Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1848)
- Date
- 1848-05-20
- Page
- Seite 165 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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165 ri ug. Noch fehlt es mir an der Ucbersicht über die Ereignisse von heut/ ich kann Ihnen nur geringe Einzelheiten berichten. Wie ich höre ist blos ein Mensche wem: eö wahr ist ein Familienvater, bei einem Anlanf der Nationatgarde gegen die Steine werfenden Massen auf dem Leonardiplatze durch einen Bayonnetstich getödtet worden. Mehre, mitunter sehr schwere Verwundungen haben an Juden und Christen, Gardisten und Studenten Statt gefunden. Zahlreiche Verhaftungen nicht blos Gesindels, sondern auch gut gekleideter Per-, sonen wurden vorgcnommen. Seit halb zehn Uhr früh,, wo sich der Kravall in der Schwcfelgasse und am Tandelmarkte entspann, wo man alles, was in die Hände siel, demolirte, Mißhandlungen aller Art verübte, haben die Unordnungen fortgedauert bis jetzt, wo die Nacht einbricht. Die ganze Judenstadt, die Lange-, Karpfen-, Plattner-, Jesuitengasse mit den daranstoßenden Gassen und Gäßchen, der Kohl- und Grünmarkt, der altstädter Ring, der Leeuardi-, Marien- und Niclasplatz waren die ausgedehnten Schaubühnen einer wüthenden Bewegung, wie wir seit den Drucker-Unruhen im Jahre 184b keine erlebt. An vielen Orten mußte die Nationatgarde von den blanken Waffen und dem Bayonett Gebrauch machen, vielleicht hätte man sogar gefeuert, doch es fehlte überall au Pulver» Zahlreicher Steinregcn fiel an mehren Stellen auf die anrückende bewaffnete Bürgerschaft, die von dem Pöbel mit allen erdenklichen Schimpfnamen belegt wurde; denn in seinen Augen ist der Schutz der Juden ein Verbrechen. Auch diese waren bereits auf einen Angriff gerüstet. Bei dem Beginne des Kravalls am Taudelmarkt soll von den Juden mit Steinen, Ziegeln, Holzstücken aus die Christen geworfen worden sein, in Folge dessen mehre Personen, unter andern eine schwangere Frau, schwer verletzt wurden; ans den Böden hatte man Steinhaufen gelagert, die als Verteidigungswaffe dienen sollten. Sie können sich die Wuth unserer Bevölkerung denken l „Christcnblut mußte zuerst fließen", hieß es überall, wo ich hinhorchte, ,,aber cs sott den v—n Inden theuer zu stehen kommen". — Auch im Smichow soll es Unruhen gegeben haben. Dortige Fabriken hatte mau stürmen wollen. Ob es geschehen, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. — Ich schließe den Bericht, damit er Ihnen noch zeitig genug in die Hände kommt. Welche trübe Zukunft! Denn wir sind noch immer erst am Anfänge. (Const. Bl. a. Böhmen.) Prag, im April. (Aus dem Privatschreibcn einer Dame.) Die politischen Ereignisse drangen sich so auf einander, daß ich ein gewisses Resultat abwarten wollte —- und siehe es kam schneller als ich dachte. Der Judenhaß ist hier aufs Neue erwacht, oder besser ist nie eingeschlafcn, nur daß er nicht mehr auflanert, sondern sich frech zeigt. Allerdings that die Neuzeit viel, stürzte Könige von ihren Thronen, machte Länder unabhängig von der Gewalt ihrer Beherrscher, ließ den Absolutismus, über die Themse schiffen, bildete selbst Sklaven zu freien Männern, und dennoch ist es ihr nicht gelungen, den Judenhaß aus der Brust unserer christlichen Brüder zu entwurzeln, dennoch steht er in seiner düstern mittelalterlichen Gestalt ungeschmälert da. Ich darf wohl sagen, wenn es möglich ist, so vergrößert er sich noch — o temporal o mores! Verfolgen wir den Faden der Geschichte, so finden wir den Judenhaß in ganz anderer Form, wie er jetzt erscheint. In früherer Zeit hatte der fromme Christ den Vorwand, er dulde keinen andern Glaubensbekenner, er wollte als Christ vom Juden geschieden sein; jetzt ist er ja zu aufgeklärt dazu; jetzt schämt er sich den Grund auzugeben, warum er seine armen Brüder so drückt, quält und von sich zurückstößt. Der reformirte Judenhaß hat sich auf ein anderes bequemeres Mitte! besonnen, er bürdet uns solche Fehler auf, die wir nie besaßen, er macht uns Vorwürfe, die durchaus ungerecht sind, sucht in uns Mängel aufzufiuden, die kein Vernünftiger finden kann und wird, und redet sich so lange ein daß sie wirklich an uns haften, bis er die Ueberzeugung zu haben glaubt, uns nach Belieben demüthigcn, knechten und martern zu können. — Mit dem unverschämtesten Uebermuth Hetzen sie uns wie ein armes Wild in den Winkel irgend einer schmutzigen Judengasse, und glauben uns da den letzten Stoß zu versetzen. — Doch unser Volk, daß trotz Wogen und Wellen, die cö zu verschlingen droheten, hat seinen Muth noch nicht verloren; mit kindlicher Liebe vertrauet es seinem Hort und Beschützer, der es so lange auf wunderbare Weise erhalten. Jedes neue Leiden scheint uns' in unserm Glauben, Hoffen und Vertrauen zu stärken und zu stählen. Mir fallen jetzt Carl B cck's Worte ein: Ach nach Wundern fragt der Jude,. Sieht in Wolken seinen Hort, bleibt uns etwas anderes übrig? Wenn man ein tanbeS Ohr für unser gerechtes Klagen, für unsere Bitten hat, müssen wir uns nicht zu unserm Vater im Himmel wenden. Wehe dem, der uns diesen Trost rauben will l K. R. Miskolz, 20. April.. Wenn wir in öffentlichen Blättern ans die traurige Kunde stoßen, daß Deutschland, die Fackelträgerin der Wissenschaft und der modernen Gesittung, hie und da das Fest der Freiheit mit Bensch impfung der Juden begeht, so haben wir dies in der That nicht als eine seltene Erscheinung anzuseheu, wir erlebten und sahen dort in diesem aufgeklärten Jahrhundert, das da ist das neunzehnte in seiner Glorie, so man predigt: ,,liebet selbst euere Feinde", nicht zum erstenmal tief vcrsargte, scheußliche Spukgestalten heranfbeschwören, ihnen Leben mittelalterlichen VorurtheilS emhauchcn und dann, ihr Unwesen treiben. Daß aber in