Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1848)
- Date
- 1848-05-13
- Page
- Seite 153 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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'LL. Berichte, Stuöien und Kritiken Neunter für Jahrgang. — jüdische Geschichte und Literatur. — Das Abonnement auf Von dieser Zeitschrift ein Jahr ist 5 Thlr." Manabonmrt bei allen Herausgegeben erscheinen wöchentlich das Literaturblatt mitlöbl. Postämtern und. allen solid. Burbhandlungen auf ein Jahr. von gerechnet, zwei Bogen, und zwar an. jedem Dienstag regelmäßig. vr. Julius Fürst. SO. Leipzig, im 13. M»i - 1848, Inhalt. Die Juden in Oesterreich. — Deutschland. Berlin. Aktenstücke aus der Revolution. Leipzig. Deutsche Interessen. Baden. Diskussion über die Judenfrage. — Oesterreich. Wien. An die Ungarn. Von I. Wertheimer. Pesth. Flüchtige Juden.. Wien. Adresse an den Minister Deük. Preßburg. Die Judenverfolgung. Pefth. Ministerialschreiben. Wien Die Scenen in Preßburg. —' Frankreich. Basel. Judenexcesse. — Italien. 'Mailand. Gleichstellung der Juden. — LB. d. Or. Dis Juden in Desterrsich. V. In der octroyirten Konstitution des Kaiserstnatcs werden die Rechtsgrenzen der verschiedenen Religionsbekenntnisse dem Reichstage anheimgestellt. In formeller Beziehnng laßt sich nichts dagegen einwendm. Ein konstitutioneller Kaiser muß die Organe seiner Völker hören , wenn es sich um die Bestimmung von Vvlksrechtcn handelt. Die Gleichstellung der Israeliten ist daher ein Problem, das seiner Lösung entgegensieht. Ueberdies ist die Konstitution ein G n a d e n g e sch c n k, und von diesem Gesichtspunkte war die Emaneipation kaum zu erwarten. Die Freiheit der Israeliten geht mit der vollen und ungeschmälerten Freiheit des Volkes Hand in Hand', die Gnade läßt sich von Gefühlen leiten, und das Gefühl ist ein parteiischer GnadenfpWder. Es handelt sich nun zunächst darum, welche Gcsetzcsvorlage die Regierung den Ständen Vorleger: wird, da ihr die Initiative zukommt. Würden die persönlichen Rechtsanschauungcn des Ministers des Innern, desHrn. v. Pittersdorf entscheidend sein, so könnten, die österreichischen Israeliten sich der freudigen Hoffnung hingebcn, die Schranken, gleich dem Gitter des römischen Ghetto, 'fallen zu sehen. Allein man wird, dem Vorurtheilesich fügend, an die Stimme des Volkes appelliren — und siehe da, in Wien, der Wiege der jungen Freiheit, hat sich eine starke Kolonne gegen die gerechten Forderungen der Israeliten gebildet. Ueberrascht hat uns der wiener Bürgerzopf durchaus nicht. Rom wurde nicht an einem Tage gebaut, und Wien kann nicht in drei Tagen frei werden. Die guten Wiener sind noch immer Sklaven. Zwar sind ihre Ketten gewaltsam gebrochen, ihre Zunge wurde gelöst, ihre Hände bewegen sich frei, der Polizeistock ist. zerbrochen, die „Spitzel" sind abgestumpft, die dreifarbigen Fahnen wehen vom Stephansthurme, die Presse wird nicht cenflrt, Versammlungen werden wie in freien Ländern gehalten — allein die Wiener sind doch Sklaven ihrer selbst, ihrer Vorurtheile, ihrer Antipathien. Freie Männer lassen' sich nicht von Abneigungen leiten; die Freiheit, das Recht, die Gleichheit sind ihre Führer. Wie dein Sklaven noch Striemen und Wunden von den alten Ketten Zurückbleiben, so trägt der Wiener Spießbürger noch das Kainszeichen seiner frühem Knechtschaft an sich. ' Er hält die Freiheit für ein Privilegium, die Freiheit in ihren vollem Glanze blendet sein, an Dämmerlicht gewöhntes Auge, und er betrachtet die Israeliten als seine Konkurrenten. In den Märztagen glaubte er ein Patent für sich errungen zu haben; daß die Freiheit weder Patente noch Privilegien erlheilt, daß sie Alte, ohne Unterschied des Bekenntnisses, des Standes, des Vermögens umfaßt, Men ihre Gaben mit vollen Händen zutheilt, kann das durch frühere Dumpfheit geschwächte Hirnsystem, eines patentirten Spießbürgers nicht fassen. Wie Viele in Frankreich 20