Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1848)
- Date
- 1848-04-29
- Page
- Seite 138 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 138 - richtung der bekannten Gebühren für Geburten, Sterbefälle u. dgl. bitten, um nicht cm jedem Gerichte der willkürlichen Besteuerung des Richters anheimgegeben zu sein, (wie der Justizminister schon unterm 4. d. M. chic ähnliche Verfügung wegen des Austritts aus der Kirche entlassen hat,) und wo sie zugleich um Bescheid bittet, ob nicht nach §. ,5 der allerhöchsten Verordnung vom 6. d. M. diese ganze Steuer wegfällt. Ueber den Erfolg dieser Eingabe werde ich seiner Zeit berichten» Änm. des Redakteurs» Eine solche Eingabe scheint mir gegenwärtig ganz überflüssig, wie sie auch vor einigen Monaten noch am Platze gewesen wäre. Der König hat in seiner Bekanntmachung und Erklärung die vollkommenste Gleichstellung aller Bekenntnisse ausgesprochen und dieses als Grundlage einer neuen Konstitution verheißen. Mit einer solchen Gleichstellung fällt auch jede Beschränkung, jede Vorschrift, welche die Juden allein betrifft. Auch hat der König es klar ausgesprochen, daß er Staat und Kirche entschieden trennen will, und in diesem Falle giebt cs keine besonder» Judengesetze. Leipzig, 15» April» Für Deutschland ist die, Morgenröthe einer bessern' Zeit angebrochen, die Freiheit, so lange in Fesseln geschlagen, so lange unterdrückt, darf jetzt ihr reines Haupt erheben, die Sonne der Humanität ist aufgegangen und sie erfüllt die Welt mit ihren erwärmenden und belebenden Strahlen. Auch die Israeliten haben diese Morgenröthe einer bessern Zeit mit lebhaftem Jubel, mit lautem Enthusiasmus begrüßt, ja, sie haben mehr gethan, sie haben diese Freiheit, in deren Glanze wir uns sonnen , auf den Barrikaden von Berlin auf dem Kampfplatz in Wien mit erkämpft, mit errungen, sie haben ihr Blut für diese Freiheit vergossen; es ist billig, daß sie auch diese Freiheit mit genießen. Diese allgemeinen Bewegungen, die Europa so mächtig erschüttern, sie sind nicht spurlos au deu Juden vorübergegangeu, nicht ohue Einfluß auf ihre äußere Stellung gewesen; diese Bewegungen haben ihnen in manchen Staaten die Freiheit gebracht, ihre Ketten zerbrochen und den Druck vernichtet, unter dem sie seufzten. Preußen, Baden und das Großherzogthum Darmstadt, (irren wir nicht auch Weimar?) haben die Juden durch Proklamation unbedingte Religionsfreiheit vollständig emancipirt und auf eine Stufe mit der christlichen Bevölkerung ihrer Staaten gestellt. Das Beispiel der oben angeführten Staaten, unter denen namentlich Preußens Stimme Gewicht hat in der öffentlichen Meinung sowohl wie bei dem Bundestage, hat die Emancipationsfrage wieder überall angeregt und der moralische Eindruck, den Preußens und Badens Beispiel auf das übrige Deutschland gemacht, wird nicht verloren gehen und dieser Eindruck ist ein der Emaucipation keineswegs ungünstiger. Wenn wir im Allgemeinen auch hoffen dürfen, daß im Laufe der Zeit mancher Staat noch alten Vorurteilen entsagen, dem Beispiele Preußens und Badens folgen wird und die Hoffnungen und Wünsche seiner unterdrückten, sehnsüchtig nach. Anerkennung und bürgerlichen Freiheitringenden jüdischen Bevölkerung -verwirklichen wird, wie es die Humanität befiehlt, so wird und kann dies doch nur im Laufe der Zeit geschehen. Jetzt zeigt sich aber ein näherer Weg, der uns gewiß schneller und'sicherer zum Ziele führt. In wenig Tagen tritt in Frankfurt das deutsche Parlament zusammen, das die Aufgabe hat, das Grundgesetz und eine Verfassung für ganz Deutschland zu entwerfen. Die Aussprüche des deutschen Parlaments werden für ganz Deutschland gesetzliche Kraft haben; wenn nun dies Parlament unbedingte Religionsfreiheit, oder die Gleichstellung aller Konfessionen als Grundgesetz für ganz Deutschland dckretirt, so fallen die einzelnen mittelalterlichen, vom Vorurtheil untcrfHii^tcn, von der Barbarei hervorgernfenen Bestimmungen, die bisher noch drückend auf den Inden lasten, von selbst weg. Aber so konnte man fragen, wer bürgt uns dafür, daß das Parlament die bürgerliche Gleichstellung aller Konfessionen dekretiren wird, daß es sich der seit Jahrhunderten gedrückten und in Sklaverei dort niedcrgehaltenen Inden annehmen wird. Betrachten wir zuerst die Gesinnungen, die das deutsche Vorparlament und der Fünfziger-Ausschuß in Betreff religiöser Fragen an den Tag gelegt; ein großer Theit der Männer, die als vorbereitende Nationalversammlung tu Frankfurt zusammentraten, wird in das deutsche Parlament gewählt werden, und die Ansichten, die das Vorparlament ausgesprochen, werden im Parlament ihr Echo finden und das Parlament hat gesetzliche Kraft für ganz Deutschland. Dem Vorparlamente wohnten drei jüdische Mitglieder bei: Rießer, , Johann Jakoby und Dr. Fürst. Die Versammlung hat sie zngelassen, ja diese Männer zu Mitgliedern oder Stellvertretern des Fünfziger -Ausschusses gewählt und dadurch wohl den glänzendsten Beweis gegeben, daß sie selbst über religiöse Vornrtheile erhaben sei, daß sie den Glauben ihrer einzelnen Mitglieder vollständig ignorire. Die Stimmen jener Männer, die hier durch ihr Beispiel gezeigt, daß sie den Geist unseres Jahrhunderts erfaßt, wirdimdentfcf;cn Parlamente wieder erschallen. Alle Organe der Presse, alle Zeitungen selbst von den verschiedensten Farben, die die Frage über die künftige Verfassung Deutschlands und über die Grundsätze, über die sich das Parlament zu einigen. habe, bis jetzt besprochen, bezeichnen nicht nur die Religionsfreiheit und die unbedingte Gleichstellung aller Koufessioncu als wi'mschenswerth, ncm^ sie stellen dieselbe als unumgänglich nothwendig, als unentbehrlich in den Vordergrund. Die öffentliche Meinung hat sich für die unbedingte Religionsfreiheit, mithin auch für die Emaucipation der Irr-