Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1848
- Issue
- 17 (22.4.1848)
- Date
- 1848-04-22
- Page
- Spalte 263-264 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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263 Studien. Die Bolksbibel des Rabb. Sachs. 261 und nichts soll mich mehr erschüttern. Ein Chanoch will ich sein auf Erden und dann komm über mich Schmerz, komm Elend, komm Tod, ich fürchte dich nicht mehr! Noch bin ich nicht in Eden, aber ich gehe bald in dasselbe ein, glorreich und verklärt, wie Chanoch in dasselbe eingegangen. Wenn ich vor mir sehen muß, wie schlaue Verbrecher in den Umarmungen des Glückes einer langen Lebenszeit auf Erden sich erfreuen, während die Gerechten und Edlen die kurze Bahn ihres Lebens nur mit Dornen und Steinen besetzt haben, denke ich an Chanoch und seine. Zeitgenossen und neue Hoffnungen beruhigen das wankende Gemüth. Wenn ich unschuldige kleine Kinder dahinschmaden sehe, ehe sienoch den Mutternamen lallen können, wenn hoffnungsvolle Knospen, dem starken Baume entfallen, ehe sie sich erschlossen, wenn frische grüne.Zweige, junge Sprößlinge vom Elternstamme sich losreißcn, — und das gebrochene Herz fragt, arme Seele, warum so früh? — Bist du deßwegen gekommen, um so frühzeitig wieder von dannen zu scheiden? — So denke ich, gewiß du bist ein Chanoch, gutes, liebes Kind , — du warst ein Chanoch, frommer Jüngling, fromme Jungfrau, unter den Menschen, und der Herr will eben so früh dich bei sich haben. In seiner himmlischen Anstalt, unter seiner Hand sollst du gepflegt und gebildet werden für den hohen Genuß der ewigen Seligkeit; gewiß treffe ich dich einstens erhaben und hehr an dem Throne Gottes unter den Himmlischen. *) Metuschelach lebte hundert und sieben und achtzig Jahre und zeugte den Lemech. Nachdem er den Lemech gezeugt, lebte er noch sieben Hundert und zwei und achtzig Jahre, in denen er Söhne und Töchter zeugte. So wareir die Lebtage des Metuschelach neun Hundert und neun und sechzig Jahre als er starb. Lemech lebte hundert und zwei und achtzig Jahre und zeugce einen Sohn. Diesen nannte er Noach, 1) Der Midrasch erzählt: Emst besuchte Rabbi Jose Jemanden, dem der Sohn gestorben, um ihn zu trösten. Da sah er den Leidtragenden an, und lächelte, und da jener ihn fragte warum er lache, gab er zur Antwort.: Ich habe das feste Vertrauen zum Herrn des Himmels, du wirst dort dein Kind Wiedersehen. Da sagte ein heidnischer Weise, der gerade zugegen war, zu ihm: Hat der Unglückliche nicht genug an der traurigen Wirklichkeit, daß du ihn noch mit solchen Träumereien quälst? — Ist der Topf einmal in Scherben, wer will ihn zusannnensetzen? Aber Rabbi Jose crwiederte: Sieh', irdenes Gefäß wird in Feuer gebrannt und gläsernes auch, warum kann man dieses überschmelzen und von Neuem formen, jenes aber nicht? — Weil das gläserne Gefäß durch Blasen verfertigt wird, jenes nicht. — Hat auch dein Ohr gehört, was der Mund spricht? rief der Rabbi aus. Wenn nun das, was von Menschen geblasen wird, wieder hergestellt werden kann, wie kann der Geist ganz zerstört werden, den Gott in den menschlichen Körper geblasen! — Das will sagen, da der Geist ein von Gott-dem menschlichen Körper eingehauchtcs, abgesondertes Wesen ist, so kann er auch nicht mit dem Körper untergehen. Und wenn auch der Körper wie ein Topf in . Scherben zerfällt; die ihm eingeblasene Kraft bleibt und wirkt fort unter einer andern neuen Gestalt, so lange sie nur der Schöpfer erhalten will. Ruhe, als wollte er sagen: möge dieser uns beruhigen wegen unserer Thaten und der Mühsal unserer Hände auf dem Erdreiche, d«s der Ewige verflucht hat. — — Die letzten Worte sind die Worte der Schrift, die.zugleich bemerkt, dass Lemech, mit dessen Geschlechte die lange Reihe leidender und verderbter Nachkommen endete, mit dieser Benennung den letzten Seufzer der Zeit über die herrschenden Mängel und Mühseligkeiten ausgestoßen, und gleichsam in einer Vorahnung der kommenden, bessern Zeit, die Bitte zum Himmel gesendet habe, daß diese Erleichterung mit diesem Sohne eintreten möge. Diese Bemerkung aber geschieht-deßhalb, weil mit Noach wirklich ein neues Geschlecht gekommen ist. Auch der Feldbau gedieh besser unter seiner Hand, indem es ihm gelang, Wein zu pflanzen und zur Reife zu bringen. — — Freund! siehst du Elend und Verderben so tief eingeriffen, so weit verbreitet, daß eine Besserung unmöglich scheint, verzweifle nicht, lebe vielmehr wie Lemech in der festen Überzeugung,-der Herr wird etz besser machen. — — Nachdem Lemech den Noach gezeugt, lebte er noch fünf Hundert und fünf und neunzig Jahre, in denen er Söhne und Töchter zeugte. So waren die Lebtage des Lemech sieben Hundert und sieben und siebenzig Jahre als er starb» -Als Noah fünf Hundert Jahre alt war zeugte er den Schem, den Cham und den Jefet.- Dieses Kapitel enthält weiternichts als ein leeres Namensregister und die Angabe der Lebensdauer der Menschen vor der Wasserfluth; enthält aber doch genug, um mich auf wichtige Wahrheiten zu führen. Es saget mir deutlich und klar, wie leer, wie nichtig ein Leben ist, und wenn es noch so lange währt, wenn es thatenlos und unwirksam für die Welt dahinfließt. „Und er lebte und zeugte, und lebte weiter und zeugte Kinder und — starb." Das ist die ganze Lebensgeschichte von Männern die ein halbes oder beinahe ein ganzes Jahrtausend gelebt, von Männern die in der Kindheit, in der Jugendblüthe der Welt gelebt, die so viel hätten Vorarbeiten können künftigen Geschlechtern, die so viele Erfindungen ins Leben rufen, so viele Erfahrungen hätten sammeln können, um sie auf die Nachwelt zu vererben. Mehr als fünfzehn Jahrhunderte verflossen von der Schöpfung der ersten Menschen bis zur Wasserfluth; was ist in dieser langen Reihe von Jahren von Seiten der Menschen geschehen für das Wohl der Menschen? Was haben, außer einigen, einzelnen Familien, die riesen artigen, hochbejahrten Männer, die da standen mit voller Kraft, und eine weite junge Welt mit ihren Rekchthümern vor sich hatten, was haben sie gethan für das WohL der Nachkommen, für ihr eigenes, ewiges Wohl? — .Nichts! das sagt uns die heilige Schrift deutlich und klar, indem sie uns viel von ihren Lebensjahren, aber äußerst wenig von ihren Thatm aufbewahrt hat. Die lange Lebensdauer, die ihnen Gott vielleicht deßwegen verliehen, damit sie Zeit gewinnen? sich zum Herrn über die noch ganz unbebaute und unbearbeitete Erde zu machen, damit sie Mittel erfinden können, die' Beschweren des Lebens sich zu erleichtern, die Bedürfnisse des