Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1848
- Issue
- 24 (10.6.1848)
- Date
- 1848-06-10
- Page
- Spalte 375-376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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376 375 Kritiken. Herzfeld's Geschichte des Volkes Israel. kracht kommen mußten; es ist für die Geschichte weit wichtiger, zu wissen, welche. Gegenden zw) jener Zeit besonders stark angebaut .„waren^ und was für Zündstoffe zu Kämpfen sich in den mehr und minder dazu geeigneten Städten darboten, sowie was für- Mittel zur Wehr sich vorfanden; oder auch, welche Punkte des Landes die Aufmerksamkeit mehr ansprechen, und warum? Eine Schilderung Jerusalems zu jener Zeit, wäre wohl auch an ihrem Orte, zumal sie noch nicht versucht worden, — denn von dem Zustande dieser Stadt, von! ihrer Bevölkerung und von dem Einflüsse, den sie übte, hing das Schicksal des Reiches Juda ab, und in ihrer Lage und Beschaffenheit ist der Grund zu vielen spa'tern Thatigkeicen zu suchen. Manches wird indeß in der Geschichte und den dazu gehörigen Anmerkungen einzeln nachgeholt. So z. B. scheint die Ansicht des Vers, über Kadytis, welches nach ihm nur Gaza bezeichnen könne (S. 427—429) sehr wohl begrüdet. Die Erzählung der mit der Zerstörung Jerusalems verbundenen Persönlichkeiten und Tharsachen ist hier sehr detaillier und kritisch vorsichtig durchgeführt. Der Verf. schildert das jüdische Volk beim Beginn des Exils, um darauf hinzuweisen, daß die spätere. Wiedergeburt am meisten den nach Babylonien versetzten, minder den egyptischen und das Mindeste den im Heimalhlande zurückgebliebenen Juden verdankte. Er schildert diese als nur Ackerbau und Viehzucht (reibend, welche nicht einmal „den Gewerbfleiß bis zur Höhe der Kunst hinaufzutreiben" Gelegenheit hatten, indem die Luxusartikel von den Nachbarn bezogen werden konnten. Wir glauben, daß der Verf. etwas zu viel behauptet, sowie er mit Unrecht den Juden §♦ 28 fast allen Begriff von Selbstgefühl abspricht. Die Mängel, welche dem Volke den Untergang brachten, sind nicht dem jüdischen allein eigen; Tausende von kleinen Völkern sind aus gleiche Art überwunden, ja sogar versetzt worden. Ohnehin wird der statistische Theil der Volksschilderung sehr flüchtig abgefertigt. Dagegen widmet der Verfasser der Betrachtung der Religion zur Zeit der Zerstörung eine reife und sehr interessante Untersuchung (S. 46 ff.). Sehr gut wird aus den Fragmenten der heil. Schrift der 'Kampf des Polytheimus mit dem Monotheismus dargestellt (§. 32). Die Idee, welche schon Maimonides aufsrellt, dem unser Verf. gegen neuern Widerspruch Anderer t heilweise beipflichtet (warum nur theilweise? und wie theilt sich diese Idee?): daß der Opferkultus zur Erziehung des Volks für den Monotheismus benutzt worden seiwird hier genauer ins Auge gefaßt und durchgeführt. Daß die Feste in vorexilischer Zeit noch nicht sehr einflußreich waren, gibt auch dev Vers, zu, aber er zeigt doch auch andererseits, daß die Feier des Sabbats und des Neumonds mit einiger Strenge beobachtet worden sein müsse. Außerdem weist er nach, welche mosaische Vorschriften bereits in Uebung waren: Beschmidung, manche Speisegesetze (besonders mit Beziehung auf Ez. 4, 14, wobei wir uns zu bemerken erlauben, daß die Übertragung: „Ach . . . . meine Seele ist nicht verunreinigt", durchaus nicht gebilligt werden kann. ist Ln der ganzen Bibel nicht die Seele, sondern Leben, Blu t, Lei b, Pe r s o n, Trieb/ oftmals nur der Magen. Dieser Umstand ist von Wichtigkeit, weil der Begriff einer Unreinheit der Seele gar nicht hierher gehört.') einige Gesetze , betreffend die Menstruation, die Ehe und geschlechtlichen Umgang; sonst dürfte sich feine wichtige Spur finden. — Da indessen nach der eigenen Ansicht des Vers, der Pen-, (ateuch schon da war, so möchte doch wohl noch vieles Andere bereits ins Volksleben übergegangen sein; insbesondere Dinge, die zum Landbau gehören und leichter zu beaufsichtigen waren. Das siebente Ruhejahr und das Jobel wurden nicht gehalten, aber man war sich bewußt, hierin ein altes Gesetz zu übertreten, und entschuldigte sich nur mit der Roth. Selbst die Freilassung der Sklaven nach 6 und 49 Jahren niuß im Volke gelebt haben, wenlftsie auch umgangen ward. — Alles dies finden wir durch die Untersuchungen in den Times of Daniel, auch abgesehen von den noch sehr problematischen chronologischen Resultaten bestätigt, und man kann auch nicht umhin, anzuerkennen, daß Alles, was die Propheten öffentlich besprachen,' schon Besitzthnm des Volkes gewesen sein müsse. Indessen ist gewiß,-daß das mosaische Gesetz als solches nicht beobachtet wurde; denn die ganze Verfassung hat niemals bestanden, wenn auch Versuche gemacht worden, sein mögen, die aus ihr fließenden, nicht gänzlich durch sie allein bedingten Sitten oder Einrichtungen zur Geltung zu bringen. Hr. H. meint, es habe überhaupt an Lehrern der mosaischen Satzungen (S. 60) gefehlt, weil die Priester dieselben gar nicht beachteten, die Propheten aber ihrer Zeit zu sehr vorausgeeilt seien; „sie hatten", sagt Hr. H., „fast alle schon eine höhere Auffassung des Jahwethums, als woraus vorläufig das pentateuchische Eeremoniell hinarbeitete, und waren entweder viel zu schlicht, um diesen künstlichen Erziehungsplan zu durchschauen, oder zu lebhaft, zu ungeduldig, um ihn, der allerdings mehr die Zukunft als die Gegenwart im Auge hatte, bedächtig zu verfolgen; in ihren Reden herrscht dabei ein tiefes Schweigen über die pentateuchischen Satzungen. Israel hat mehr, als sich berechnen läßt, dadurch zu leiden gehabt, daß seine Propheten in gewissem Sinne nicht zur rechten Zeit austraten. Vor dem Exil war noch kein rechter Platz für sie : und später, als das Volk reif genug war, sie zu verstehen, hatten ihre Stimmen ausgeklungen!" Man sieht, daß der Verf. nicht blos exegetische Kritik übt, sondern einen kühnen Blick in die geschichtlichen Verhältnisse versucht. Ob die obigen Sätze auch richtig seien? Wir zweifeln; denn es läßt sich schon an sich von den Propheten nicht sagen, daß sie ihre Zeit, auf welche sie wirken wollten, nicht gekannt hätten. Sie wurden auch verstanden, und deshalb, wie alle eingreifenden Volkstehrer, verkannt, verfolgt, oft gemishandelt. Sie sprachen vom Gesetz aus dem einfachen Grunde nicht, oder nur sehr allgemein, weil das Volk dasselbe nicht kannte. Satzungen, d. h. Lebensregeln, die-täglich und an .jedem Orte die Religion, 1