Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1848
- Issue
- 14 (1.4.1848)
- Date
- 1848-04-01
- Page
- Spalte 221-222 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/8555529-9897534-9897549--5389-3534027- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
221 222 Studien. Parabeln und hohen geistigen Aufschwung bekundet, wahrend die Aesops sich nicht über die Mittelmäßigkeit erhebt. Sie lautet in wörtlicher Uebersetzung: Ein hungriger Wolf bemerkte in der Hütte eines Hirten die kleinen Ueberbleibsel von Brod und Fleisch, durch eine Spalte hineingedrungen, aß er sie gemächlich auf. Als er aber nun mit vollem Bauche nicht hinaus konnte, jammerte er entsetzlich. Ein vorübergehender Wolf, der seinen Jammer hörte, fragte nach der Ursache, und als er alles vernahm, ertheilte er ihm den Rath, daß'er an seiner Stelle so lange wegbleiben möge, bis er wieder so werde, als er bei seinem Hineindringen war. Diese Fabel lehrt, daß die Zeit alle schwierigen Fragen auflöst". jrp Unna jjt können wir ebenfalls hier ausrufen. Man sieht, daß der Mittheiler dieser Fabel nicht der Autor, sondern blos der Kopist derselben war und daß ihm jene hohe Bedeutung, wie sie der Talmud auf das menschliche Leben in der Welt in Anwendung bringt, gänzlich abgegangen ist. Der talmudische Aesop ist bekanntlich R. Mel'r und sind uns leider von den dreihundert Fabeln, die er verfaßt haben soll, blos drei aus dem Schutte der Zeit übrig geblieben. Eine derselben hat viel Aehnliches mit einer äsopischen Fabel, darum wir beide nüttheilen, wobei sich wieder die Vorzüglichkeit der talmudischen Auffassung vor der griechischen herausstellt. Sie lautet Sanhedrin 39 a wie folgt: Ein Fuchs, geplagt von einem nachbarlichen Wolf ihm Beute zu verschaffen, brachte diesem endlich die Künde, daß er Vorräthe in der Menge und von bester . Gattung aufgefunden. Er führte seinen Quäler zu einem Brunnen, der zwei Eimer hatte und ließ sich in dem einen herunter. Hier zeigte er dem Wolfe den Glanz des schimmerden Mondes, ihn fragend: ob er noch je solch herrliche Speisen gesehen. Der Wolf, voll Hast und Gier heulte nun gewaltig gegen seinen Gefährten, daß er auch ihn dahin bringe. Wohlan, sprach der Fuchs aus der .Tiefe empor, setze dich nur in den andern Einer und du kommst ebenfalls herunter. Da der Wolf das Uebergewicht hatte, zog er den Fuchs, in dem andern Eimer herauf, während er den seinen Herabschwerte". .„Der Fromme", mit diesem Verse (Spr. Sal.'9, 8) belegte R. Mcir seine Fabel, „wird aus der Gefahr gerettet und und an seine Stelle kommt der Frevler". Um jedoch allem vorzubeugen, so der Wolf nicht an die Falle gehen wollte und somit der Fuchs in der eignen Schlinge gefangen wäre, gebraucht letzterer noch folgende Vorsicht, daß er sich in den leichtern Eimer setzte und einen schweren Stein mit hinein nahm, wodurch er das Uebergewicht vor dem leeren schweren Eimer erhielt und hinunter schwerte; wäre nun der Wolf nicht in den zweiten. Eimer hineingestiegen, so brauchte er blos den Stein aus dem seinigen zu werfen, um von selbst durch die Lage des zweiten in die Höhe gebrächt zu werden". „Gerechte Wage und gerechtes Gewicht" nahm R. Mcir als Moral dieser Fabel. Eine ähnliche, aber im Vergleiche mit dieser geistesdürftigen Fabel hat auch Aesop, die lautet: Ein durstiger Fuchs und Bock stiegen in einen Brunnen. Nachdem sie getrunken Sentenzen im Talmud. hatten und der Bock sich nach dem Rückwege umsah, sagte der Fuchs: sei unbesorgt, ich habe etwas Gutes zu unserer beiden Rettung ausgesonnen. Wenn du aufrecht stehend, deine Vorderfüße, an die Mauer anstemmst, und deine Hörner vorwärts beugst, werde ich über deinen Rücken und deine Hörner aus dem Brunnen gelangen und dann dich herausziehen. Der Bock leistete hierzu bereitwillig seine Dienste. Nachdem aber der Fuchs aus dem Brunnen gesprungen war , hüpfte er voll Freude um den Rand her, ohne sich um den Bock weiter zu kümmern, der ihm darob Vorwürfe machte. Da antwortete der Fuchs: wäre dein Verstand so groß als dein Bart, du hättest, bevor du herunter gestiegen, an den Rückweg gedacht (Aes. ed Tauch. IV. Alcoxri^. %cu TQccyos), Bekannt ist es, wie das Orakel des Alterthums durch Zweideutigkeit und Trug das leichtgläubige Volk zu täuschen wußte. Ein Sophist wollte einst ihren Betrug öffentlich an den Tag legen und er erdachte folgende List. Er kam in einen Mantel gehüllt, unter dem er einen kleinen Vogel hielt. Werden, sie, so räsonnirte er bei sich, das verborgene Ding für ein Lebendes ausgeben, so brauchte es nur eines kleinen Händedruckes, um es ihnen todt vorzuzeigen, erklären sie sich aber für Letzteres, so zeige ich es ihnen als lebendig. Die Priester jedoch antworteten auf seine Frage, ob das was er unter seinem Mantel halte, todt oder lebendig sei, daß er daraus machen kann was er will. Der Philosoph zog nun beschämt ab. — Dasselbe, wohl aber in einer andern Beziehung , findet sich im Midrasch vor. Gott sagte zu Ezechiel (37) : Menschensohn, werden diese Gebeine aufleben? dieser aber erwiederte: das weißt du Ewiger mein Gott. R. Jochanan fa$t:. Ein Jäger trug einen Vögel; er begegnete Jemandem und stellte an ihn die Frage : ob der Vogel lebendig oder todt sei? Wie du willst, erwiderte jener; willst du, ist er todt, willst du, ist er lebendig (Bereschit Rabba 19; Jalkut 2 Kön. 20). Wir könnten hier, ließe es der.Raum dieser Blätter zu, Beispiele über Beispiele anführen, glauben jedoch mit den angeführten, wenn auch nicht die Priorität, doch die meist scharfsinnigere Auffassung von Seiten des Talmud, oder wenigstens die höhere moralische Tendenz in der Applikation nachgewiesen zu haben, als dieses von den übrigen Weisen des Alterthums geschehen. Vierter Artikel. Diese Frage, inwiefern der Talmud auf die in ihm enthaltenen Sentenzen und Parabeln den Anspruch auf Priorität zu machen habe, leider da keinen Zweifel, wo wir blos eine Paralelle zwischen ihm und Schriftwerken späterer Zeiten aufzustellen haben. Hier können wir ohne Bedenken den Talmud als Originalquelle betrachten und haben nur den Weg aufzusuchen, auf welchem diese Parabeln, ungeachtet der geringen Verbreitung des'Talmuds unter andern Völkern, dennoch Eingang bei ihnen gefunden. Es ist, wie mir scheint, in diesem! Blatte schon bemerkt worden, daß der spanische Dichter Cer-