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Der Orient · 1848-06-03 · Heft 23 (3.6.1848) · p. Seite 178

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 23 (3.6.1848)
Date
1848-06-03
Page
Seite 178 (sequence 3)
Language
German
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- 178 - Deutschland. - Leipzig, 22. Mai. Zn einer der vielen während der Osternlesse von dem hiesigen Prediger gehaltenen Zeitpredigten sprach sich der Redner auch über die Stellung' und das Verhalten der israelitischen Armen während unserer Zeit aus. Die Stelle in jener Predigt lauter ungefähr auf'folgende Weiser — — „Die gewaltige Stimme des Herrn hat gesprochen in der, Geschichte unserer Zeit. Wie ein grollender Donner rollte sie vorbei an den Pforten der Paläste,-sie machte Throne erbeben und Krollen schleuderte sie zu Boden. Aber nicht blos an die Marmorpaläste der Großen' pochte es-mit mächtigen Schlägen, auch in die verfallenen Hütten der Armen, auf die vermoderte Lagerstätte der Hungernden erschien der Geist Gottes, rathend, tröstend und helfend. Waren aber alle.Hütten der Armen von dem Lichtglanze der neuen göttlichen Offenbarung umflossen? Rein! Denn die Hände vieler Armen triefen vom Blute unschuldig Gemordeter, sind befleckt durch Plünderung und Raub. Unsere Armen aber, die israelitischen, sie, und nicht die Reichen, welche ihr Gesicht vor der neuen Zeit verhüllen, zeugen für den Rcchtsfinn, der in der israelitischen Religion weht und in ihren Bekenner:: das Gefübl für strenges 'Recht stets, in jedem Wechsel der Zeiten, leben- . dig erhält. Haben unsere israelitischen Armen etwa die Faust verbrecherisch erhoben, um in gieriger Mordlust grausam zu tobten? Haben unsere israelitischen Annen die Hände nach fremdem Gute ausgestreckt? Oder sind sie etwa minder gedrückt, leben'sie in einem Lande, das von Milch und Honig überströmt? Zu ihren allgemeinen Leiden gesellt sich ja noch der Spott der Liebe predigenden und lieblosen Gesellschaft, ihre Schmerz wird durch die Schmach, die auf ihnen lastet,, noch erhöht, und zn ihren Entbehrungen gehört noch die der Freiheit im Leben. Und doch hat kein einziger israelitischer Armer die rohe Kraft der Faust 'geltend gemacht, kein Einziger das Merdgewchr gezückt, kein Einziger das Recht verletzt. Was die „Liebe" nicht vermochte, das gelang der Besonnenheit des Rechts^ denn das Jsraelitenthun: ist die Religion der strmgstel: Gerechtigkeit! Unsere Armen können hintreten vor die Völker der Erde und Zeugniß ablegen von dem, was das Jsraelitenthum lehrt; vonihnen ist in der brausenden Fluth der Zeit der Geist Gottes nicht gewichen, sie haben die Damme einer wohlgeordneten Gesellschaft nicht gewaltsam durchbrochen. Mit ben Bedürfnissen des Lebens kampfend, von der Gesellschaft verhöhnt, verspottet, geknechtet und geschändet, bleiben sie stille Dulder und ruhige Bürger.".-Die Predigten werden übrigens im Drucke erscheinen. Leipzig, 24. Mai. Dr. Jaeoby ist zum Abgeordneten für die preußischeNational-Versammlung und zum Stellvertreter für Frankfurt gewählt worden. — In der Koustituirenden Versammlung zu Frankfurt sitzen Dr. Veit aus Berlin, Dr. Riesser aus Hamburg, Mo-' ritz Hartmann aus Böhmen und ein Hr. Cohn. Als in der ersten Sitzung der Bischofs von Münster auf einen Gottesdienst nach Konfessionen antrug, wurde der Antrag zmückgewiesen. — Der „kirchliche Verem" wollte eine Festfeier für alle- Religionsbekenntnisse, veranstalten , da das deutsche Parlament aus allen Konfessionen besteht, und das Wohl aller Konfessionen berathet. Eine zu diesem Zwecke requirirte Kirche wurde verweigert, obwohl die Feier keine kirchliche sein sollte, sondern eine allgemein Deutsche, da sonst der israelitische Prediger nicht hätte daran Theil nehmen können. Auf diesen Vorfall beziehen sich die beiden in dieser Nummer mitgetheilteu Artikel. Leipzig, 25. Mai. Hr. Banquier Goldschmidt in Frankfurt a. M. hat 500 fl. zur deutschen Flotte geschenkt. Zahlreiche verfolgte, Juden könnten Thränen dazu liefern. — Von Seiten des sächsischen Ministeriums, ist der ofsteielle Erlaß an den -Herrn Oberrabbiner Dr. Frankel ergangen, die Eröffnung der Koustituirenden Nationalversammlung durch einen öffentlichen Gottesdienst am 2?. oder 28. d. M. zu feiern. — Dr. Philippen ist zum Stellvertreter für die preußische Nationalversammlung gewählt worden. -— Mehre Zeitungen bedauern e§ im Interesse'Deutschlands, daß Dr. J acoby nicht für Frankfurt gewählt wurde. Von demselben ist eine Flugschrift: „Deutschland und Preußen" erschienen, die.viel Aussehen macht. — Die „Vossische Zeitung" bringt authentische Aussagen über Mißhandlungen der Juden im Posen'schen. — In P r ag hat man das Grab des R. Abigador Kara während der Aufregung besucht. Ein wahrer Götzendienst! Die Christen Verehrer: den heiligen Nepomuk, die Juden flehen um -die Jntercesston des R. Abigador Kara. — Lebre ch t hat im Mag.' f. d. Lit. d. Ausl, einen trefflichen Artikel über die deutsche Flotte geschrieben. — In Wien, Prag und Pcsth werden große Auswanderungen -nach Amerika vorbereitet. In Prag steht Dr. Wessely an der Spitze. Während der Verfolgungen in Prag hat sich der zweite Vorsteher, der Fabrikant Epstein durch Thätigkcit und Energie rühmlichst ausgezeichnet. —- Die „Sippmim" des Hrn. Pascheles nehmen einer: gedeihlichen Fortgang. Er hat eingesehen, daß eS unstatthaft sei, sich als Redakteur zu nennen, und somit 'hat Hr. W. Wiener die Redaktion übernommen. Die „Sippurim" werden sehr interessant und haben einen großen Leserkreis. — Aus der Messe zeichnete sich ein polnischer Jude aus dem Hotz-und Strohinstrumcnt ans. Die rührendsten Elegien, die Schmerzenstöne seines Volkes trug er vor. — Der preußische Constitut.ionSentwnrf enthält den Satz: „A l l e B ü r g e r sind gleich v or dem Gesetze". — Der preußisch-jüdische Deputate Brill aus Breslau gehört zur äußersten Linken»

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