Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1848)
- Date
- 1848-04-01
- Page
- Seite 110 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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110 Pesth, 14. März. Dr. Hold heim ließ in der Pesther Zeitung von sich abdrucken„daß er eine einflußreiche Stelle in Schwerin aufgeepftrt, um an die Spitze der Reformbewegung in Berlin zu treten, wozu es leider Geiger-an Muth gebrach". Diese Prahlerei ist aber unwahr. Hr. H. hat seine Stelle aufgegeben, weil er in Berlin 800 Thaler mehr jährlich bekommt, dann außerdem noch, weil seine Stellung dort von Seiten der Negierung unhaltbar wurde, und endlich weil er von einem größeren Wirkungskreise in Berlin geträumt. Soviel zur Berichtigung einer Prahlerei. Gnyn, 14. März. Ruhig fortschreitend entwickelt sich unsere israelitische aus c. 80 Familien bestehende Gemeinde unter unserem friedliebenden und unermüdlichen Rabbiner Weiße, und wenn von hier aus keine Klagen, keine Reklamationen, keine Polemiken bis zu Ihnen gelangen, so beweist das, nach erneut alten Spruche, nur für meinen Satz. Das Schulwesen ist hier sehr zweckmäßig geordnet, eine Kleinkinderbewahranstalt und überhaupt alles was zur Jugenderziehung gehört , ist hier vollständig und gut organisirt und für Erhebung des Synagogenwesens ist schon sehr viel ge- Ihan. Dies Alles verdanken wir unserem Rabbiner, der in unserer noch dem Alten so zugethanen Gemeinde mit großer Umsicht wirkt, sehr fleißig predigt, ans Hebung des Rituals vorsichtig einwirkt und sogar, um bei den Alten nicht das Zutrauen zu verlieren, eine kleine Jeschiba hält^. Bei uns, wo die Gemeinde sogar noch eine Autonomie in civilrechtlichen Streitsachen besitzet, ist die Erhaltung des Vertrauens von höchstem Werthe und es wäre herzlich zu wünschen, wenn recht viele Gemeinden diesem ruhigen Gange der Entwickelung nachstreb tcn. Aus Mähren, im März. (X Brief cmo Mähren.) Während ich diese Zeilen niederschreibe, pocht mir freudig das Herz, denn für uns Oesterreicher ist ein großmächtiger Tag heute. Von allen Thürmen klingt Glcckengeläute, durch die Gassen rennen jubelnd die Leute, schreien jauchzend hinaus in die Weite: Gottlob wir sind dem Absolutismus nicht mehr zur Beute, die Konstitution, sie soll leben, und die Freiheit und die Gleichheit daneben! Kommt, lasset die Hände uns geben und von dieser Stund an Gleichheit und Brüderlichkeit anstreben. — Auch wir Juden, nicht in träger Ruh', schauen müssig wir dem großen Spiele zu; sondern überall sieht man wackere jüdische Männer, mit FreiheitSkokarden inmitten der Rationalgarden marschiren, exerciren, das Gewehr präsentsten und freudig die Konstitution proklamiren, Ebenso müssen Sie wisse»!, auch jüdisches Heldenblut hat man geruht, durch die Gassen fließen zu lassen. Sagt nur welche Ehre, ein jüdischer Jüngling, ein Mähre, aus Budschowitz, stand au der Spitz der famosen Wiener Studiosen; und ist fillch der Tapfere, neben zwei andern jüdischen Wiffeuschaftsjüngernals Opfer der Freiheit gefallen, so'wird doch ihr Name geehrt von Allen, in den Universitätöhallen glorreich und ruhmvoll wiederhallen. — Gottlob, auch für uns scheint endlich zu schlagen die Stunde, wo heilen soll die alte jüdische Wunde, wo werden uns soll die fröhliche Kunde: auch ihr/Söhne Israels gehöret nun mit zum großen bürgerlichen Bunde. Mit solchen Gefühlen der Freude und Hoffnung in .mir, schlich ich ins Zimmer,, dieselben zu tragen auf das Papier, da wird jedoch geklopset an meine Thür. Wer stört denn schön wieder, tausend Wetter! „Ich bitt um Vergebung, ich bring nur die Blätter". Ich greif nun behend, vor Allem nach dem Orient. Siehe da blickt mir gleich aus der' Fern entgegen ein großer Stern. Es ist der Berliner Stern, der sich so gern gibt für einen großen Herrn. Es ist mein Opponent, der bissige Korrespondent in dem Orient. Diesmal null er schier mich anseffcn, denn es ist ihm gar zu vermessen, daß ich cs wag mit einem Preußen mich zu messend Und also fährt er mich au der zornige Mann: „In-den mährischen Kriegen soll unterliegen/ Preußen an Gelehrten reich, denen Niemand au Stolz gleich?" — Nun erst weiß ich, warum der Stolz meines Herrn Opponenten so unerhört, gewiß meint er, daß er selber zu Preußens Gelehrten gehört! Ich habe, unlängst aufgezählt, was heutzutage Alles uns fehlt, und ebenso auch alle die guten schönen Gaben, daran wir Ucberfluß und Fülle haben , als z. 23. Klatsch rosen, M a u U und S tach elbeer, und noch dessen gleichen mehr. Aber all den bittersüßen Früchten die so gut-gedeihen, vergaß ich auch noch auzureihcn eine Frucht die Dünkel heißt, und die, .wie mein Herr Opponent beweist, bei ihm zu Lande wächst zumeist. — . Der Herr Korrespondent mit dem großen Stern, kann ferner uns Mähren schon darum nicht ehren, weil bei uns die jüdischen Massen, noch so dumm sind zu wohnen in Judengassen! Wahrhaftig schon der einzige Satz beweist, daß er ist ein großer Geist. — Endlich geht unser Herr Berliner, her über die Wiener, schonungslos wie ein Jakobiner, bespöttelt die dortigen Autoren, daß sie sich suchen Protektoren und mächtige Gönner, zeigt zur Folie Berlins große Männer , Berlins Journale und Blätter, die so zahlreich wie Hetta's Götter. — Doch ich bin kein Spötter; auch bin ich von Niemand gebeten, für Wiens Ehre in die Schranken zu treten. Das Eine will ich nur noch wagen, dem Herrn Berliner zu sagen: da Preußen zwölfmal so groß ist als Mähren, so dürfte cs wohl nicht wundern, wenn dort auch der Gelehrten zwölfmal so viel wären-—und dann hatten wir bis jetzt mit tausend Schwierigkeiten von Innen und Außen zu .streiten; poch warten wir nur bis halt in einigen Jahren, was wir in unserm Mähren gewahren, bis ungefähr in einem Decennium, dann schauen wjr uns einmal in der Moravia um,