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Der Orient · 1848-06-17 · Heft 25 (17.6.1848) · p. Seite 198

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 25 (17.6.1848)
Date
1848-06-17
Page
Seite 198 (sequence 11)
Language
German
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- 198 - augenblicklichen Nutzanwendung und Brauchbarkeit abschätzend, diese Leutchen meinen nun mit diesem haushälterischen Verstandeslämpchcn auch das -große All durchsuchen zu können und ihre strenge Oekonomie zum Maßstabe der jetzig sich rungestaltenden Weltordnung zu gebrauchen, und da sie dort wie es nicht anders zu erwarten steht, die Sachen ganz anders finden, weil auch dort ganz andere Kräfte im Streite find, und das-ihnen nicht zu Kopfe will, so glauben fie den Bau der Welt, die doch nur ihretwegen da sein kann, von wahnfiirnigen Ideen untergraben und befurchten in dem Umsturz ihres Geschäftes.den Umsturz der Welt. --7 Daß in dieser schrecklichen Lage die meisten unserer Glaubensbrüder sich befinden, dürfte uns gar nicht befremden. Wie und bei welcher Gelegenheit sollten, da das starre absolutistische System uns von jeder Uebung oder Theilnahme in den öffentlichen Angelegenheiten barbarisch zurückstieß, dergleichen freie lichtvolle Ideen, zumal tu -die unteren Schichten des Volkes,, mich nur hineingeblitzt, geschweige denn sich gar. geltend gemacht haben? — Sehen wir doch, wie schlecht der größteTheil unserer christlichen Mitbrüder, die ihrer Stellung zum Staate und der freiem Uebung ihrer Kräfte nach, jenen Ideen viel näher stehen sollten, wie schlecht sic die Zeit und ihre Forderungen verstehen, und können sich so viele nicht genug verwundern, woher den Juden in Oesterreich auf einmal so viele Talleyrands Herkommen, wenn anders sie nicht aus der Erde hervorwachsen oder besser mochte ich sagen vom Himmel herunterfallen — doch auf unsere Sache zurückzukommen. — Es ist die traurigste Lage, sage ich, in der sich das Volk befindet, und das schlimmste ist, daß die fehlende Gluth des Glaubens, die es sonst zur höchsten Resignation, ja zum Märtyrerthum fähig machte, noch nicht durch jene Seelengröße ersetzt ist, die kämpfend für das Recht zu siegen. und zu sterben weiß. — Welch ein hohes Verdienst sich nun unsere Rabbineu .und Volkslehrer um ihre Gemeinden verschafften, wenn sie eben jetzt, wo cs noth thut, diesen fühlbar machten, daß sie Männer an ihrer Spitze haben, die ihnen das Räthsel der Zeit zu lösen im Stande sind; warme Freunde, lie ihre Verluste mit ihnen fühlen, aber Heller und weiter sehend, sie über diese Verluste wohl zu trösten wissen; Gottcspriester, die sie von boshaften oder wahnsinnigen Menschen in den Staub' getreten, durch die Kraft des göttlichen Wortes wieder aufrichtcu und in Vertrauen auf seine Hilfe stärken; weise Rathgeber, die ihnen in diesen Wirren weisend und rathend zur Seite '-stehen Om “im ntynm Jesaja); daß es in ruhigen Zeiten keine Kunst ist. eine h'n.)T) -Derascha hernntcrzuwitzeln und daß es eben jetzt in dieser leidenschaftlichen , ausgercizten und aufgeregten Gegenwart an der Zeit ist, fest aufzutreten, und zu beweisen, daß man seine Stelle mit Würde und Nachdruck ausfülle, wird wohl jeder ein sehen. — Doch ob dieses überhaupt bei uns geschieht, und wenn es geschieht, in welcher Weise darin zu Werke geschritten und verfahren wird, sollen 'meine freundlichen Leser aus Folgendem erseheu. — Unweit Austerlitz, das Ihnen meine fr. Leser von dem Siege Napoleons und der Unterlage Feilbogens gewiß rühmtichst bekannt ist, liegt von der Landstraße ab tief landeinwärts zwischen dem Gebirge der Ort und in dem Orte die Gemeinde Butsch owitz. Ein wohlhabendes industriöses Völkchen, mit vielen Fabriken, einem Rabbiner, funkelueuen Sitten und einer nach 10 Jahren ins Leben zu tretenden Schule. Dahin eilte ich denn niDN ntfina tsfy/ da es schon spät Abend war, noch vor Sonnenuntergang gtt gelangen, um meinen Freund von der Akademie zu besuchen. Gewiß, dachte ich, als ich in das Stadtgehege cinfnhr und das Städtchen so gemüthlich stille im Abendrothe vor mir liegen sah, hier werde ich doch endlich einen Tag wieder der Ruhe pflegeil dürfen und entlaufen dem bunten Weltgetümmel, das einen unaufhörlich an die Gegenwart gefesselt hält, mich mit meinem Freunde in die glücklichen Tage auf der Akademie zuruckfiüchteu können,'wo wir so manches, das da heute auf dem Schauplatz der Geschichte erscheint, schon damals im Geiste sahen und es> tief ans der Seele herbeiwünschten. Ich streckte schon die Glieder, feststellend, in dieses friedliche Thal konnten doch nur die äußersten schwächsten Ringe des aufgeregten politischen Weltmeeres gelangt sein; aber ich hatte mich sehr geirrt. Wie draußen ans dem flachen Lande/ fand ich auch hier meine sonst so glaubensstarken und vertrauensfestcn Brüder zittern und zagen und hatte wieder die Kränkung so manchen staatsklugen Hausvater über die neue Politik abzuurtheileu und auf deren unberufenen Anwälte losschelten zu hören. Die Nacht hatte sie um nichts gebessert und ich hatte des Morgens noch größere Noth. Wie erfreulich mußte es mir daher sein, als es mir allein sie allesammt eines Bessern zu belehren unmöglich fallen mußte, und man mir meldete, der Hr. Rabbiner werde heute in der Synagoge, bei Gelegenheit der Verlesung einer von dem Landeörabb. H ir sch an die Gemeinde eingelanfenen Epistel, einige zeitgemäße Worte an dieselbe richten. Na, der Mann weiß doch endlich waS es geschlagen hat, dachte ich, und konnte hum i?m Mnsaf erwarten. An enter 9toif;c geschmackvoll gekleideter Schnlgänger, die in allen Sprachen salutirten, gelangte ich mit meinem Freunde vor die Synagoge. Er stieß mich voraus einige Stufen abwärts, und nach einem kurzen Gange durch eine kühle dustere Halle, wieder mehrere Stufen abwärts und ich befand mich in einem mittelwciten unterirdischen Gewölbe in welches das Licht von oben herab durch dritthalb begtaste Löcher fiel. In der Mitte.

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