geklapper mit den Ständern, ein Mann von ächten orient. Typus und scharfgeschnittenen charakteristischen Zügen. Nachdem er sich vor dem Pcrochet, zwar sehr schwer losgerissen hatte, in das er sich anfangs ganz einzuwickeln zu wollen schien, zog er aus der Kutte ein gewaltiges Papier hervor. Doch etwa die erste Zeile die ich hörte, sagte nur, daß ich heute auf eine Predigt wohl schon verzichten müsse, da der Mann noch mit den Polizeigesetzen der deutschen Leseknnst vielen Hader hatte. Aber der schlotternde Gang und das Radebrechen der hebr. Texte, die ohne Pnnktation in jener Schrift stehen mußten, ließ mich noch etwas Schlimmeres befürchten, und mir war auch um die Drascha bange, und leider hat der AnSgang meine Besorgniß nur allzusehr gerechtfertigt, Dwm MI nilD war der Text, den der Landesrabbincr ansznlegcn die Rabbiner gebeten hatte, und den unser Rabbi so crbärinlich znrichtete, daß der arme Jesaja darob bittere Thränen im Paradiese weinen mochte. Sie erwarten hier vergebens eine Schilderung des größten Unsinns, der je in einem Menschcngehirne auSgebrütet wurde und ich bemühte michauch vergebens ihnen solchen wiederzngeben. Ich rede Wahrheit, so wahr mir Gott helfe! Der ganze Kram war die Ausgeburt dir krassesten Unwiffenheit, gepaart mit der bekannten alturbbimschen Anmaßung, die Erfindung eines erhcnchelteu Weltschmerzes , vereint mit ' einer eben so falschen Frömmelei. Zuerst ward, wie ich gesagt, auf Jesaja herumgetrampelt, dieser rächte sich aber damit, daß er den Hrn. Rabbiner in der beigedrnckten deutschen Uebersetzuug, aus der er seine Allwissenheit holte, um eine Zeile herunterfallcn ließ, durch welchen Unfall er, das Gleichgewicht einmal verloren sehend, sich verloren geben und über Hals und Kopf den ganzen Text herutttcrpurzcln mußte. Dann wurde ein Fall aus dem Leben des Don Jizchak Abrawanel bei den Haaren herbeigeschleppt. Dann mußte die Zeit und die Welt herhalten, auf die tosgescholten wurde. Dann ward eine rührende Schilderung des tiefsten Sittenvcrderbnisses der heutigen Menschheit und des daraus entstehenden Elends und Jammers entworfen. Dieser folgte systematisch die Verfolgungogeschichten re. und wie das Elend auch immer näher auf uns herandringe, und wie wir bei Zeiten uns davor zu verwahren und auf Mittel bedacht sein müssen, die stark sind, die Gefahr von uns abzuwenden. Darum habe er schon verordnet, daß jeden Abend in der Synagoge fünf Kap. Tillim gesagt werden und damit man sehe, wie es auch an ihm nicht fehlen soll, alles aufzubieten, wenn es das Wohl seiner Schafe aufrecht zu halten gilt, so wolle er, wenn man ihm nur tüchtiges Zusammenhalten verspricht, jeden Sonnabend mit rv^nD ^pi&'n und D.TON |JID. Exercizicn halten — w.'re. — Und von der Bastille herab geschah ein Schrei, von welchen die Mauern von Jericho cingestürzt waren und gewiß auch die Bastille, wenn sie nicht noch stärker als die Mauern von Jericho dagestandeu wäre. — (Beschluß folgt.) Praktische Bemerkungen. (Schluß.) Zu ähnlichen Betrachtungen veranlaßt uns das in Nr. 3 d. I. angekündigte neue Religionswerk. Die Namen der Hrn. Herausgeber bürgen>' jedem tüchtigen' Schulmanne für eine ausgezeichnete Leistung, die um so willkommener sein, je mehr von den israelitischen Lehrern in den elementarischen Lehrmitteln des geographischen, historischen und archäologischen Moments auf jüdischem Gebiete, die größte Lücke tief empfunden wird» Schreiber dieses hegt nur noch den Wunsch, daß auch eine ausführliche Karte des ganzen altkü Schauplatzes der Bibel beigegeben werden möchte. Sehr erschütternd ist aber das freimüthige Bekenntniß jener einsichtsvollen Schulmänner, daß der überreiche Schatz an moralisch religiösen Sentenzen und Aussprüchen aller Art, welche ehemals allen unterrichteten Israeliten geläufig, und

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