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Der Orient · 1848-06-10 · Heft 24 (10.6.1848) · p. Seite 187

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 24 (10.6.1848)
Date
1848-06-10
Page
Seite 187 (sequence 5)
Language
German
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187 gekommen. das . Gesetz und die Propheten aufzuheben, sondern zu bestätigen; das neue Testament ist voll von Stellen und Hinweisungen, welche aus dem alten Testamente, also aus dem JudenthMie stammen; Paulus, dessen Lehren die Grundlage der Reformation durch Dr. Luther bilden, hat nach jüdischen Anschauungen gelehrt und geschrieben, die jüdische Hierarchie wurde in ihrer Totalität wieder auf das Christenthum übertragen > die meisten christlichen Ceremonien stammen aus dem Judenthume, selbst das Abendmahl nicht ausgenommen; wir erkennen das. Volk Israel als das auserwählte Volk Gottes; die Stimme feiner Propheten ist uns Gottes Stimme; seine frommen Väter werden uns zum Vorbilde aufgestellt: und wir können dieses Volk noch zurücksetzen, kränken, drücken, verfolgen? Ist das nicht eine Verletzung, ein Verrath am Christenthnme? Doch man wird einwenden: daß die Juden nicht .um der Religion willen unterdrückt werden, sondern weil in ihrem Talmud manche staatsgefährliche Grundsätze enthalten sind, weil sie unfern Heiland gekreuzigt haben, weil sie die Christen im Handel und Wandel bcvortheilen, und weil sie es gleichsam als Ausländer mit den Christen nie gut meinen. Billig muß man aber hier fragen: Welche und wie viele Christen kennen den Talmud? Können wir aber über eine Sache aburtheilen, von der wir nichts weiter wissen, als was uns Pärteimänner davon erzählen? Zugegeben, daß der Talmud Manche irrige, und mitunter nachtheilige Lehre enthalte; ist aber dieses Buch etwas Anderes, als ein Auölegebuch aus der alten Zeit? Sind denn unsere christlichen Auslegebücher cuiö dem Alterthume durchaus rein und unserer Zeit angemessen? Haben wir nicht einen immerwährenden Kampf gegen die Kirchensatzungen und Glaubensbücher der christlichen Kirchen? Oder wollen wir in den Israeliten unserer 'Zeit noch die alten Pharisäer finden, wie sie uns im Katechismus dargestellt werden? Das hieße blind und taub fein gegen die Zeugnisse des fortgeschrittenen JudenthumS, welches, wie wir uns genau überzeugt haben, viele Lehren des alten Testamentes reiner und geistiger auffaßt, als es bei den meisten Christen. der Fall ist. Wir machen hier nur aufmerksam auf die Erzählung von der Erbsünde, von Abraham und den drei, Fremden, von der stellvertretenden Genugthuung, von dem Teufel u. a. m. Die Idee von der Einheit Gottes hat sich im Judenthume stets rein erhalten, während sie im Christeuthume zum Theil verloren gegangen, ist. Doch die Juden haben Christum gekreuzigt! — Sind es die Juden gewesen, die in unserer Zeit leben? Die Juden hatten ein Gesetz, nach welchem Christus sterben mußte. Sie haben also einen Justizmord begangen. Verdienen die Juden daruniuusere Verachtung, so verdienen wir Christen dieselbe dreißigmillionenmal, weil wir dreißig Millionen Menschen aus allen Religionen um des Glaubens willen hingeschlachtet haben. Aber die Juden bevortheilen den Christen allenthalben, darum muß man sie einschränken, sonst gehen die Christen zu Grunde. Das ist nun der Haupteinwurf. Hier befiehlt aber das Gewissen den Christen. Wir Christen haben den Juden bei seiner Knechtschaft, bei seiner Besitz- und Rechtslosigkeit, und bei seiner Abgabenlast genöthigt zu solchem Verfahren. Wir haben diesen Fehler verschuldet. An uns ist es, daß wir die Ursachen entfernen, aus denen-'' dieser Fehler entstanden ist, dann werden die Wirkungen von selbst verschwinden. Hat uns der Jude zuweilen bevortheilt auf eineungesetzliche Weise; so haben wir ihn beständig bevortheilt und noch dazu auf eine gesetzliche Weist. Das Unrecht ist am größten, wenn es zum Rechte erhoben wird. Me Abgaben und die Rechte der Unterthanen sind wie Geld und Waare Die Juden haben bisher für eine doppelte Abgabenlast, also für das doppelte Geld , kaum die Hälfte der Unterthanenrechte, d. i. der Waare erhalten, welche man den Christen gegeben. Unser Gewissen wird uns sagen, auf welcher Seite das Unrecht größer sei. — Endlich sagt man, daß sich die Juden als Bürger von Jerusalem, als Ausländer betrachteten, und daher es mit den Christen nie gut meinten. .Ja, die Juden werden von uns als Ausländer betrachtet und. behandelt, und wenn sie es mit uns nicht gut meinen, so ist zunächst die Schuld auf. unserer Seite. Daß sich aber die Juden selbst nicht als eine fremde Nation in unserem Vaterlande betrachten, und auch nicht betrachtet wissen wollen, wird uns jeder gebildete Israelit bestätigen. Als Beweis dazu diene eine Stelle, welche wir aus den: Anftnfc der jüdischen Gemeinde Berlists im Jahre 1845 entnehmen, und in welcher die Juden sich erklären: ,,Wir wollen die h. Schrift aussassen nach ihrem göttlichen Geiste; wir können nicht mehr unsere göttliche Freiheit der Zwingherrschaft des todten Buchstaben opfern; wir können nicht mehr beten mit w a h r haste.m Munb e um ei n irdisches Messiasreich, das uns aus dein Vaterlande, dem wir mit allen Banden der Liebe anhangen, wie aus einer Fremde heim führen soll in unserer Urväter Heimathlaud. Wir können nicht mehr Gebote beobachten, die keinen geistigen Halt in. uns haben , und nicht einen Codex M unveränderliches Gesetzbuch anerkennen, der das Wesen und die Ausgabe des Judenthums bestehen läßt in unnachsichttichcm Festhalten an Formen und Vorschriften, die einer Längst vergangenen uud für immer verschwundenen Zeit ihren Ursprung, verdanken." .Solche. Sprache führt das Judcnthum unserer Zeit. Stoßen wie also seine Anhänger nicht auf eine unchristliche Weise von uns! thun 24*

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