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Der Orient · 1848-05-27 · Heft 22 (27.5.1848) · p. Seite 170

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 22 (27.5.1848)
Date
1848-05-27
Page
Seite 170 (sequence 3)
Language
German
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- 170 — erschienen sind, auch deren Erwidemng theils nicht in würdiger , theils nicht in treffender Weise stattgefunden, so glaubt Einsender dieser Zeilen im Interesse aller wahrhaft liberalen christlichen Einwohner Leipzigs und Sachsens zu handeln, wenn er, der die Juden und ihre Eigcnthümlichkeitm vielleicht genauer kennt als irgend einer, der sich in diesen Blättern darüber ereifert hat, in einer auf vielfache Beobachtung gegründeten Darlegung der Verhältnisse das Für und Wider der Emanzipation auseinanderzusetzen versucht. Man wende nicht ein, daß eine Beleuchtung dieser Frage überflüssig sei, man spreche nicht: nt allgemeinen Redensarten, daß »der Geist der Zeit sich bereits dafür entschieden; eine Forderung des Zeitgeistes könnte leicht seine verbindliche Kraft für eine spätere Periode verlieren. Es.handelt sich darum, den Gegner auch zu überzeugen. Die Gegner der Emancipation sind, ich scheue es nicht , zu sagen, mindestens in Sachsen zahlreicher als man glaubt; es sind nicht allein jene Wenigen, die sich offen dagegen anssprechen, es sind in ihremJnnern gar Viele, die äußerlich aus instinktmäßiger Scham wohl dafür stimmen oder am liebsten sich neutral verhalten , deren engherziger Kastengeist und kalter Egoismus aber sie als verdeckte Gegner viel gefährlicher erscheinen läßt, als der offen szur Schau getragene tölpische Fanatismus der geringeren Zahl. Die letzteren sind^weit leichter zu bekämpfen als die erstercn, die gern die Frage von dem religiösen auf den politischen Standpunkt überspielen wollen. Zu der Idee, daß ein Mensch wegen seiner religiösen Ueberzeugung schlechter oder weniger berechtigt als ein anderer sei, mögen sich heut zu Tage nur Wenige bekennen, da dies eine Absurdität ist, die selbst in den niedrigsten Schichten keinen Anklang hat; dagegen findet der Gedanke, daß man die Juden nicht als religiöse Genossenschaft betrachtet^ sondern daß man ihnen fälschlicherweise eine eigentümliche, dem bürgerlichen Leben der Christen feindliche Nationalität unterschiebt, bei Vielen eine geneigtere Aufnahme. Man hört nicht selten Leute von sonst achtbarem Charakter und gemäßigten Ansichten die Meinung auösprechen, daß der Jude nicht seiner Religion, sondern seiner nationalen Eigenthümlichkeit halber gewissen Beschränkungen unterworfen sein müsse. Um das Ungerechte und Falsche dieses Satzes nachzuweiscn, glaube ich den Zweckmäßigsten Weg zu wählen, wenn ich diese nationale Eigenihümtichkeiten dem Leser zur nähereu Prüfung vorführe. Ich werde mich dabei bemühen, mit derjenigen Unparteilichkeit zu Werke zu gehen, die weit entfernt den Juden zu schmeicheln, auch für ihre speeiellen Unlicbenswürdigkeiten nicht blind gefunden werden soll. Im Allgemeinen wird den Inden vorgeworfen, daß sie die Christen mit Verachtung ansehen, sobald nicht ihr Vortheil das Gegentheil erfordere, daß siedemGelde einen höheren Werth beilegen, als allen geistigen und körperlichen Vorzügen, daß sie/die Arglosigkeit der Christen durch List und Trug im Handel znm Nachtheile der erstercn benutzen, und sobald ihnen durch Emancipation vollkommene Freiheit crthcilt sei, auch alle übrigen Branchen als Gewerbe , Industrie und Landwirthschast an sich ziehen würden. Der erste Punkt ist nicht ganz ungegründet; eswird den Juden in der Mehrzahl, wo sie sich von anderweitiger Rücksicht befreit glauben, schwer, eine gewisse anerzogeue Sufsisance zu unterdrücken, die sich zuweilen selbst in Verbindung mit vorlauter Zudringlichkeit markirt, ein Fehler, der den Juden besonders unter denen viel Feinde gemacht hat, die nur gelegentlich und in oberflächlichen Verkehr mit ihnen geriethen, und der sich hauptsächlich an denen offenbarte, die im Besitze vielen Geldes, doch bei mangelnder wahrer Bildung, sich gleichwohl berechtigt glaubten, ihren Platz unter dm gebildeten Ständen und in deren Cirkeln einzunehmen, an die wir demnach höhere Ansprüche machten als wir nach der Erziehung und dem frühem Umgänge der Leute billigerweise machen durften. Der zweite Punkt, die Ueberschätzung des Geldes ist gleichfalls eine oft grell hervortretende tadelnswerthe Eigenthümlichkeit der Inden; doch muß man, um gerecht zu sein, den beiden Punkten.auf die Ursache dieser Nationalfehler zurückgehen. Ist es ^etwa zu.verwundern, wenn ein Volk, das von seinen christlichen Mitbrüdern seit Jahrtausenden Bedrückungen und Ungerechtigkeiten aller Art zu ertragen hatte, und das zu schwach war, offenen Widerstand zu leisten, die ursprünglichen Gefühle verbissenen Grimmes allmälig in den passiven Zorn der Ohnmacht, die stillschweigende Verachtung verkehrte? Ist cs ferner zu verwundern, wenn es ein Volk, dessen Ehrgeize so enge Schranken gezogen, daß nur der Besitz des Geldes ihm einiges Ansehen zu verleihen im Stande war, diese Macht sehr bald überschätzen mußte, da ihm anderweite reellere Vorzüge keine Geltung verschaffen konnten? Was den Hauptvorwurf endlich anbelangt, das Ruiniren des Handels und der Gewerbe , so glaube ich solchen wenigstens zum großen Th eit in Abrcde stellen zu können. Wer vom Ruiniren spricht, dem rathe ich jedenfalls sich damit zu trösten, daß die Inden, die seit Olims Zeiten hauptsächlich Handel trieben, bis zum heutigen Tage nichts Wesentliches daran ruinirt haben, jedenfalls also der Zerstörungsprozeß von ihnen außerordentlich langsam bewerkstelligt wird. Was nun vom Handel gilt, dürste auch die Industrie treffen. Allerdings werden häufige Betrügereien von Juden im Handel verübt; aber selbst wenn hier die Statistik znm Rachiheil der Juden ausfiele, so bedenke man , daß,. ihnen die Gelegenheit genommen ist, dm Betrug anderweitig, z. B. in Aemtern und Würden, welches Privilegium

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