Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1848)
- Date
- 1848-04-29
- Page
- Seite 143 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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143 - miß aller Rechte im Staate werde, deren seine christlichen Bürger sich. erfreuen und welcher die Masse des Volkes in seiner Gesammtheit fortan theilhastig werden muß. Die Emancipation der Juden ist in der Theorie längst als eine entschieden gerechte Forderung der Zeit abgethan. Wie kommt es, daß die Praxis so lange nichts davon wissen wollte und daß ein ungeheures Wunder geschehen mußte, um dieses zweite Wunder — die Kenner der Geschichte des letzten Jahrzchends werden es so begrüßen — hervorzurufen O e sterrei ch. Prefchnrg, 13. April. Sie wissen, daß der ungarische Reichstag die Juden vollständig emaneipirt und daß durch diese Maßregel der tausendjährige Haß der ungebildeten christlichen Bevölkerung gegen jedes jüdische Element neue Nahrung gewann und sich in blutigen und beklagenswcrthen Judenverfolgungen Luft machte. Ich wütt diese Scenen, die,. Gott sei Dank! vorüber sind, die aber noch jetzt unsere gesammte jüdische Bevölkerung mit Furcht und Schrecken erfüllen, nicht noch einmal erzählen, aber einen Vorschlag des Grafen Johann Berengi will ich Ihnen mittheilen, der zu charakteristisch für einen großen Thcil ungarischer Magnaten tst, die, nachdem sie den säuern Schweiß ihrer Unterthanen vergeudet, sich jetzt an den Juden, halten möchten: GrafBerengi beantragte nämlich in der Magnatentafel, daß nicht nur alle bisherigen sondern auch alle künftigen Schulden der Christen an Juden voll Seite des Reichstages für amortisirt erklärt, sondern auch diese gehalten werden möchten, die lOMill.Fl. zu zahlen, die der Reichstag zum Straßenbau angcwieseu. Was der ganzen Geschichte die Krone anfsetzt, ist daß der edle Graf selbst nahe an stebellzigtausend Thaler an verschiedene jüdische Handtttngshänstr schuldet; allein trotz dieses Umstandes wäre cs eine Blasphemie die großmüthige Uneigennützigkeit des edlen Grafen Berengi nur einen Augenblick in Zweifel zu ziehen. BroLy, 17. April. Aus sicherer Quelle kann ich Ihnen berichten, daß die israelitische Deputation von Wien nach Lelnberg bereits zurückgekehrt ist, und leider eine sehr unbefriedigende Antwort mitgebracht. „Haben denn all' diese energischen Vorstellungen und Bitten unsere schwere Lasten uns zu erleichtern nichts gewirkt? nichts gefruchtet?" werden Sie fragen. Darauf kann ich Ihnen „ein entschiedenes „Reit! " antworten. Um die Deputation einzuschüchtern und einzulullen hat man allergnädigst geruhet, mit lang gedehnten Worten Folgendes zu crtheilen: „Mir werden sehen, mir werden schon machen, der Landtag ist nicht ferne. " — Dies ist Alles was man uns gegeben, was kann man mehr verlangen. Nicht wahr! — — Jedoch wollen wir über unsere milde (jetzt konstitutionelle) Regierung nicht den Stab brechen, und ihr nicht Unrecht thun. Denn näher betrachtet kann cs uns als eine sehr wahre und entsprechende Antwort dienen. Hat denn die Regierung nicht recht wenn sie jetzt sagt: „mir'werden sehen,?" war es denn nicht Fürst Metternich unter Anderem, der sich den Hut über die Angen gerückt, und ganz Oesterreich, (ja ganz Europa) mit sich im Finstern herumführtc? Jetzt hat er das Ruder Anderen überlassen, die mit offenen Augen sehen werden, die für das Wohl des Staates/ das Heil der Bürger sich interessiren; die mit offenen Augen sehen werden,, was Jeder Unbefangene stehet, was Jeder für nothwendig erachtet. — Die Regierung hat wieder recht, wenn sie sagt: „ m i r w e r d e n m a ch e n " — die Erfahrung hat sie gelehrt, daß wenn sie nicht macht, so macht das Volk, die Mailänder haben von ihrem Könige Veränderungen verlangt, da er es ihnen verweigert, so haben sie sich l o ö g e m a ch t, die Ungarn und Böhmen haben auch angefangen zu machcu, — da hat es gleich geheißen: Haltet! Haltet ein, meine lieben Kinder: ,,J' wer moch-en nur nit schießen" (So eine Antwort läßt sich hören). Wir haben Ursache zu glauben, daß es in Galizien eben so gehen wird. -— Denn einer muß doch machen. — — Nur das Eine: „Der Landtag ist nicht ferne " fÖmmt wir mit dem besten Witten nicht in Schutz nehmen, es klingt zu sehr mctternichisch, es hat Worte, die das Ohr heutzutage nicht mehr vertragen kann, Worte, die man sogleich mit dem allbekannten „zu spät" zurückweiset. Es scheint, daß unsere neuen Minister auch nichts gelernt und auch nichts vergessen haben, ' B....k ©fcn, 15. April. Auch in unserer alten, ehrwürdigen Stadt bereitete der Pöbel, von Uebelwottenden, namentlich von fanatischen Priestern aufgcreizt, Demonstrationen gegen die Juden vor; allein die Jugend von Pesth, die den Geist des nemlzehnten Jahrhunderts jedenfalls besser erfaßt hat als die Ofner Spießbürger, nahm die Israeliten in Schutz und verhütete durch ihr energisches Auftreten alle Exeesse. StnhlweLszenburg, 14. April. Im Laufe voriger Woche fanden hier Unruhen statt, die bald einen sehr bedauerlichen Charakter annahmcu, da der Pöbel die Inden mit Gewalt aus hiesiger Stadt vertrieb und auch manche anderweitige Exeesse beging. Bekanntlich gehört Stuhlweißenburg zu jenen Städten, die die Juden erst seit kurzem ausgenommen; die hiesige jüdische Bevölkerung besteht ungefähr aus 60 Familien, die meistens der wohlhabendcrn und gebildetem Klasse augehören. Die vertriebenen Israeliten klagten den Be-