Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1848-05-27 · Heft 22 (27.5.1848) · p. Seite 171

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 22 (27.5.1848)
Date
1848-05-27
Page
Seite 171 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360526-2360549--6409-3534161
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

-171 - die Christen bis jetzt für sich in Anspruch nahmen, auszuüben, und daß keine Gelegenheit so verführerisch daz:i ist als eben der Handel. Das Wahrean der Sache, - was nur die Meisten sich nicht gestehen wollen, ist, daß die Inden im Handel regsamer, spekulativer und dadurch häufig auch erfolgreicher sind als die Christen, was ganz natürlich zugeht, da bis noch vor kurzer Zeit dies der einzige Erwerbszweig.war und in vielen Ländern noch ist, der den Juden je gestattet wurde. Gleich wie ein Jnselvolk gewöhnlich gute Seeleute bildet, so mußte der vom Vater auf den Sohn in hunderten von Generationen förterbende Schachergeist eine eigenthnmliche Fähigkeit zum Calcul heranbilden, die in seiner praktischen Anwendung dem Kausmaune sehr gut zu statten kommt. Fühlt ihr euch daher zu schwach, es mit dieser Konkurrenz aufzunehmen, nun wohl, so gebt den Juden recht vielfältige Gelegenheit, auf andere rechtschaffene und ihrer Bildung angemessene Weise ihr Brod zu erwerben, und die jüdische Konkurrenz im Handel wird sich wenigstens der Zahl nach sicherlich in kurzer Zeit vermindern. Nachdem ich so mit den hervorstechenden, der Mehrzahl anktebendcn, jüdischen Specialfehlern nicht hinterm Berge gehalten, sie wenigstens nicht zu nachsichtig gezeichnet habe, wird es ein unparteiischer Leser, dem es um Wahrheit und Recht zu thun ist, gewiß in der Ordnung finden, wenn ich .nun auch einige jüdische Special-Tugellden erwähne, die am Ende den Fehlern die Waage halten möchten. Bekannt ist der Wohlthätigkcitssinn der Juden, nicht allein gegen ihre Glaubensgenossen, sondern gegen jeden Bedürftigen, gleichviel welcher Religion. Bekannt ferner und fast wunderbar zu nennen, wenn man die meist geschäftsmäßig abgeschlossenen Ehebündnisse bedenkt, ist die hohe Moralität des Juden in der Ehe, die Pietät in der Familie, welche die der Christen weit übertrifft und auch aus die entferntesten Glieder sich erstreckt. Die Inden haben sich durchschnittlich stets als Freunde der .Ordnung und Verehrer des Gesetzes in allen Staaten gezeigt, sie haben bereitwillig die ihnen aufertegten Lasten getragen, auch wo sie nur das magere Recht der D u l d n n g - genossen, und bei vielen Gelegenheiten eine Kraft des Erduldens bewiesen, die nur in tief gcwurzettem religiösen Gefühl ihren Stützpunkt haben konnte. Wer den Juden nicht auch von dieser Seite hat kennen lernen, der kennt ihn überhaupt nicht, der darf ihn auch nicht seiner Fehler zeihen, der darf sich gar kein Urtheil über ihn anmaßcn. Will man aber ein Facit ziehen für die Beantwortung der Frage, so vergesse man nicht, daß im Juden so gut wie im Christen die Keime des Edlen und Guten von der Geburt an vorhanden sind; sollten diese Keime nicht in demselben Maaße zur Entwickelung kommen, und selbst die Mehrzahl der Juden vor einem strengen, der Nächste,rliebe fremden Richterstuhle den Christen nicht gleich befunden werden, so ist es die Schuld unserer Vorväter und Väter, es ist unsere Schuld bis auf den heutigen Tag, die wir selbst eine ungerechte Unterdrückung äusgeübt haben und noch ansüben. Jede Unterdrückung tritt der Entwickelung hemmend in den Weg und Unterdrückung ist es, wenn auf der einen Seite nur. ein Körnchen mehr Freiheit als auf der andern sich befindet. Sollte selbst einer oder der andere von uns in einer Emancipation der Inden Gefahren für die G egenwart erblicken, so mag er nicht vergessen, daß unsere Vorfahren uns in Unwissenheit diese Pflicht der Gerechtigkeit vererbt, haben, und daß cs ein Akt feiger Selbstsucht wäre, sich dieser Pflicht dadurch zn entziehen, daß wir, die zur Erkenntniß gekommen sein wollen, die Ausführung won uns ablehneu und wieder auf unsere Nachkommen übertrügen. Wir haben eine doppelte Pflicht zu erfüllen: vergangenes Unrecht wieder gut zn machen, und denen, die wir nach unserem parteiischen Urtheil in die Mehrzahl als unter unö betrachten, wenigstens die Hand zu bieten sich zu uns emporzuschwingen. Es mag vielleicht ein Menschenalter dazu erforderlich sein, um die jetzige Kluft vollkommen auszufüllen und alle rauhen Stellen zu ebnen, aber gebt jetzt Gerechtigkeit und eure Nachkommen. werden die Früchte ernten. Ich spreche aus diesem allerschwärzestcn Gesichtspunkte zu denen, die von Vorurtheilen befangen sich vielleicht noch gar nicht einmal bemüht haben , ihre jüdischen Mitbürger kennen zu lernen, die einzelne schlechte Beispiele als Norm anführend, bisher auch, die mit verurtheilt haben, die den Besten unter uns an die Seite treten dürfen, weil sie, wenn auch brav und tüchtig, doch als Juden ihnen nicht gleichzustehen verdienten. Auch das ist eine Sophisterei, wenn einzelne unter uns sagen, wir wollen die Emancipation der in Sachsen wohnenden Juden, wollen aber keine fremden Juden aufnehmen. Entweder müssen wir überhaupt den Zuzug der Fremden, gleichviel ob Juden oder Christen, nach Sachsen verhindern, oder wenn wir ihn gestatten und den Grundsatz der Glaubensfreiheit festhalten' wollen, utitffcn wir Jede n, d e r d e u s o n st i g e u g esetztichen Erfordernissen genügt, er sei weß Glaubens er wolle, bei uns aufnehmen. Oder endlich — wir müssen uns der ganzen civilisirtcn Welt zum Gespötte preiögeben, müssen erklären, daß wir nur die in Sachsen lebenden Juden ans guter Miene zum bösen Spiele cmaucipiren wollen, alle übrigen Juden aber als von besonderem Gepräge betrachten, müssen erklären, daß wie die Religionsfreiheit für uns allein, aber nicht für andere in Anspruch nehmen. Es giebt jetzt keine Entschuldigung, keine Ausflüchte mehr, — wer von uns nicht den Juden das Recht, der Emancipation zugestehen will, den betrachte ich als 22*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.