Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1848)
- Date
- 1848-05-06
- Page
- Seite 150 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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150 - und überhaupt anstrcbt: die gegenseitige Verständigung der heterogensten Denkweisen hcrbUzuführen. Auch ist, wie uns ein Hochgestellter versichert, die Berufung einer jüdischen Synode unter dem Präsidium Schwabs bereits vom 'Ministerium beschlossen. Mittlerweile wird von einzelnen Gemeinden vorgearbeitet und hat sich unter der Leitung ' des•' Dr. M. Den tsch zu Weßprim ein Re- .formverein gebildet, der energisch anstritt, mit der Verlegung des Ruhetages auf Sonntag und Aufhebung der Speisegesetze beginnt. Ein vaterländisches Blatt theitt in dieser Beziehung mit: Der Oberrabbiner Steinhardt soll "schon seit mehren Jahren sich mit einein Plaue beschäftigt haben , durchgreifende'Reformen voxzunehmen. Die Reformen sind großen! Heils solche, die das jetzige soziale Leben unbedingt nothweudig macht, so z. B. die Verlegung des Ruhetages auf Sonntag, Reduzirung der dielen Feiertage, Abschaffung der Speisegesetze, die ohnedies hier (in Arad) von Niemandem mehr befolgt werden ■(?), Ablegung der Kopfbedeckung im Tempel und mehr bergt. So das Blatt. Wir wagen es zu bezweifeln, daß der eifrige Vertreter des Jom-kippnr-katan plötzlich seine Farbe in dem Grade gewechselt; doch leben wir in einem Zeitalter, wo Wunder geschehen. — Auch der Rabbine Zipfer, cin> gemäßigter Liberaler, eröffnet einen Ciklus von Reformen damit, den Genuß der Hülsenfrüchte am Pcssach zu gestatten, wohl blutwenig, aber an 'seinem Platze, wie man hört, viel, -wenn nur erst der Anfang gemacht ist. Löw dringt auf Reformen in seiner Gemeinde und meint man, daß er von dem ihm persönlich befreundeten' Ministerium aufgemuntert worden sei, als der Intelligenteste mit gutem Beispiele-voranzugehen. Auch die Alten verjüngen sich und scheinen leichthöriger geworden zu sein für den Ruf der Zeit, namentlich zeigt sich der sonst orthodoxe Rabbiner zu Moor liberal und meint mit der Aufhebung der zweiten Feiertage, der 'strengen Trauergebräuche u. dgl. hätte es weiter keine Schwierigkeit; auch/-könnte man nach seiner Ansicht gestatten, Samstag mit der Eisenbahn per Dampf — zu fahren. Auch gut, zu seiner Zeit zn brauchen, und möchten wir dem Herrn Präsidenten Schwab solche Individuen, die das Volksvertrauen genießen, empfehlen. Prcrg, :18. April. Auch hier -haben Judenverfolgungen statt gefunden. Trotz bestehenden Verordnungen waren viele Juden aus dem Ghetto in die Christenstadt gezogen und hatten dort ihre Magazine eröffnet. An der Thnre des Kaufmanns Wehle, Ecke des Roßmarktes, waren wiederholte Drohungen angeheftet; als er gestern Morgen sein Magazin aufschtoß, versammelte sich eine rohe Volksmasse-, die einige kleine Krämer auf alle Weise aufzuregm und zu erbittern suchten und verlangten Wehle-solle seineil Laden schließen. Der Sohn deö 'Eigenthnmers, Nationalgardist, zieht seinen Pallasch, das Volk entreißt ihm die Waffe, zerbricht sie, fällt über Vater und Sohn her, die nur durch eine Studentenkohorte den Händen der wnthenden Volksmasse entrissen und nach dem Rathhause cskortirt wurden, Unterdessen brach der Sturm in andern Stadttheilcn, vornehmlich im Ghetto und. ans dem Tandelmarkt los; man warf den Juden die Fenster ein, zwang sie die Läden zu schließen. Der Nationalgarde gelang es endlich die Ruhe wieder herzustellen; mehrere der Unruhestifter wurden arretirt. In der Nacht durchzogen zahlreiche Patrouillen die Jndenstadt; auf dem Tandelmarkt waren die Reservekompagmen der Natt'onalgarde ausgestellt. Die Stimmung ist iin Allgemeinet, hier gegen Deutsche und Juden eine fürchterliche und eine große Zahl gewissenloser Schreier sucht das Volk zu immer neuen Erceffen aufzureizen. Das drohende Ungcwitter dürste sich bald , auf eine schreckliche Weise über den Häuptern der Deutschen und Juden entladen. — Heute sind an allen Straßenecken Plakate angeschlagen, die zu einem Blntbade gegen die Juden auffordern; die Nationatgarde reißt sie herunter, aber den Verkauf aufreizender Flugschriften vermag sie nicht zu hindern. — Pesth , 20. April. Gestern Abend war.hier ein großer Tumult, zu dessen Dämpfung neben der Nationalgarde auch das Militär einschreitell mußte. Der Sturm galt zunächst den Inden , verschonte aber auch reiche christliche Einwohner nicht. Schott seit einigen Tagen gährte es gewaltig in den niedern Klassen, welche von Kommunisten und Unruhestiftern anfgewiegelt werden. Es kam zu einem drohenden Konflikte zwischen den Gesellen und den Meistern, bei welcher Gelegenheit der hiesige Magistrat snspendirt und bereits vielfache Forderungen zur Austreibung der Juden laut wurden. Die Meister namentlich benutzten den allgemeinen Judenhaß, um die Wnth der Gesellen, von sich aus die Juden abzulciten« Gestern kam noch ein Vorfall hinzu, welcher den Ansbruch beschleunigte. Einige Bürger griffen einen jüdischen Nationalgardisten an, als er vor dem Stadt- Hause Wache hielt. Dieser zog das Schwert und verletzte einen der Angreifer leicht an der Hand. Sofort entstand ein Volksanflauf, welcher die Entwaffnung aller Juden , und die Austreibung derjenigen, welche seit 10 Jahren sich hier niedergelassen, forderte. Die meisten Läden wurden gesperrt, die Straßen wogten von Menschen, eben so schnell aber wurde auch eine.imposante Macht von Nattonalgardcn und Soldaten auf den verschiedenen Punkten zusammmgezogen. Aus dein Stadt- .hause saß die pcrmamente Sicherheitskommission, in welcher auch der Premierminister L. Batthyanvi erschien. Dieser sprach sich sehr bitter über die^ judenfeindlichen Intentionen der Bürgerschaft aus. Gegen 7 Uhr Abends begann indeß der Sturin tu der KonigSgaffe, der Waitznerstraße und der Eibegengaffe mit der Plünderung einiger jüdischen Häuser. Ehe. die Nationalgarden Meister der Stadt waren , -wurden -mehre Inden jämmerlich zugerichtet; ein Stndirender, welcher den Meuterern in die