Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1848)
- Date
- 1848-03-25
- Page
- Seite 99 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 99 — weiß es, daß wohl Zöpfe, aber nicht das immanente Zopfthnm aufhören können." (Folgt meine Unterschrift.) Was halten Sie von dieser Adresse? Abschlägig wird'sie nicht-beschieden werden. - Berli n, 16. Marz. Ich kann mich des Lachens nicht enthalten, sehe ich der Korrespondenten Schatten nnd Walten. Die Regierungen haben stehende Heere, die Orthodoxen eine unbewegliche Lehre, die Ccnforen eine zerbrochene Schcere, viele Korrespondenten morsche Gewehre. Ein Thema bleibt, worüber man schreibt. „Hier hat^ ein Kandidat einen Text verdreht, dort ein Reform lüftchen geweht; in N. haben die Erleuchteten sich znsanunengerafft, haben das Hamanklopsen abgeschafft; in ist die Stellenoch nicht besetzt, obwohl viele Prediger 'zu Tode gehetzt; mio K. wird uns der Rath , nur Laien sind Männer der That; in Z. sind die Vorsteher arrogant, stecken in Alles ihre Hand, kümmern sich um jeden. Tand mit ihren: Nichts durchbohrenden Verstand; in O. ist daö Höchste vollbracht, die Schulktopferftage ist abgemacht; in V. kam cs zum Schlagen, weil der Redner die Bässchen verkehrt getragen" — das sind die Berichte der neuesten Geschichte. Soll dies noch lange dauern, so beginne ich zu trällern. Was kümmern mich die Proben, das Tadeln, Adeln und Loben? Abraham ward zehnmal erprobt, du Kandidat wird einmal erprobt und zehnrnal gelobt. — Ost wird er mattraitirt, von dem Ersten, der die Feder führt. Kurz es wäre Zeit, die Journalistik würde gescheidt, goßc die Klatscherei in einen Brei, würfe ihil über's Bord, an einen entlegener: Ort. Jetzt ist die Zeit der Freiheit; Jeder mache sich auf, mitzurennen den Weltlauf, die Freiheit zll' erringen auf .des Kampfes Schwingen. Wer die Feder führen kann, zeige sich als Mann; wem die Freiheit werth, der verlasse seinen Hcerd nnd )iKjc was er begehrt — und es werde ihm gewährt. — Was nl'ich betrisst, so folge jetzt des Een sors Grabschrift: .. EgcxlLte, fraternile, lihcrle. Hier ruht des Ceilsors Scheere — zur Freiheit Ehre — gar manchem Witz — brach er ab die Spitz — manchem Aufsatz — misgonnte er den Platz — er strich und strich und strich bis er endlich wich - die Freiheit hat ihn zu sich genommen — möge er' nie wieder kommen. — Seinem Geiste werde Frieden — wir sind auf ewig geschieden l : rTnsrin * Be-rlirr, 18. März. Was lvird geschehen? müssen auch die Inden fragen. Der Frühlingshauch der Freiheit weht Alle an; die Freiheit wie die Liebe kennt nur Menschen, keine Konfessionen; sie umfaßt Alle, ermnthigt Alle. Sie ist kein Privilegium von Gottes Gnaden einem Theile verliehen, sondern eine Kosmopolitindie. von einem Volke zum alldem wandert. Welche Aufnahme wird sie in Deutschland finden? Wird sie an den Häusern der Israeliten, wie der Racheengel in Egypten, ' vorüberschreiten? Gastfreundschaft ist eine alte jüdische Tugend , die im Ghetto genährt wurde. Gastfreundlich werden daher die Nachkemmell der Makkabäer diese Wanderin aufnehmen. Seit deil Makkabäern haben wir dich, holde Wanderin, rricht in unserer Mitte gesehen; man hatte dich uns versprochen, allein die Partie gillg zurück. Der Vormund der deutschen Freiheit, der Bundestag, der das delltsche Volk für unmündig erklärte und cS Ununterbrochen in die Schule schickte, verweigerte seine Einwilligur:g. Würden wir dir unsere Leidensgeschichte erzählen, von der glorreichen Hep-Hep -Periode bis zu den ruhmvollen Judenverfolgungen in Bader: und im Elsaß, von dem Heidelberger Ap.ostel Paulus bis zu dem Zopftegimente der deutschen freien Städte,, du müßtest Thränen vcrgießen über Germarüer:s Söhne, die noch inuner in der: Urwäldern zu leben glauben, wo das Eisen und nicht daö Recht herrscht^ Mail hat uns Sündenregister angefertigt, als wenn wir Barbaren wären; kleine nnd große Hamans habeil uns unfern Partiknlarisrnns vorgeworfen, wahrend wir gegen die politischen Fahnen Jerusalems protcstirten; man nannte uns Fremde, weil man die'blauen Anger: und das blonde Haar an uns vermißte; eigensinnig, schalt man uns, weit wir den Mnth hatten, einer Welt Trotz - zu bieten; kurz man hatte in der Judcnftage mit Rußland eine heilige Allianz geschloffen. Zu - deinen Füßen fallen jetzt Millionen nieder, dir ihre Huldigung darznbringen. Wie eine zweite Minerva bist du den Völkern erschienen — und auch uns, die wir so sehnsüchtig nach dir schmachteten. Bewaffne dich, o Freiheit, mit einer langen Scheere, um die Zöpfe für immer zu vertilgen; jage allen Senatoren die Schamrvthe üüö Gesicht und weise hin auf das Blut, das jüdische Söhne für dich vergossen; schlage mit altgermanischcn Eselskinnbacken die deutschen Philister, die selbst nach Prof. Hitzig, mit den Wischnuverehrern nichts gemein haben; schlage den deutschen Fels, damit die Thränen der. Rührung hervorströmen. Hunderttausend Herzen und zweimalhnnderttausend Arme erheben sich zu dir. Doch was--frommt eine Allokution an die Freiheit, da ich kein infallibler, Pabst bin? An Worten fehlt es wahrlich in Deutschland nicht; tvenn im Anfänge'das Wort war, folgte gewiß Deutschland gleich darauf. Jll Deutschland fließt zwar,, trotz der Bienenstiche und der zahlreichen Kühe, kein Milch und Honig; aber Worte, in allen Konstruktionslabyrinthen, in allen syntaktischen Windungen, fließen in ununterbrochener Strömung. Ans die Fluth der Worte folgt die- -Ebbe der That. Es haben sich für die deutschen Juden Stimmen erhoben; sie sprachen — und noch ward es nicht. Als die Juden 1813 auf das Schlachtfeld zogen, da 13*