Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1848)
- Date
- 1848-03-18
- Page
- Seite 93 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- 93 kann keinen Bart tragen, keine Kapparot und nicht Haman schlagen. Wer sieht, was in Zukunft geschieht?. * . Baiorn, Ende Febr. Die neuesten Vorgängern unserer Hauptstadt, von welchen, alle Blätter widerhalten, sind nicht von der Art, daß hier darüber'zu berichten wäre, denn wenn sie auch unser Staatsleben mit berühren, unsere speciell jüdischen bürgerlichen Verhältnisse sind dadurch direkt weder gefordert noch behindert wor-' den. Die fragliche Persönlichkeit/Hat auf diese Frage keinen Einfluß verübt, und sie bedarf eines solchen nicht; sie spricht durch sich selbst. Die Gerechtigkeit unserer Sache, die Weisheit der an das Staatsrnder berufenen Männer und die Ereignisse der Zeit werden sie einer baldigen Lösung entgegenfnhren. Nur das, was öffentliche Blätter mit so vielem Ruhme erzählen, daß sich, die jüdischen Bürger Münchens bei jener Bürgerdemonstration fammt und sonders mit betheiligt hatten, wollen wir hier notiren. Nicht als sähen wir darin eine besondere, der Oeffentlichkeit ungehörige Erscheinung, denn der Jude trennt sich nie von der allgemeinen Sache, aber wir freuen,uns, daß in München das öffentliche Leben so weit gediehen ist, daß die Konfession keine Scheidewand mehr bildet und daß die jüdischen Bürger den rechten Moment begriffen diese zum öffentlichen Ausdruck zu bringen. In der That wir überzeugten uns durch den Augenschein im vorigen Jahre, wie in der portigen großen Gemeinde, der echten Frömmigkeit, ja dem orthodoxen jüdischen Leben unbeschadet, ein großartiges städtisches Treiben alle jene jüdischen Eigenthi'unlichkeiten in Sprache und Manieren abgeschliffen hat, die in andern großen jüdischen Gemeinden, trotz der Bemühung sie zu überkleistern, gar bald dein Fremden erkennbar werden. Auch das wollen wir noch bemerken, daß das Gerücht, als würde Fürst von Wallerstein von seinen! Ministerposten zurücktreten, sich nicht bestätigt hat, vielmehr ist er auf demselben durch die neuesten Vorgänge befestigt; er wurde in den letzten Tagen zur kön. Tafel geladen. Fürst v. Wallerstein ist so geneigt wie geeigenschastet, unsere Verhältnisse, besonders die kirchlichen zu einer festen Gestaltung zu bringen. — Die Segnungen der Preßfreiheit für innere Angelegenheiten zeigen sich bereits, auch bezüglich unserer Verhältnisse in einzelnen Erscheinungen. Der Landrichter in Rain in Oberbaiecn läßt laut einem Erlaß auf Spitzbuben, Vagabunden und Juden Jagd machen. Dem gestrengen Herrn Landrichter und seinen guten Freunden kommt es nach dem allerliebsten deutschen Sprachgebrauch gar nicht in den Sinn, Jude anders als gleichbedeutend mit Handelsmann, Wucherer :c. zu nehmen. Da kommt denn nun die konstitutionelle Zeitung, eine Frucht unserer jungen Preßfreiheit und setzt den Herrn gewaltig darüber zu Rede, und da es auch der Korrespondent v. u. s. Deutschland, der treue Kämpe für Recht und Licht, n ach erzählt und noch mehreres dazu, so bleibt dem Angegriffenen nichts anders übrig, als sich öffentlich zu vertheidigen. (Ein baierischer Landrichter und sich öffentlich der Inden wegen vertheidigen l) Er bleibt aber so ziemlich in der Tinte sitzen. Derselbe Beamte hatte auch, die Erzählung ,,der Güterzertrümmem" aus den ,,fliegenden Blättern" auf seine Kosten abdrucken und zu Nutz und Frommen der Jugend in den Schulen seines Bezirks bekannt machen lassen. Ohne aus diese saubere Geschichte weiter einzugehen, möchten wir hier nur noch düs. bemerken. Der Gnterhandel und noch mehr Vas Güterzertrümmern ist dem Juden bei uns gesetzlich untersagt. Wenk es also dennoch Statt findet, so kann solches nur mit Hilfe christlicher Scheinkäufer und Geschehenlassen christlicher Beamten bewerkstelligt .werden. Auf wen fällt also ein großer Makel? und wer sind die „Güterzertrümmerer"? — Auch in der Konfiskationssache .im Würzburger Seminar ist noch ein öffentlicher Schritt geschehen. Ein israel. Lehrer erklärt in Nr. 30 des Corrcspondenten, daß Mendelssohns Phädou und Anerbach's Dichter und Kaufmann daselbst wirklich mit dem Beisatz weggenommcn werden seien, im Seminar dürsten nur gute Bücher gelesen werden, daß die betreffenden Seminaristen eine Diseiplinarstrafe deshalb erhalten hatten und die Bücher seit der Zeit nicht wieder zurück gegeben worden sind. Darauf haben nun Seminar und Seminaristen nichts mehr erwiedert, und auch wir wollen über diese Erfchciuuug aus einer frühen! finstern Zeit, die nun Gottlob geschwunden, den Mantel der Vergessenheit decken.— Ingleichen ist uns auch über unsere Notiz inNr.1 die Vorgänge in Hürben betreffend eine weitläufige Auseinandersetzung brieflich Angegangen. Wir tragen deshalb theils referirend theiis unsere Bemerkung rechtfertigend Folgendes nach. Das Wirken des Hrn. Rabbiners Schwarz werde nur von einigen jungen Brauseköpfen so übel gedeutet, die andern Alle würden, wenn er es nur wünsche, ,,imt Gut und Blut" für ihn auftreten; er habe allerdings gegen eine gewisse Handelspraktik gepredigt u. s. w. Wir.unsererseits haben uns nur das Berichten öffentlicher Vorkommnisse in jüdischen Gemeinden zur Aufgabe gemacht. Sind diese in der Wirklichkeit anders , so steht es dem Angegriffenen oder seinen Freunden zu, ja es erwächst ihnen zur Pflicht, mit einer andern Darstellung in die Oeffentlichkeit zu treten. Nicht genügt, es heutigen Tages zu sagen: man sei ein Feind öffentlicher Polemik. . Die Presse ist eine Macht und die durch sie gebildete öffentliche Meinung eine Richterin, vor der sich zu vertheidigen Niemand zu hoch gestellt ist und die zu verachten sich Niemand ungestraft vermessen darf. Man hätte daher den öffentlichen Angriffen in früherer und neuerer Zeit nicht ein hartnäckiges Stillschweigen entgegensetzen und endlich mit