Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1848)
- Date
- 1848-05-27
- Page
- Seite 176 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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176 Sittlichkeit? Wo keine Sittlichkeit gefördert, wo dieselbe! wohl, gar uiltergraben wird, da ist keine Religion. Die Zweige sind verdorrt, daraus schließt man,' daß auch der Stamm vertrocknet sei. Die Religion verbindet uns mit Gott , der Urkraft der Welt. Urkräftiges,, unüberwindliches Wirken für'der Menschheit Wohl ist das Gepräge des religiösen Menschen; die thatkrästigste Sittlichkeit ist die Bewährung cilics religiösen. Gemüthes. , Ein guter Baum ' bringt viele gute Frucht. .Schemheiiigkeit' und Heuchelei, ftommcln.de Wvrtmacherei und gleißendes Prunken mit ftomnlen Redensarten sind das , schroffste und schreiendste Gegeutheit von Religion.. Wer! fromme Worte spricht, wer viel weiß von der tiefen und weiten Wissenschaft der Religion, ohne sich sittlich zu bewahren,, der ist ein Brunnen, ein tiefer Brunnen aber, ohne Wasser, ein Brunnen voll Staub: Staub 'der Gelehrsamkeit, Staub der Wortmachereiden man den Leuten in die Äugen streut, Staub vormals hochgehälte'ncr Me nüngen und Sätze. Das Ziel aller Religionsbekenntnisse ist die Sittlichkeit. Nach diesem. Ziele wird man daher auch die verschiedenen Bekenntnisse zu benrtheilen haben lind alles an ihnen als" tadelnswerth und verwerflich bezeichnen müssen, was.'der Sittlichkeit widerspricht. Das aus Selbstüberschätzung und Parteiftolz ruhende gegenseitige Verdächtigen, Verdammen und Verketzern der Konfessionen widerspricht den sittlichen Forderungen der Bescheidenheit und Demuth und zugleich dem aufrichtigen Streben nach allseitiger Erforschung der Wahrheit. Andemtheils wird man als N eb ensache betrachten, was ' weniger genau und eng mit der Sittlichkeit zusammenhängt. Die Untersuchungen über die Verfasser der biblischen^ Schriften erscheinen demnach als Nebensache, denn der heilige tntb heiligende Inhalt eines Buches ist unabhängig von dessen Verfasser, sei nun derselbe bekannt oder nicht bekannt. Die zweite Hälfte des Jesajas bleibt ein würdiger .Thcil der gesammien heiligen Schrift, wäre -er auch nicht von Jesajas verfaßt. Die Untersuchung Hierüber, , wie überhaupt jede e rüste w i sse n sch a ftli che Untersuchung und Forschung bleibt völlig frei, denn die 'Ergebnisse dieser Forschung können nie und nimmer die Religiosität selbst gefährden. Weil aber die Wissenschaft die Religiosität und Sittlichkeit nicht gefährdet, so gefährdet auch wiederum die Religion und Kirche nicht die Freiheit und Wissenschaft. In diesem Sinne wird der „kirchliche Verein" für die Fortbildung des religiösen Lebens bemüht sein; er wird immer ausmerksam machen ans die enge Verbin-, düng zwischen Religion und Sittlichkeit; er wird aus die Gefahr Hinweisen, die überall da droht, wo man religiös und nicht zugleich sittlich, und wo man sittlich und nicht zugleich religiös sein will» Dadurch, daß der Per lag von C. L. Fritzsche. „kirchliche Verein" die Bethätigüng der Religion in der Sittlichkeit und Begründung' der Sittlichkeit in der Religion fordert, hofft er in der That und Wahrheit die Fortbildung des religiösen Lebens zu fördern. . Pred. Dr. Zille. Praktische Bemerkungen. . Der. Orient hat in der letzten Zeit vorzugsweise für praktische Religion und Schulzwecke gearbeitet, gestatten Sie mir, auf Einiges zurückzukommen. In Nr?2 d. I. wird das lange Ausbleiben des neuen Gebetbuches beanstandet, und gewiß nicht mit Unrecht der moderne Geiz getadelt, welcher, im Gegensätze, zur Vergangenheit, die jüdische Literatur ohne Unterstützung laßt. Für jenes Gebetbuch selbst wird indessen die Verzögerung nur von Nutzen sein, da der Ernst der Sache erfordert, daß nicht nur dem Genius der Muttersprache, sondern auch dem innerlichstem Wesen des Iudenthums die höchste Rücksicht gewidmet werde. Das neue Gebetbuch soll für Menschenalter sich bewähren, und dies lM-sich gerade in der Landessprache nicht so leicht erzielen. Es genügt nicht, einige allgemeine Religionswahrheiten und Sittenlehren in zierlichen Phrasen über die Lippen zu führen, denn dies wird attzuschnell durch die Gewohnheit gleichgültig, Md ertödtet die wahre Andacht eben so sehr, als der bisherige Schlendrian. Man wird daher finden, daß solche deutsche Gebete, welche die alten, eigenthümlichen hebräischen zur Grundlage haben, und jemehr in denselben der Typus dieser Urklänge hervortritt, desto mehr geeignet sind, Andacht und Erbauaag auf die Dauer zu erzielen, und deutsche Psalmen, Stücke aus den Propheten, selbst ausgewählte Piutim, wie die trefffjchen Bearbeitungen Mannheimers, Sterns und vorzüglich -Steins im Chl'ffuk Habaith, dürsten ein unerläßlicher Bestandtheil des israelitischen Gottesdienstes noch lange Zeit bleiben. Auch das in Nr. 42 des Orients v.J. mitgetheitte, vom Gr. Bad. Oberrath Epstein zurgottesdienstlichen Erndte- ' feier verfaßte deutsche Gebet, wird als Muster deutsch-israeli-; rischer Gebetform anzuerkennen sein. Voll tiefer Gemüthlichfeit, die allseitigste Kenntniß der israelitischen Religionsqusllen, wie die humanste Auffassung der eigentümlichsten Glaubenslehren, in schwungvoller Sprachgewandtheit abspiegelnd, ist es der herrlichste Erguß einer innigen und edlen Gottesverehrung, ganz geeignet neben der notwendigen Beibehaltung des hebräischen Theils, auch der Landessprache Eingang in die Synagoge zu verschalen. (Beschluß folgt.) Druck von I. H. Nagel.