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Der Orient · 1848-05-27 · Heft 22 (27.5.1848) · p. Seite 172

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 22 (27.5.1848)
Date
1848-05-27
Page
Seite 172 (sequence 7)
Language
German
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172 - entlarvt, von dem dürfen auch seine christlichen Mitbürger kein. Recht erwarten. Er mag sich nennen, daß man ihn kennen lerne. A. Fecht. Leipzig, 12. Mai. Der Bericht über die erste Sitzung des Vereins ,,zur Wahrung deutscher Jnteres- , sen an den östlichen Grenzen^ (Leipziger Abendbl. Nr.' 13) stellt meine Opposition gegen Herrn Dr. Wuttke in einem mir durchaus fremden Sinne dar. Ich habe keine Sympathien für die Polen in Anspruch genommen. Ich habe vielmehr ausdrücklich erklärt, daß ich auf den speeiellen politischen Inhalt der Debatte gar nicht einginge. Ich lehnte, mich nur im Allgemeinen gegen Ausdrücke des Volkerhasses auf, und forderte humane Würde und Mitgefühl für das Unglück unter allen Verhältnissen. Zu dieser Erklärung sehe ich mich aus wichtigen Gründen 'veralllaßt. Dr. Wilhelm Wolfsohn. Leipzig, 16s Mai. In dem Konnte, das sich in Lemberg unter dem Gouverneur Stadion gebildet hat, sind auch die Juden vertreten.— In Neustadtl an der Waag find leider Juden und Christen geplündert worden. — Die deutschen Nichtsachsen in Sachsen wählen einend Vertreter für Frankfurt. Dr. Jacoby steht voran unter den Kandidaten.—- In Darmstadt geht man mit bedeutenden religiösen Reformen um. Neformirt muß allerdings werden, wenn auch nicht im Sinne der Ultra-Reformer. — Der Bischofs Aloys Josef in Prag nahm, in einer Proklamation die Juden in Schutz. Leider ziehen viele reiche Israeliten von Prag weg.'-—Die Nachricht von der Werra (Nr. 21) wird'als fatsch-berichtigt. In Leipzig sind noch sehr starke Plänkeleien gegen die Juden, natürlich unter den Zünften. Die Freizügigkeit flößt beit Sachsen einen wahrhaft panischen Schrecken ein. — Crcmicux ist wieder zmn Minister der Justiz gewählt worden. — Rabbiner L ö w in Papa hat seine Stelle niedergclegt. — Die Leipziger Messe brachte dies Mal viel seltene hebräische Bücher; es fanden sich aber wenig Käufer.— Ans dem NetzdistrM, im Mai'. Fordern Sie Alles von mir, nur keinen Bericht über Gemeindeangelegenhciten im Großherzogthum Posen. Ich wüßte Ihnen jetzt von diesem Genre Nichts mitzntheilen, auch nicht das Mindeste. — Seitdem in Berlin die Barrikaden gefallen und mit ihnen die Schlösser von den Gefängnissen, in welchen die polnischen Revolutionäre des Jahres 1846 eingesperrt saßen, seit jenen großen Tagen ist unsere Provinz ans der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, aus dem so glorreich angefangenen Jahre 1848, welches von unfern Nachkommen einst mit Recht das Jahr des Freiheit und der Auferstehung wird genannt werden, in das finsterste Mittelalter zurückgedrängt und aus einem sichern Wohnsitze friedlicher preußischer Bürgev ein todesgefährliches Raub- und Mordnest neuer Vandalen und Hunnen' geworden." Während über ganz Deutschland die Sonne der Freiheit anfging und mit ihren leuchtenden und erwärmenden Strahlen die aus dem Schlafe geweckten Kinder Teutonias erquickte, wurde — o Fügung des Schicksals! —- in unsere Provinz die Fackel des Aufruhrs, geschleudert, und sie loderte. hell und immer heller und drohete das ganze Land an' der Warthe und Netze 31t zerstören —- und ^— 0 weh 1 sie hat, nach acht Wochen der Gräuel und des Entsetzens,' auch in diesem Augenblicke zu leuchten noch nicht anfgehört. Städte und Dörfer sind in Flammen aufgegangen, Menschenblut ist in Strömen geflossen, Hab und Gut von Tausenden ist zernichtet worden, und wer weiß, was nnS noch bevorsteht? -- Die Wuth der Insurgenten richtete sich aber gleich von ihrem ersten Auftreten au mit ganz besonderer Grausamkeit gegen die Inden, und nicht unr verhältnismäßig, sondern auch numerisch haben aus unserer Mitte mehr Opfer, als aus dem Kreise der deutschen (evangel.) Christenheit, unter den Streichen der Partisanen den Geist aufgegeben. Ich könnte ganze Bogen füllen, wollte ich Ihnen erzählen von den Abscheu und Entsetzen erregenden Gräuelthaten , welche in Trzcmesno, Wreschen, 'Znin, Miloslaw, Mons, Reustadt und ganzneuester Zeit noch in Buk an Juda's Söhnen und Töchtern mit kalter! Mordlust sind verübt worden. Doch hierzu, weiß ich, würden Sie Ihr Blatt nicht hergebcn, ebensowenig als ich meine Zeit und meine Feder. Und so wollen wir diese Tranerberichte einem spätem Geschichtsschreiber überlassen. Doch Eins ist an uns zu thun, und hierzu werden wir laut und dringend gemahnt. Wir müssen helfen, wo Hilft nötbig, und wenigstens zur Hilft ausserdem, wo wir nicht selber helfen können. Es sind in den genannten Städten viele arme jüdische Frauen ihrer Männer, viele arme jüdische Kinder ihrer Väter oder gar ihrer Ettern beraubt worden. Wer wird sich dort der unglücklichen Witwen und Waisen annchmen? Es haben, wie in dorr genannten, so noch in mehrcm andern Orten viele jüdische Familien durch Brand, Raub und Zerstörung ihre Häuser und ihr ganzes Vermögen - eingebüßt. Wer wird, wer kann sich dort der so vielen Brod- und Obdachlosen annehmen? Es muß von anderwärts Hilfe kommen, und sie muß bald kommen. Mein Vorschlag wäre, daß so schnell als möglich ein Unterstützungs-Komite gebildet und von diesem ein Aufruf an alle Israeliten Deutschlands erlassen würde. Noch besser wäre es, wenn sich der Orient an. die Spitze dieses Unternehmens stellen wollte; dann würde der Erfolg gewiß nicht ansbleiben. — Doch was geschehen soll und kann, muß bald geschehen. * Die Sache ist dringend. Witwen und Waisen, Kranke und Ver- *) Buchhändler Levit in B r 0 mberg hat bereits einen Schritt gelhan. D. K.

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