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Der Orient · 1848-05-13 · Heft 20 (13.5.1848) · p. Seite 154

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Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 20 (13.5.1848)
Date
1848-05-13
Page
Seite 154 (sequence 3)
Language
German
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154 unter Republik die Herrschaft der Guillotine verstehen, so nehmen gar viele Wiener die Konstitution für eine Schutzgöttin von Privilegien. Der Mangel an politischer Durchbildung macht-sich gerade hier fühlbar. Ich glaube sogar, daß Viele die Schwerkraft ihres ganzen Sems verlieren würden, wenn die volle Freiheit eine Wahrheit würde. Darf aber die Regierung, bei ihrer Gcsetzesvorlage Ln Betreff der Israeliten, das Vorurtheil zum Maßstabe wählen? Soll sie auf die Mißgeburten des Spießbürgerthums Rücksicht nehmen? Nein! Sie würde aufhören eine freie zu sein, sobald sie die Dienerin des Volkövorurtheils wird. Die Zeiten, wo Regierungen mit den krassen Vorstellungen des Volkes koquettirten, dasselbe durch Abtretungen des Freihcitsgebietes gängelten, sind vorüber. Eine freie Regierung muß vorangchen, sie muß das Banner der Freiheit vor dem Wolke einhertragen und es nicht von der Hefe eines Theiles des Volkes entstellen lassen. In der Judenfrage muß es sich zeigen, ob die Regierung frei oder ' gebunden ist. YL Die österreichische Regierung hat ausgesprochen, daß sie sich den Beschlüssen der konstituirenden Nationalversammlung in Frankfurt nicht unbedingt unterwerfen könne. Die Ultraösterreicher, die aus dem schönen Traume einer österreichischen Großmacht nicht erwachen können, jubeln: Oesterreich ist groß -— aber die Freiheit ist nicht sein Prophet. Am Himmel der Freiheit ist die Opposition Oesterreichs eine finstere Wolke, die auf das Haupt der Israeliten einen Schauer berabströmt. Proktamirt die konstituirende Nationalversammlung die Freiheit der Israeliten, so braucht sie in dem großen Kaiserstaate kein Echo zu sinden. Dies mögen die österreichischen Israeliten wohl beherzigen, und nicht in österreichischer Naivität für die Großmacht schwärmen. Es gibt jetzt eine Großmacht in Europa, und diese ist die V olköfreiheit. Die Freiheit führt Völker und Länder zusammen, nicht vergilbte Traktate und verbriefte Privilegien. VIL Welcher Nationalität in dem Verbände des Kaiserstaates gehören die Israeliten an? Der deutschen. Der Magyarismus und der Slavismus, beide sind erkünstelt, nicht naturwüchsig. Die Juden sind Deutsche in Oesterreich, Böhmen, Ungarn, Galizien, Mähren und Schlesien. In den Landern, in denen eine Mischung der Sprachen stattfindet, vertreten die Juden die deutsche .Sprache, die Trägerin der Kultur, Bildung und Wissenschaft. Allerdings wollen dies gar viele Juden in Oesterreich nicht anerkennen. Ihrem ursprünglichen Dentschthume propfen sie ein fremdes Reis auf. Im alten Regiments war dies erklärlich. Der deutsche Name stand nicht voran, er mußte sich vielmehr dem Gleichgewichtssysteme der Nationalitäten fügen. Durch die letzten Staatsersthütterungen ist der deutsche Name verjüllgt worden und zu Ehren gekounnen. Fortan sollen die verschiedenen Nationalitäten gleichberechtigt sein und das Band der Freiheit, das sich um dieselben schlingt, soll die höhere Einheit bilden. Das Dentschthum wird in Böhmen, Mahren, Ungarn, Galizien nicht mehr schüchtern und gebeugten Hauptes aufzutreten brauchen; kühn und muthig wird cs neben den übrigen nationalen Elementen fein Haupt erhcbeu und die deutschen Farben werden im ganzen Kaiserstaate prangen. 'Die Juden, ihrer Sprache, Gesittung und Anschauung nach Deutsche, sollen Deutsche bleiben und sich als die Träger und Wächter des deutschen Velksthnms bewähren. Das Deutschthum hat unter allen Nationalitäten dieBildnng, die Gesittung, die Kultur, die Wissenschaft, den Zusammenhang mit dem verjüngten und zur Freiheit erwachten Deutschland voraus. Mit Czechomanm, Slavomauen und Magyaromauen sratcruisiren heißt von Kultur und Bildung abfallen. Die Deutschen in Böhmen, Mähren, Ungarn und Galizien müssen aber auch erwägen, daß sie durch die Verbrüderung mit den Israeliten einen kräftigen Zuwachs ihres nationalen Elements erhalten und es ist im Interesse des Deutschthums ihre Pflicht, die Juden zu sich /heranzuziehen und für deren Freiheit aus allen Kräften zu wirken. Die Freiheit der Juden ist zugleich die Freiheit des Deutschthums. Ad. Jelliuek. Deutschland. Berlin, 1. Mai. Ich tfjcile Ihnen folgende Aktenstücke aus der Revolution mit. Das erste von Dr. Sachs und das zweite von Dr. Z u n z. S e g e u S f p r u ch des Rabbiner Dr. Michael Sachs über die Opfer des 18. und 19. März. An ihren Särgen gesprochen den 22. März 1848. Im Namen jenes uralten Bekenntnisses, das als lebendiger Zeuge der Weltgeschichte und Weltgeschick'e seit Jahrtausenden dasteht, im Namen jener alten Gottcölehre, die der Menschheit ihren Gott gebracht, die sie gelehrt, in den Stürmen und Wogen der Ereignisse die leitende imb waltende ewige Vorsehung zu schauen, die sie angcleitet, das Wehen des Gottesedems in dem Leben der Völker zu erkennen, die durch den begeisterten Mund ihrer Herolde, die Propheten, für Wahrheit und Recht das Wort genommen, im Namen jenes alten, ewigen Bundes, der den Gedanken der Brüderlichkeit, liebender Theilnahme des Menschen am Menschen in ihrem Kreise zuerst begründet und gepflanzt, nehme auch ich aus tiefbewegter Brust, aus ergriffener

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