Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1848)
- Date
- 1848-05-20
- Page
- Seite 166 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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166 dem Lande der als bieder und hochherzig gepriesenen Magyaren seit Kurzem Sympatbie für derlei Unbill augenfällig sich kundgiebt, ist fürwahr ebenso neu als beklagenswerth. In Preßburg bekamen die Inden Prügel, m St.-Weißenburg Rippenstöße, in Caschau, Eperies die Fenster eingeschtagm, und hier möchte man sich schon gerne über derlei Kleinigkeiten hinwegsetzen, wenn anders cs nur damit abgcthan wäre; unsere löbl. Bürgerschaft führt wie man hört noch etwas Löblicheres im Schilde, man spricht, ich witls nicht sagen, vom Todtschlagen. ' Froh und freudig schlug uns das Herz, als die Worte: Freiheit, Gleichheit, zu unfern Ohren drangen; froh und freudig verkündete der Vater dies seinem Kinde, ein Nachbar cs dem andern. Schon sahen wir uns im Geiste der Fesseln bar, die verjährte Intoleranz, blindes Vorurtheil uns geschmiedet, miseru Nacken des Joches frei, das Fanatismus uns aufgelegt und besangen gleich dem blinden Milten eine Sonne, die zu schauen uns Leider verwehrt war. Denn der Freiheit schon allzulange beraubt, wußten wir des Wortes neueste Bedeutung nicht, aus ihrem Reiche schon langst verwiesen, war es uns fremd , daß der Fortschritt einen neuen Sinn hineingetragen, und wir Narren sangen. Die Willfährigkeit unserer christlichen Mitbrüder jedoch, die uns nimmer da fehlt, wo es nicht unserem Nutz und Frommen gilt, ließ auch diesmal nicht lange auf sich warten und stach uns bei Zeiten den Staar» —' Die Sonne der Freiheit, sprach sie, die am Himmel Europas ansgegangen, darf den Meridian der ungarischen Israeliten noch nicht passiren, noch ist es ihnen nicht gegönnt in ihren wohlthätigen Strahlen sich zu sonnen. Darin eben finden wir die Privilegien und Prärogative der uns gewordenen Freiheit, daß wir so frei sein dürfen, auch zu sagen: ,,das ist Freiheit!!" Wir an unsere Ketten gemahnte Sklaven meinen jedoch noch immer, daß diese Stimme, obschon sie so gewaltiglich schrie, daß die Menschheit erbebte, und sie wirklich stehen blieb, jene Sonne sei nichts weniger als die Stimme eines Jojua war, vielmehr das wüthende Toben einer rohen Masse , das die gesunde Sprache der Vernunft übertäubte. Als Wunder wird es sich der Nachwelt aufbewahren zwar, doch schwerlich dürste es Bewunderer finden. — Wer mit uns ringt, sagt der große Engländer Burke, der stärkt unsere Kraft nur, und so ist es auch. Mit verjüngter Kraft hämmern wir au den uns hie und da noch anklcbendcn Schlacken, und so muß uns denn doch über lang oder kurz das neuerdings streitig gemachte Menschenrecht zu Theit werden.- Proßnitz, Mai. Unser Oberrabbiner Fasse! hat eine treffliche Rede bei Gelegenheit der errungenen Freiheit gehalten, aus der ich Ihnen folgende die jnd. Zustände bezeichucude Stelle mittheile. ,,Was für eine Thräne glänzt in deinem Auge mein Bruder? Ist es eine Freuden- oder eine Schmerzensthräne? Laß cs mein Bruder eine doppelte sein l Weine, weine, auch unsere Väter in Egypten haben zu Gott geschrien, ob des Druckes, der schwer auf ihren Schultern getastet. Und die bisherigen hierländischen Gesetze für uns sind eben so hart, eben so drückend und niederbeugend, eben so die Menschenwürde und das moralische Gefühl schändend, als die Pharaonischen Gesetze zu Egypten. Lasten sind uns eben solche schwere aufgelegt, wie damals; unerschwingliche und unerträgliche Sondersteuer, Belastung, zweifache^ Belastung der nothwendigsten Lebensmittel, und alles das noch bei Beschränkung und Schmälerung aller Nahrnngswegc^ ganz so .wie in Egypten. Stroh wurde ihnen nicht gegegeben; aber den Tribut an Ziegeln mußten sie liefern. Und waren Mehrere zu schwach, um arbeiten zu können, und konnten sie die auferlegte Abgabe nicht leisten, so wurden die Aufseher geschlagen, die Anzahl der Ziegel mußte ein für alle Mal vollständig geliefert werden. Ganz so wie bei uns. Da können auch noch so viele verarmen und außer Stande werden, die ungerechte Sondersteuer zu bezahlen, die Uebrigen müssen cs für Alle thun.^ In Egypten sonderte mau die Israeliten ab, in Oesterreich auch? In Egypten wollte man sie nicht vermehren lassen, in Oesterreich auch nicht? Aber da lobe ich mir noch die Verfahrnngsweise Egyptens \ Pharao machte kurzen Proeeß, er ließ die Kinder männlichen Geschlechts ins Wasser werfen; in Oesterreich läßt man sie wohl leben, aber leben, um zu verkümmern, leben, um zur Unsittlichkeit erzogen zu werdend, leben, um keine Wohlfahrt je zu genießen, denn sogar jede Aussicht ist ihnen versagt, je eine Familie bilden zu können. So bleibt es der Fluch des Unrechtes, daß es fortzeugend nur Böses gebähren kann. Darum weine , mein Bruder! deine Thräne ist gerecht! Was hat das v erst o ß en e Kind von dem Glücke, welches dem Hause zngeströmt, wenn es daran Theil.zu nehmen verhindert wird? Umgekehrt durch das Glück Anderer, wird das eigene Unglück fühlbarer, wie der 1) Nebst der allgemeinen Verzehrungssteuer muß der.Jude in Mahren noch eine besondere zahlen. 2) Dem Juden sind viele Nahrungswege untersagt, und in den bedeutendsten Handelsstädten darf er nicht wohnen. 3) Die Familientaxe und der sog. Drittelzuschuß sind Solidarsteuern, die, falls die ganze Gemeinde bis auf Ein Mitglied verarmen wurde, dieses solche allein bezahlen müßte. 4) In jeder mährischen Judengemeinde sind die Juden in einem Ghetto zusammengepfercht. 5) Kein Israelit darf heirathen, bis nicht ein anderer gestorben ist. 6) Da mehr geboren werden, als sterben, so bleibt ein Theil der Familiantensöhne zum Cölibat verurtheilt. Dann sind gewiß schon in. Mähren Tausend uneheliche männliche Kinder, die eo ipso zum Cölibat verurtheilt.