Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1848)
- Date
- 1848-05-06
- Page
- Seite 151 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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151 Hände gerathen, soll fast zu Tode geprügelt worden sein. Um 9 Uhr wären die Straßen gesäubert und einige Hundert Tumultuanten wurden verhaftet. Heute Morgen konnte man steh überzeugen, daß der Tumult nicht allein auf die Juden abgesehen war, denn man sah nicht minder an christlichen Hausern die Fenster eingeworfen. Die Bürgerschaft will nun die Austreibung eines Theites der Juden aus sogenanntem gesetzlichen Wege erlangen, und es werden zu diesem Behuse Unterschriften für eine diesfällige Petition gesammelt. — Pesth-- 21. April. Eine traurige Kunde von dem Uebertritte unseres Vorstehers Kunewalder giebt Ihnen das hier folgende Inserat und ich glaube kaum, daß es nöthig ist, einige Worte hinzuzufügen. Es war und sollte nie ein Gegenstand der Besprechung sein, wenn einer unserer ©[aLtOcnorjenoffen die Fahne des JudcnthmnS und mithin die seiner Brüder verläßt, aber in dieser schweren Zeit, wo unsere Gemeinde einen schweren Kamps mit rohen Massen zu bestehen hat, ist ein Apostat ein seiger Verräther, dessen Brandmarküng selbstvom Standpunkte der Politik gerechtfertigt erscheineil muß. Ich lasse daher folgendes Inserat, das die Gesinnung der Bessern, hier ausdrückt, für die Leser Ihres Blattes hier abdrucken. Es tautet: Offenes Schreiben eni H err n Jon a s Kunewalder. Motto: „Hollah! was gibts?" einen jüdischen Tartuffe. Unter allen Freiheiten, die der gegenwärtige Zeitgeist uns brachte, ist die Freiheit der Meinungen und Ideen in jeder Hinsicht am freiesten und ungebundesten; -— so dachten Sie wahrscheinlich, mein Herr, als Sie den Entschluß faßten, Ihren Neligionsglauben zu vertauschen; Sie werden es daher nicht übel nehmen, wenn ich ebenfalls von dieser Meinungsfreiheit Gebrauch mache, und so frei bin, Ihnen auch meine Meinung öffentlich knndzngeben. — Sie sind oder waren keine Privatperson, Sie waren der erwählte Vertreter von fünfzehn Tausend Menschen; Sie gehören der Oeffmt'lichkeit an, Ihre Handlungen waren öffentliche sie dürfen auch öffentlich gerichtet werden. Die jüdische Bevölkerung dieser Stadt hatte Sie zu ihren! Vorsteher, zum Vertreter ihrer Interessen, zum Vertheitiger der besitzenden, zum Erkämpfer der fehlenden Rechte erwählt — ja noch ntehr, Sie bildeten als Vertreter der hiesigen Gemeinde, auch den Vertreter der ganzen israelitischen Bevölkerung Ungarns; sie hatten sämmtlich Ihrer Intelligenz, Ihrer Redlichkeit, Ihren materiellen und geistigen Kräften vertraut l — nun wie lohnten, wie rechtfertigen Sie dieses unbegrenzte Vertrauen? — Sie haben sie in den Tagen der Gefahr,' in dem stürmischen Zeitpunkte, wo es mehr als jemals eines innigen, festen , ans Redlichkeit und Treue gestützten Zusammenhaltes bedürfte, um das schwache Schiff des Judenthums durch die wogende Brandung zu steuern —- wie ein gemeiner Uebcrlänfer verrätherisch im Stiche gelassen. Ich will die Beweggründe, die Sie hiezu veranlaßten, nicht untersuchen, nicht berühren — so viel weiß ich — daß, wenn sie ein redliches Gemnth hätten, wenn Sie einen Funken von Achtung für den Glauben Ihrer Väter, wenn Sie auch nur jemals das mindeste Bestreben für das Wohl Ihrer Glaubensgenossen, ja wenn Sie auch nur so viel Liebe für sic gehabt hätten als der fanatisch'ste Judenfeind für den Menschen im Juden noch empfindet, Sie hätten es nicht gcthan, Sie hätten es wenigstens jetzt nicht gcthan, wenigstens jetzt nicht wo Sie noch mit dem Amte eines Vertreters derselben Gtanbensbrüder bekleidet waren. — Sie waren ein Feind des Judenthums, und schwangen sich au seine Spitze, um ihm desto empfindlicher schaden zu können. Sie sangen ihm Ihre Sirenenlieder vor, daß es Sie für den Messias seiner Emaneipation hielt: auf Ihre einschmeichelnden Verheißungen bezahlte dies bethörte Volk zw'ölfmalhuudert Tausend Gulden C.-M., und Sie hatten keinen andern Sinn im Busen als sich ein Band ins Knopfloch zu erjagen; und wie müssen Sie, redlicher Mann, als Abgeordneter derselben Gemeinde bei verschiedenen Gelegenheiten, ihre Interessen vertreten, mit welch warmem Eifer muffen Sie für ihr Wohl gearbeitet ha ben I Von seinen Mitbürgern ungerecht behandelt zu werden, wie schmerzlich eö auch sei, es ist ertragbar; der Jude ist es gewöhnt; von seinem eigenen Glaubensbruder verrathen zu werden, das *ist der Jude nicht gewöhnt; dagegen empört sich seine Seele, allein nicht nur jeder Jude, auch ein redlich gesinnter vorurtheilSfreier Christ wird eine solche Handlungsweise höchst verachten, denn hier handelt cs sich nicht um das bloße Verändern eines Glaubens, da dergleichen Fälle bei gar viel bedeutendem Personen als Sie sind, mein Herr, ignorirt wurden, sondern daß Sic fünfzehn Tausend Menschen verrathen, betrügen, und lächerlich machen wollten, ich sage wollten, denn dem Himmel sei Dank, es ist keines von allen dreien geschehen , das Jndenthum war nur verrathen und betrogen, so lange Sie an seiner Spitze standen, und lächerlich haben Sie sich nur selbst gemacht. Hüllen Sie sich immer in ein erhandeltes Adelsdiplom, oder in ein sonst erspekulirtes Amt, Sie werden der Verachtung Ihrer Mitbürger, die dm wahren Werth lin Menschen erkennen, nicht entgehen; für eines aber danken wir Ihnen noch, daß Sie müde wurden, das Gaukelspiel länger zu treiben, und die Larve abgenommen haben; mögen Sie Ihren neuen Glaubensgenossen ein redlicherer Freund sein, als Sic es Ihren frühem waren,-und möge der Hirnmel Ihr Herz zum Guten wenden. — Din.