Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1848)
- Date
- 1848-04-15
- Page
- Seite 127 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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deutsch en Staaten die Niederlassung gänzlich zu wehren oder zu erschweren, weit er in Bezug auf die Heimathsangehörigkeit nicht mehr ein deutscher Sachse, ein deutscher Badenser u. ft w , sondern eben nur ein Sachse, Badenser u. s. w. sei. ' - Die Plackereien, denen in dem schönen einigen Deutschland die Dienstmädchen, Handwerksgesellen, übergesiedelte Kaufleute, oder aus einzelnen Staaten ausgcwiescne Literaten erfuhren, sprechen so laut wie hundert weitschweifig aufgezählte Leidengeschichten. Wir haben noch niemals eine Apologie - auf unsere schonen deutschen Heimathsgesetze gelesen, wohl aber Thränen über fle vergießen sehen. So weit die deutsche Zunge reicht, so weit geht das deutsche Vaterland! Wer innerhalb der Grenzen desselben geboren wurde, ist ein Deutscher und hat darum ein unantastbares Recht, sich: in demselben niederlassen zu dürfen, wo er will. Wenn aber Jeder, der deutsch spricht und innerhalb des großen deutschen Vaterlandes geboren wurde, ein Deutscher ist, so sind auch die deutschen Juden nicht minder Deutsche als die in Deutschland gebornen Protestanten, römischen und deutschen Katholiken, so .wie die Anhänger der freien Gemeinden u. s. w. (Fortsetzung folgt.) O e ft e r r eich. Prag, 24. März. Gestern in der ö. Nachmittagsstunde ward im neuen (reformirten) Jsraelitenbethause eine von den jüdischen Studenten an der Prager Hochschule dem Andenken ihrer in Wien gefallenen Kollegen geweihte Todtenfeicr abgehalten/ eine rührende und erhebende Fortsetzung des großen, erhebenden Todtenamts im Teyn! Die Feier, zu der sich eine ungemein zahlreiche Menschenmenge in und vor Dem Bethause cingefunden hatte, eröffnete das gewöhnliche Abendgebet der Juden, ein Psalm und ein Gebet des Predigers. Daran schloß sich ein schöner, trefflich erekutirter Chor, nach dessen Verklingen Dr. Saul Kamps die Kanzel bestieg und die Versammlung durch eine in Konceptiou und Vortrag gleich gediegene Rede überraschte und zu Thränen rührte. Den Beschluß machte ein 511 einem Text des Wilhelm Wiener von Alois Renner komponirter Chor und die gewöhnlichen Trauerpsalmen und Responsorieu. Der Trauerzierrath war ernst und sinnig: schwarze Drapperien mit schwarzen von rothen und weißen Rosen gehaltenen Guirtanden und Festons deckten die Wände des Tempels und machten bei der ungemein glänzenden durch die buntfarbigen Fenster noch gehobenen, magischen Beleuchtung des Ganzen einen eigenthümlichen Eindruck. Unter dem Rednerstuhle stand auf mehren schwarztapezierten Stufen ein sargförmiger Katafalk mit der Inschrift: „Buh jiin dej wecnau radost. Darüber waren der böhmische Löwe, mehre weiß und rothe Fahnen und zwei Jnschriftstafeln angebracht. Vor dem Bethause hatten sich mehre Züge der Nationalgarde und der bewaffneten Studentenschaft aufgestellt; letztere versah auch diesmal die Ehrenwache au den Pforten des Tempels und am Katafalk. (Bohemia.) Gaya, 27. März. Am 23. März wurde ein Hochamt von allen Stadtleuten gefeiert. Es begann um 4 Uhr Abends. Manu. begab sich ins Gotteshaus, diese heilige Halle war von Einheimischen und Fremden -— auch Nichtjudeu — gefüllt. Am Beginne wurden einige Psalmen gesungen; dann hielt der Rabbiner Josef Weiße eine erbauliche Rede, er legte diese Feier aus Herz der Zuhörer, daß nicht pro forma, sondern durchdrungen von dieser heiligen Menschenpflicht werde dieser Tag zum Feste ernannt — der humane Jugendverein wird diese theucrn Worte aus Liebe zu diesem Manne drucken lassen. — Dieser Redner sprach mit solchen eindringenden Worten, daß jedes Auge in einen Thränenstrom zerfloß; auch des Redners Auge blieb nicht unbefruchtet— Gottes Segen werde diesem wohlthätigen Menschenfreund zu Theil. — Nach Beendigung der Rede wurde die Volks-Hymne von der ganzer! Schuljugend gesungen; dann schloß der Redner diesen Akt mit einem Gebete. Des Nachts wurde die ganze Stadt illuminirt, mit vielen Transparenten und sehr passenden Inschriften versehen. Alles, Kind und Greis ging festlich gekleidet mit weißen Bändern geschmückt, und der Vivatruf erscholl in. allen Gassen bis Mitternacht. Gefeiert wurde dieser Tag einem Befreiungsfeste gleich; wer weiß aber, ob das Versprochene sich bewähren wird; ich bebe — schauerlich sind die mannigfachen Zerrüttmrgen der Jetztzeit. Brody, 2. April. Noch war unsere Stadt im Jubel begriffen, als ein neues Gerücht alle Gemüther betrübte. Es ist nämlich: die wieder erneuerte Aufeuthaltssteuer der Juden in Wien. —- Schon überließen wir uns der frohen Hoffnung, daß die Zeit endlich gekommen sei, wo jene mittelalterlich barbarischen Gesetze dem Einsturze nahe sind, weil die Basis, worauf sic sich stützten, gesunken; als dieses rücksichtslose Verfahren unserer-Regierung gegen uns den Beweis liefert, der Jude ist zum Leiden , zum Elend geboren. — In dieser so freien und lichtvollen Zeit sollen noch die zurückschreck'enden, mittelalterlichen Reste nicht verwischt seil!? soll man Menschen wie Thiere quälen, unterdrücken und au s saug e u? — So lange unsere Regierung in Rechtssachen manche Konfessionen bevorzugt und Unterschiede ziehet zwischen Katholiken, Protestanten, Juden, Neukatholiken, aber nicht vom ihren Un t ert Ha n e n, ihren M i t b ü rg er n überhaupt spricht, klebt Oestreich noch an dem alten System, trägt es noch das Gepräge jenes verwüstenden mrd als zerstörenden Absolutismus, der wie ein Wurm im