Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1848)
- Date
- 1848-05-27
- Page
- Seite 173 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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173 - wundete, Arme und Elende ringen die Hände und schreien um Hilfe. Und sie sehen um sich Nichts weiter als die Trümmer ihrer Besitzthumcr und die Grabeshügel ihrer gemordeten Verwandten. Gott, wie-schreckliche — ’ . L. W. - ' Leipzig/ 19. Mai. Gestern Abend hielt der deutsche Verein eine interessante Sitzung, in welcher über das deutsche Kaiserthum verhandelt wurde. Bei dieser Gelegenheit äußerte Hr. Dr. Kaiser, wie wichtiges sei, sich vor Allem über die Prinzipienfrage klar zu werden, da ohne Feststellung des Prineips nutzlose Streitigkeiten: herv'orgerufcn würden. So sei in Leipziger Lokalblättern viel gegen die Emaucipation der Juden geschrieben worden, weil man das Prineip außer Acht gelassen. Er erkläre, daß es die größte Schmach für die konstituircnde Versammlung zu Frankfurt wäre, wenn sie. nur Bedeuten tragen sollte, sich nicht sofort für die Gleichstellung der Jsraelitm auSzusprechcn. In: ähnlichen Sinne hat sich bei einer andern Gelegenheit der allgemein geachtete Kaufmann Dufour ausgesprochen. Noch giebt cs Ehrenmänner in Leipzig, die trotz des wahrhaft schändlichen Volksvorurtheils ihre Stimme für die wahre und volle Freiheit erheben. — Dr. Riesser ist für Lauenburg in das Parlament gewählt worden. —.An Ja koby ist von Königsberg eine sehr ehrenvolle Adresse abgcschickt worden. — Der Dichter Moritz Hartma'nn soll für Böhmen zum Abgeordneten gewählt worden sein. — Im „Leipziger Abendblattes^ hat der deutsch-katholische Pfarrer R a u ch, Mitglied des kirchlichen Vereins, sehr warm und geschickt die Freiheit-und die Ansprüche der Israeliten verthcidigt. — Der „kirchliche Verein" hat auch seine rolle Entrüstung über die Judenverfolgungen ausgesprochen, zu Protokoll genommen und veröffentlicht. — In Wien hat.der Name „Judenamt" aufgehört. Die Firma ist eingegangen, das Geschäft wird aber weiter getrieben. . Die Israeliten bezahlen nämlich noch immer Ansen thaltssten er. D e st e r r eich. Besitz, 9< Mai. Die früher hier bestanden habende israelitische Gemeinde hat bereits die Rcformfragen hinsichtlich der mosaischen Religion berathen und alle ihre Mitglieder zur Annahme derselben cmfgeferdert.. Zu den vorzüglichsten Punkten dieser Reformen zählt: daß die Israeliten Pannoniens sich gänzlich dem ungarischen Element anschließen, ihre' Gebete einstweilen -tvar noch in deutscher, in Zukunft aber in ungarischer Sprache vorlesen, den Sabbat auf den Sonntag verleim und alle jene Feiertage/ welche nur eine geschichtliche Erinnerung bedeuten, abschaffen wollen. (Pcsth. Z.) Krakau, 12 Mai. (Aufruf der krakauer Israeliten an ihre Glaubensgenossen im Groß herze gthum Po sen.) Brüder in Israel!. Das Wort Gottes,, welches das All aus Nichts hervorrief/ welches, im ewigen Processe begriffen, immerfort das Universum regiert und leitet; das Wort Gottes, welches unsere Vorfahren erlöst hat aus der materiellen Sklaverei der Egypter und am Berge Sinai aus der geistigen des Aberglaubens, des Götzendienstes und der Gesetzlosigkeit: dieses allerhöchste Wert hat in Der allerneuesten Zeit dengrößten Theil der europäischen Menschheit erlöst und befreit von der Gewalt tyrannischer Machthaber und Rathgeber, und viele nuferer Glaubensgenossen beglückt mit den Menschenrechten, nach welchen sie so langevergebens geseufzt haben. Zn einer solchen Zeit der allgemeinen Freude und allgemeinen Manifestation der göttlichen Gnade ist cs - wohl die Pflicht eines jeden Israeliten,, eines jeden edclu Israeliten, eines jeden edclu Menschen,- an Diejenigen zu denken, Denjer:igen hilfreich die Hand zu bieten, die der allgemeinen - Freude, der allgemeinen Freiheit wohl würdig und fähig, noch aber-nicht theilhaftig sind. Die edle polnische Nation, welcher da§ eivilisirte, Europa Vieles, zwei Millionen unserer Glaubensgenossen aber Alles zu verdanken. haben r die edle polnische Nation, welche unfern Vorfahren/ zu einer Zeit ihre Thore gastfreundlich öffnete, als noch die Söhne Gal- , licus und Germaniens sie unbarmherzig verstoßen und ins Elend und Exil getrieben haben: diese Nation, welche seit achtzig Jahren ihrer Selbstständigkeit durch Gewalt beraubt worden, die seitdem mit einer unvergleichlichen, ihr besonders eigner Beharrlichkeit und Aufopferung um die Wiedererlangung derselben 'ringet und kämpfet, sieht sich endlich durch gedachte Ereignisse nahe dem Ziele ihrer Bestrebungen, Wünsche und Hoffnungen. Schon schlägt für sie ein jedes bessere Herz in Europa, und in Frankreich, England und Deutschland fand'sie Sympathien wie fast keine andere Nation. Wir Israeliten sind mit ihnen einem Erdstrich entsprossen, wir sind Eingeborene Altpolens und haben rin gemeinschaftliches Vaterland. Und welche andere zarte Bande knüpfen uns nicht, liebe Brüder, an diese Nation! Wir Leidensbrüder der Polen, und gleich ihnen haben, wir gefühlt und geduldet Exil, Schmach und Druck. Wir muffen aber unserer nordischen Glaubensbrüder besonders eingedenk sein, welche unter dem unerhörten Drucke schmachten, deren Kinder man im zartesten Alter gewaltsam wegreißt, um sie (weit ärger als in den Zeiten der Barbarei) zu einem maxter- und qualvollen Leben zu erziehen , und denen nur durch die Regeneration Polens Hilfe werden kann. Brüder! Sollen wir nach alledem noch einem Augenblick anstehen, diese.heilige Sache, diese edle Nation mit Gut und Blut zu unterstützen? Sotten wir noch einen Augenblick ob der Wahl zweifelhaft sein, ob wir unS dm Deutschen oder' den Polen.anschließen? Alle