Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1848)
- Date
- 1848-04-22
- Page
- Seite 135 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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135 f;at schon vor sechs Jahren den Meistern befohlen, Judenknaben als Lehrlinge aufzunehmen; nur Bremen steht noch insolirt mit seinem Bleikeller und bleiernen Herzen da, aber beide werden schmelzen, und die Gerechtigkeit siegen. - L. Also u so. Oeste r r e ich. Wien, 9. April. Ein treffliches neues Blatt: ,,'österreichische konstitutionelle deutsche Zeitung^ bringt folgenden Artikel über die Juden. Bürger, stoßt die Juden nicht zurück! Gleich in den ersten Jubel über die gewordene Freiheit, mischte sich der schrille Ton der Intoleranz. Aber nicht jene Intoleranz des Mittelalters, die. im frommen Wahne der Ketzerei den Scheiterhaufen anzubrennen ihren Grund hatte, sondern die Intoleranz des Egoismus, des Privilegiums, der Kaste. Nicht der Christ ist jetzt intolerant, sondern der Schuster, oder der Schneider, oder der Handschuhmacher. Diese Schuster-, Schneider- und Handschuhmacher-Intoleranz hat nun Seeuen hervorgerufen, vor denen der konstitutionelle Staatsbürger mit Scham das Gesicht verbirgt. Das Grellste geschah in Prcßburg. Ein großer Theil der Bürger besteht aus eingewanderten Deutschen, die mit Patrizierhochmuth tutb engherzigem Krämergeist ihre Einzelinteressen höher stellen als das Wohl der Stadt, des Landes und des Gcsammtvolkes. Die fühlten sich schon gedrückt dadurch, daß ein Jude einen Säbel trug, daß ein Jude aber auch Meister, Schuster werden, oder ein Gewölbe in der Stadt eröffnen, oder gar ebenfalls Bürger werden könne, -— das konnte ihr Herz nicht ertragen. Ein Bierversilberer, früher Fleischhackcrknecht, und ein WirthöhanöinHaber, früher Wirthöhausknecht, traten an die Spitze einer Judenemeute, man schlug Fenster und Köpfe ein, man hetzte den plünderungssüchtigen Pöbel, und endlich wurde in großer Bürgerversammlung beschlossen, — — die Inden müssen zur Stadt hinaus! — Während dies in der Stadt vorging, wo die Reichsstände Ungarns mit Hochherzigkeit ihre Adetsrechte aufgaben und den früher bedrückten, ja außer seiner Stadt misachteten Bürger emancipirten, wurde andererseits auf gelinderen Saiten gegen die Juden ein Liedlein angestimmt. So namentlich hetzten in Wien einpaarPamphletisten die öffentliche Meinung; es ist purer Unsinn, krasse Ignoranz, ekle Mißgeburt des Kopfes und deS Herzens, was da znsammcngeschmicrt wurde, aber der Ruf der feilbietenden Weiber: Gegen die Inden, keine Inden mehr, die Juden wie sie sind, — lockte das Publikum und die Selbstsüchtigkeit, dem Sektenwesen der Unduldsamkeit ist leicht aufgespielt. In der intelligenten Residenz, wo zugleich der vcrwickcltste Geschäftsverkehr und der Bestand großer industrieller Etablissements die soeialm Unterschiede bereits, verwischt hatte, war nun plötzlich statt der Konstitution, statt dem Reichsbestand, statt der Freiheit — der Jude das Tags- und Abendgespräch, und nicht etwa seine moralische Emporhcbung, seine Einreihung in die neuen staatlichen Verhältnisse, feine Amatgamirung, sondern wie man ihn unterdrücken, ausschließen, isolirM solle und könne. — Das war höchst betrübend für jeden Staats- und Menschenfreund! Bürger, stoßt die Juden nicht zurück! — Mit großen Geistesfähigkeiten ausgerüstet, führen sie größtentheils ein nüchternes, gesittetes Familienleben. Ausgeschlossen bisher von der gemeinsamen Bestrebung, beschränkte sich ihre Thätigkeit auf die eigene Familie und Gemeinde; gefesselt durch tausend Ketten im bürgerlichen Verkehr durften sie nichts anderes M Schacher treiben. Es ist dieser Schacher die Erbsünde der alten Gesetzgebung, der fluchwürdigsten Politik, welche die Raubritter, die leibeigenen Unterthanen, die steuerzahlcnden Bürger und die Ghetlo'S der Inden als Staatswehlfahrt priesen. — Der Wucher entstand durch die leichte Beweglichkeit des Vermögens. Wo man nicht sicher war, aus Land und Haus vertrieben zu werden / wo man in früheren Zeiten täglich erwarten konnte, geplündert zu werden oder wie noch vor wenigen Jahren willkürlich besteuert, zu werden (die böhin. Juden zahlten 22-i Prozent Vermögenssteuer allein), da mußte auch zu leicht transportabel»« Besitz, zu großem Prosit gegriffen werden. Jeder Mensch will leben, und der Erhaltungstrieb allein war es, der die in der gediegensten Sittenlehre erzogenen Juden korrumpirte, denn Schleichwege um die knechtenden Landesgcsetze mußten sie kriechend suchen, um nur Brot zu finden, das oft mit Schlägen auf den Buckel und mit noch härtern Schlägen auf Menschenwürde und Menschenrechte gewonnen wurde. Nicht der Jude ist schlecht, nicht der Jude ist arrogant, nicht der Jude ist ein Schacherer, nicht der Jude ist ein Wucherer — nein und tausendmal nein, sondern der.Abraham, oder der Moses, oder der Jtzig ist es, und selbst diesen hat nur die Sklaverei dazu gemacht, die seit Jahrhunderten Väter und Urväter bedrückte. Nehmt sie auf in Eure Mitte, Bürger! und Ihr werdet sehen, welcher moralischen Erhebung, welcher Opfer, welch intellektuellen Aufschwunges, welcher Verjäugnung ihrer Privatintcressen, welch, patriotischen Sinnes, welcher Liebe für Fürst, Land uitb Volk der Jude, der befreite Jude fähig ist. Zu Schanden werden sie Alle werden , welche in ihren blinden V orurtheilen gegen die österreichisch er: Uuierthancn jüdischer Konfession geiferten, denn was ein Jahrtausend verdarb, wird vielleicht schon ein Jahrzehend verbessern. Die Freiheit ist ein heißes Treibhaus. Bürger, stoßt die Juden nicht zurück! Mit Euch wollen sie leben und streben für Euch.; ohne Euch