Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 25 (17.6.1848)
- Date
- 1848-06-17
- Page
- Seite 195 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2360092-2360526-2360552--6436-3534215- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
195 lichen Schließung der Ehe einen bestimmten Tag tci* Behörde des Wohnsitzes der Braut änzuzcigcn. §. 3. An diesem Tage erscheinen die angeheliden Eheleute mit vier Zeugen. Sic geberd ans die Anfrage des Beamten die feierliche Erklärung ab: daß sie in die eheliche Verbindung willigen , und der Beamte spricht darauf aus: daß ste nunmehr durch das Band der Ehe gesetzlich vereinigt seien. Ueber den ganzen Akt ist ein Protokoll aufzunehmen und von den Eheleuten und Zeugen zu vollziehen. §. 4. Darüber, in welchem Glaubensbekenntnisse die aus einer solchen Ehe entspringenden Kinder zu erziehen seien? entscheidet der Vater» Stirbt der Vater vor getroffener Bestimmung, so geht die Entscheidung auf die Mutter über. Sind beide Eltern vorher mit Tode abgegangen, so sollen die Kinder in dem Glaubensbekenntnisse des Vaters erzogen werden. §. 5. Die Behörde des Wohnsitzes des Ehemannes wird Register über solche Ehen, die aus der^selben entspringenden Kinder, und die Todesfälle in diesen Familien führen, und die Extrakte aus diesen Registern haben vollen öffentlichen Glauben. Alle Behörden und jeder Einzelne, den es angeht, haben sich hiernach zu achten. O e st e r r e i ch. Pesth, 26. Mai. Nachdem wir uns mühsam durch einen Wust voll Flugschriften, die stromweis ans der Presse in die OeffentlichkeiL münden und sie überftuthen, dnrchgewunden, gelangten wir an eine lieblich grünende Oase, die uns Erholung zu bieten verspricht, es ist das ein kleines Drnckschristchen, die Glaubensartik'el und Grundsätze der Anhänger des reformirten Jndenthums enthaltend, dessen Drnekort Papa ist. Papa, das vor Kurzem noch in mittelalterlicher Orthodoxie dunkelte, und sich gegen das Eindringen europäischer Civilisation streng abgesperrt, wer hätte es ihm vor zwei Jahren vvrausgesagt, daß es ein Bethlehem der ungarischen Judenheit werden wird, und daß an seinem nächtlichen Himmel die hctlleuchtendsten Sterne anfgehen werden! lempora mulrurlur und wer weiß was nicht noch wird. Der ungenannte Verfasser bercgter Schrift hat die im Bewußtsein der Gebildeten verwaltenden Ansichten über die wichtigsten Glanbensinteressen zu neun Glaubensartikeln zusammcngetragen, wohl erkennend, daß, was nicht früher bereits anerkannt, oder logisch sich Nachweisen lasse, auch heute keinen Eingang mehr findet; er strebt die Rückkehr zum reinprophetischen Judenthume an und ist es ihm um Beseitigung des Irrglaubens an Dämonen, an Seelenwandernng, einen persönlichen Messias, eine. besondere Heiligkeit des jüdischen Volksstammes-u. dgl. zu thnn. (Dabei müssen wir den Ausdruck ,,Vorrecht auf Gerechtigkeit" als einen Widerspruch involvirend rügen.) Er spricht es offen aus, daß der Unterschied zwischen dem reformirten und stabilen Judenthmne kein blos formeller, sondern ein prinzipieller sei, in felgenden Worten: „Hier (im stabilen Judenthnme) den das MenschLhum verkennenden und verachtenden Pharisäismus, dort die nervige Prophetie, die das Leben mit den Menschen als solchen im Reiche Gottes emaneipirt; hier Sitte dort Sittlichkeit; hier Werkheiligkeit, dort religiöse Gesinnung; hier die Geltung jedes Aberglaubens, so er nur alt ist und isolirt, dort die Herrschaft der menschlichen Vemnnst u. s. w." Weiter bemerkt er: das Volk wird es einsehen, wie mit dem erstandenen Pharisäismus die Mauern Jerusalems und die Ehre Israels in den Staub sanken und wie nur die Rückkehr zur Lehre der Propheten ihr wahres Heil und seine Ehre wieder bringen wird." So wenig es auch zu verkennen ist, daß der Verfasser einen zweifachen Zweck verfolgt, mit der innern auch die äußere Emancipation anstrcbt, indem er die uns oft gemachten Vorwürfe und namentlich jenen, daß wir das Christenthmn für ein Heidenthum halten, als unserem religiösen Bewußtsein widersprechend darstellt, und als 9. Glaubensartikel aufstellt: „Wir glauben, daß das Christenthum eine göttliche Mission des reinen Judenthums an das Heidenthum sei, ihm zur wahren Erkenntniß Gottes zu verhelfen", so offenbart sich doch in dem Ganzen wahrhafte Pietät und innige Anhänglichkeit an die Religion unserer Väter, an die Bücher Mosis und der Propheten und vorzügliche Begeisterung für Israels Zukunft, was seinen Worten Eingang und Anklang verschaffen könnte und eine Revolution in unserem religiösen Leben um so eher herbeiführen wird, als die ihn leitende Idee bereits allenthalben zum Durchbruche gekommen; doch müssen wir leider mit Grund ein günstiges Resultat bezweifeln, weil unsere geistigen (?) Aristokraten, die Rabbinen jesuitisch sind, reaktionär wirken und ihr Einfluß auf die bethörte Menge noch groß ist, die Demokraten aber wenig ausdauernd, zu bald den Kampf aufgeben und sich von jeder Betheiligung zurückziehen und so bleibts nach wie vor beim Alten. K il 6111)1. Ungarisch - Brod, im Mai. Es ist erhebend, wenn in der gegenwärtigen Zeit der Vedrängniß so manche edle Thal empertancht, und es ist heilige Pflicht, solche der Oeffentlichkeit zu übergeben. Der häufige Verkehr der an der ungarischen Grenze zunächst gelegenen Gemeinden der Herrschaft Ung.-Brod mit Ungarn brachte es mit sich, daß viele Glieder dieser Gemeinde, insbesondere die Bewohner des Dorfes Brzezowa, Augenzeugen der in Ungarn an den Israeliten zu Preßburg, Wag-Neu stabil, und an andern Orten verübten Gräuelthaten waren. Am 3. Mai d. I. erlitt der zu Brzezowa wohnende -Jude ein gleiches Schicksal mit seinen unglücklichen in Ungarn wohnenden Glaubensbrüdern, und nur die mit edler Selbstauf- 25*