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Der Orient · 1848-05-27 · Heft 22 (27.5.1848) · p. Seite 175

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 22 (27.5.1848)
Date
1848-05-27
Page
Seite 175 (sequence 13)
Language
German
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- 175 - Der kirchliche Verein für alle Religionsbekenntnisse in Leipzig. IV. / Der ,, kirchliche Vereirr" hat sich zum Zweck gesetzt: „Fortbildung des religiösen und kirchlich eil Ä e b ens." — Ueberall ist das Ziel und der Zweck zwar das Letzte/ was man erreicht durch das Erste, was man zu bedenken hat.. Ueberall ist das Ziel die Hauptsache, die man nie aus den Augen verlieren darf; das Ziel ist die herrschende und leitende Macht'jedes Reisenden, und daher auch der Maßstab, nach welchem er sich selbst und andere ihn zu beurtheileu haben. Daher erklärt es sich auch, warum der ,Kirchliche Verein" seinen Zweck in den Vordergrund stellt und davon zuerst in seinen Grundzügen spricht. In diesem Zwecke offenbart sich das tuuerste Wesen des Vereins. Zunächst sei es mir jetzt erlaubt, von dem ersten Theile dieses Zweckes zu sprechen. Religiöses Leben will der Verein - befördern. Was ist Religion? Religion ist das Band, welches den Menschen an die heilige und ewige Urkraft und Urquelle alles Lebens, an Gott knüpft. Die Religion erhebt am höchsten und erweitert am umfassendsten den Blick des Sterblichen; sie lehrt ihn, daß eine von einem heiligen und liebenden Witten bestimmte Ordnung das ganze Weltall hält und trägt; sie lehrt ihn, daß der Lauf der Gestirne wie der Flug der Mücken, das Leben der Menschen wie die Bewegung der Jnfusionsthiercheu voneinem höchsten Willen geleitet .werde; sie lehrt ihn, daß das Größte wie das Kleinste, jedes an seinem Orte und zu seiner Zeit eingreist mit seiner Kraft zur Erhaltung und Förderung des Gesammtwohls. Durch die Religion ist sich, der Mensch seiner Stellung im Weltall bewußt; er erkennt sich ' als ein nothwendiges Glied des Ganzen, auf dessen Wirksamkeit gerechnet ist, zugleich aber auch als ein Glied, welches der Weltorduung unterthan ist; durch die Religion erkennt der Mensch, daß er auf das Ganze, daß aber .auch daö Ganze auf ihn einwirke, daß er also, wie alle übrigen Wesen , im großen All der Dinge ebenso zur Thätigkeit wie zur Abhängigkeit berufen sei. Es giebt mancherlei Vorstellungen und Namen, es giebt mancherlei Lehren und Lehrgebäude' über Gott und göttliche Dinge, es giebt mancherlei Religionsbekenntnisse und Kirchen — wo kann ich gewiß sein, Gott zu finden, an' ihn mich binden, mit ihm mich verbinden . zn können? — Ueberall!! — Aeberall ist Gott zu finden! Kannst du Gott fühlen und finden in jedem Grashalme und in jedem Staubkorne, wie viel mehr nicht in den verschiedenen Religionsbekenntuissen und Kirchen! Sollte man nicht Religion, Verbindung mit Gott, in allen Religions bekenntnissen an treffen? —- Alle Religionsbekenntnisse, daö israelitische wie die christlichen. stimmen darin überein: Gott ist Geist, © ott ist h e ilig, und dies ist zugleich das kürzeste und allumfasiende Neligionsbekenntniß. Wer dies nicht nur erkennt, sondern auch anerkennt, der hat Gott gefunden, der hat Religion, der weiß, daß Gott ist und wie er ist. Religion aber ist nicht nur ein Erkennen und Anerkennen ,, sondern hauptsächlich auch Verbindung mit Gott. Mit Gott verbunden ist, wer da strebt, heilig zu sein, wie Gott heilig ist. — Entgegengesetztes kann sich nicht verbinden. Religiös-sittlich sind daher zwei Werte, die sich nie und-nimmer-trennen lassen; wahrhaft sittlich ist, teer religiös, und wahrhaft religiös, wer sittlich ist. Religion i st d i e An e rkennuug eines sittlichen Urgrundes' der Welt; die Sittlichkeit ist die A n w cn d un g ' der religiösen Weltanschauung im menschlich eu Leben. Ohne Religion keine Sittlichkeit! Unlauterkeit und Leichtsinn brüsten sich mit Sittlichkeit, Tugendstolz und Scheinheiligkeit weisen auf ihre guten ‘ Thaleu — was läutert und reinigt die Seele, was kräftigt und befestigt den Willen, was Drängt und treibt das Herz zu unermüdlichem Ringen bei allen Versuchungen, bei allem Widerstande? Die Religion, das Vertrauen auf eine heilige Ordnung der Dinge! — Der Gerechte wird verkannt, geschmäht, verspottet, verfolgt,. eingekerkert, geiedtet — was, hält ihn aufrecht, so daß er ansharrt im Kampfe und ein gutes Gewissen bewahrt, so daß er geduldig und ohne Murren leidet? Die Religion, das Vertrauen auf eine heilige Ordnugg der Dinge, die wohl-getrübt, aber nie, selbst vor menschlichen Augen, ganz verfinstert werden kann! Wer sittlich sein will ohne Religion, der ist noch nicht in Versuchung, noch nicht in Leiden, noch nicht als Unschuldiger ür Verfolgung gewesen, und zwar dies alles mit dem ernsten Streben, sich sittlich zu bewähren. Sittlich will unsere Zeit sein. O wollte man doch erkennen, daß die Sittlichkeit eine Fülle fruchtbarer Zweige ist, aber daß diese Zweige allesammt keine Früchte tragen, wie man dieselben von dem Stamme, von der Religion, abschneidet! ' ' . Ohne Sittlichkeit keine Religion! Die Schriftgelehrten und Pharisäer,, die Hohenpriester und Zwiugherrscher aller Zeiten haben viel über Religion gesprochen und gestritten-, haben um der Religion willen .verfolgt und verdammt und blutige Kriege geschürt und . geführt — hatten sie Religion? Nein, diejenigen vielmehr im Gegentheil, die sich um der Religion willen verfolgen und tobten ließen! Die Verfolger verkündeten nicht Gott, welcher Geist, welcher heilig, welcher die Liebe ist! — Man läßt die halbe heilige Schrift auswendig lernen, man eifert für Formeln und Worte und Buchstaben — ist daS Religion? Man dringe doch vor allen Dingen auf die Forderung und Förderung der

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