Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1848-05-06 · Heft 19 (6.5.1848) · p. Seite 152

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 19 (6.5.1848)
Date
1848-05-06
Page
Seite 152 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2360092-2360526-2360546--6387-3534112
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

152 Der kirchliche Verein für alle Religionsbekenntnisse in Leipzig« l. > ' Das gestrige Leipziger Abeildblatt enthalt von den: Unterzeichneten folgenden Aufsatz ü ber den ,, f i rch l i eh en Verei n f ü r a l l e R e l i g i o n § b e k e u n 111 i f f c" (f. Nr. 33): ,,Man hat vielfache Bedenken gegen die Bildung .eines . t ix ch l t ch e n Vereins in nilserer Zeit ausgesprochen. Man meint, ctn solches Unternehnren sei nicht zeitgemäß, es fehle die Theilnahme des Volkes. Wäre dem in der That also, fehlte wirklich die Theitnahme des Volkes ' für die kirchlichen Angelegenheiten: so wäre eben dies die dringendste Nöthignng zur Gründung eines selchen Vereins. Eben weil keine Theilnahme vorhanden ist, muß ein Verein gegründet werden, welcher die Theilnahine für die Kirche wieder erweckt. Öder sollten wir feinen Versuch machen, die kirchliche Theilnamlosigkeit zu beseitigen? Wärees nicht ein Schade,, noch weniger eine Schande, die kirchlichen Angelegenheiten in den kalten Herzrn vollends ab- und anssterben zu lassen? — Wer wäre so hölzern und steinern, wessen Seele wäre so ganz zur ausg.eglühten Kohle und zum verdorrten Blatte geworden > daß es ihm eben recht und erwünscht wäre, wenn die himmelanstrebenden Dome verstehn gleich den Ritterburgen des Mittelalters, und wenn in diesen geisterhebenden Räumen nicht mehr die Worte heiligender Wahrheit, nicht mehr die Segenssprüche seelenvoller Weihe, nicht mehr lue Töne tansendstimmiger Gesänge erschallten, sondern das Gestöhn und Geschrei der Eulen und'Fledermäuse? ‘ Wir wissen wohl, die Kirche tragt zum größten Theil die Schuld der Theilnahmlosigkeit in tausend Gemüth-rn. Die Kirche ist zerfallen in viele sich anseindende Parteien und Konfessionen; diese feindlichen Parteien schleudern ihre Fenerbrände in das Heiligthum der Häuser und lehren und reden von Dingen, die dem gesunden Sinne widerstreben und das Herz veröden. Aber ist die Kirche die Hüterin und Pflegerin der Religion und Sittlichkeit, so liegt es ja gewiß nicht in den: Wesen der Kirche, in, solcher Erscheinungsform all das Tageslicht zu treten; es'ist nicht ihr Wesen / e§ ist ihre Erscheinung. Ihr urkrästigcs, urgesmldes Wesen muß sich in neuer Form und Gestaltung lebendig erweisen. Dieses urkrästige und nrgesnndc Wesen der Kirche scheint uns in dem ,,kirchlichen Verein für alte Religionöbeke n n tn t ffe" offenbar werden zu können. Die Feindseligkeiten der kirchlichen Parteien innerhalb der Christenheit und die" feindselige Stellung der Christen gegen die Israeliten will man beseitigen und daraus dringen, was allezeit, allerorten für alle Menschen heilsam und nothwendig ist, ans Religiosität und Sitt- Verlag von C. L. Fritz sch e. lichkeit? Ohne Religiosität und Sittlichkeit.kann das Gemeinwohl nicht wachsen und gedeihen',—. es fehlt ja der Keim - cs fehlen die Wurzeln. Demgemäß aber ist die Gründung eines derartigen Vereins eine in nuferer Zeit hochwichtige und nothwendige, eine wahrhaft zeitgemäße Sache. Und es wäre in der That ein großer Schade, eine große Schande, wollte man gar keinen Versuch machen, die Gemüther wieder mit lebendiger Theilnahme für Kirche und Religion zu erfüllen. Ist die Kirche theilweise die Pflegerin der Unvernunft und der Gewaltherrschaft gewesen — wohlan, so fei sie es gewesen, aber sie sei cs fortan nicht mehr! Die Kirche ist ein goldener Becher. In diesen Becher hat man nebst edlem Wein Gift und Galle gethan. Ihr wollt nicht Gift unt? Galle — wollt ihr nun Gift 'und Galle sammt dem Becher wegwerfen? O, nein, gießet doch das alte bitterböse Getränk aus, behaltet aber den Becher und, füllet das Gefäß mit lauterem edlen Weine l Ein goldener Becher bleibt golden, ob ihr ihn auch mit schlammigen- Wasser füllt und beschmuzt. Und was thut mall mit einem verunreinigten Gesäße? Wirft man es sammt dem Schnurze in die Grube? O, nein! Man reinigt das Gesäß und hält es fort und fort werth und theuer. So wellen wir es auch mit der Kirche halten und uns nicht scheuen, unsern.Verem einen ,,kirchlichen" zu nennen. >Er sei ein Verein. Durch Vereine werden gemeinnützige Sachen zum Gemeingut des Volkes gemacht. Durch Vereitle erhält das Volk jedmänniglich Gelegenheit und Recht, sich selbstthätig an einem gemeinsamen Werke zu betheiligen. Der ,,kirchliche Verein" macht die Sache der Religion zum gemeinsamen Werke des Volkes in allen ReligionSbekenntuiffeu. Nicht irgend welche geistliche oder staatliche Bevormundung kann in einem freien Vereine stattfinden. Der freie ,,kirchliche Verein" wählt entö seiner Mitte die Männer seines Vertrauens zur Leitung seiner Angelegenheiten, und -die Glieder des Vereins haben ohne irgend einen Unterschied dcS Standes und Bekenntnisses, das Recht, Vorträge zu halten und an allen Verhandlungen sich zu betheiligen. Int ,,kirchlichen Verein" ist also kein konfessioneller Haß und Hader, sondern Liebe und Friede der Konfessionen; die verschiedenen Bekenntnisse bringen alle ihre reichen Gaben und ihre hundertjährigen Erfahrungen dar zur Förderung des Gesammtwohles. Im ,.kirchlichen Verein" will man das Unrecht vergangener Zeiten nicht fortführen und erneuern, im Gegentheil beendigen und schließen; man will nicht das Unheil, man will das Heit, welches tie Kirche, als die Pflegerin der Religiosität und Sittlichkeit, in der That schaffen und fordern kann. Im ,.kirchlichen Verein" ist keine priesterliche Zwingherrschast; nein, da ist freie, ungehinderte Regsamkeit alter Kräfte, damit aller Wehl erblühe. Im ^kirchlichen Verein für alle Relionsbekenntnisse" herrscht der religiös-sittliche Geist, dieser Geist aber ist der Geist der Freiheit und Gemeinschaft." Z i l l e. Druck von I. H. Nagel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.