Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1848-03-18 · Heft 12 (18.3.1848) · p. Seite 90

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 12 (18.3.1848)
Date
1848-03-18
Page
Seite 90 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2360092-2360526-2360539--6318-3533976
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 90 - gestempelt / die Jahrzehnte in Kerkern schmachten mußten? Es ist nichts, als blauer Dunst, nichts als von der Noch der Zeit erpreßte Phrasen, an welche die Regierung selbst nicht glaubt. So lange der Volkswille stark .sein-wird und nur so lauge ist auf Besserung, auf Realistrung zu hoffen; bei diesem ergrauten alten Systeme muß das Volk stets wach und hinterher sein, wenn es seine angestammten Rechte, die freilich sich nicht von den Wittelöbachern herleiten, erringen und erhalten, wenn es nicht betrogen werden will. Auch die Israeliten, wenn sie ihre angestammte Freiheit des Gewissens, ihre unverkürzten Rechte als baier'sche Staatsbürger erlangen und nicht.betrogen-werden wollen, muffen dem bewegten Volke sich anschließen und Energie und Tätigkeit in diesem heiligen.Kampfe entwickeln. Die königliche Proklamation spricht nur von „Verbesserung der Verhältnisse der Israeliten" und wir wollen nicht „Verbesserung", sondern völlige Gleichstellung. Lange genug wurden wir von dem Zopsregimeute deutscher Fürsten erniedrigt und gedemüthigt, um dem deutschen Volke zu zeigen, daß cs mit dem Zepter der deutschen Bedächtigkeit zufrieden sein könne, indem es in seiner Mitte eine noch geknechtetere Körperschaft hat. Unsere Stände, die auf den 16. d. M. unberufen werden, sind noch die alten, beschränkt, da keine neue Wahlen Vorkommen können und wir Israeliten wissen, was wir da zu erlangen, wenn nicht der Geist der Freiheit, der sich über unser deutsches Vaterland ergossen, auch das Herz dieser Stände verjünge. Unser Wahlspruch sei: „Völlige Gleichheit aller Konfessionen und somit auch völlige Emaneipation der Juden;^ nicht die kleinste Schranke, nicht das geringste Vorrecht soll bestehen. Und mit dem Volke sollen wir kämpfen für die edlen Güter, die wir in schauerlicher Bevormundung so lange entbehrt haben. Dresden, 9. März/ An unsere christlichen Mit b ü r g e r u u d M i t e i u w c huer i n S ach f c u. Die Erschütterung, welche von Westen her sich über alle Theile des gebildeten Europas sortpflauzt, aufm send zu Freiheit und selbstständiger Gestaltung, bewegt auch uns, die israelitischen Bürger und Einwohner Sachsens. Auch wir nehmen Theil, lebhaften Mitheil an dem Kampf um die heiligsten Güter des Menschen, denn wir fühlen uns vor Allein, mit nicht nünderm Enthusiasmus denn unsere christlichen Brüder, als Deutsche und als Sachsen. Wir nehmen Theil an dem friedlichen Kampfe ans gesetzlichem Wege, wie unzählige Israeliten im Jahre 1813 ihr Leben für die Befreiung Deutschlands vom Joche der Fremdherrschaft eingesetzt haben. Aber wir bitten und verlangen nicht allein-von den Regierungen, wir bitten, und fordern auch unser gutes Recht von Euch, unfern christlichen Brüdern, von dem sächsischen Volke. Ihr könnt nicht frei sein nach oben, wenn ihr e§ nicht auch nach unten seid. Die Freiheit ist eine Unfreiheit, wenn sie sich nicht durch die Gierchb e r e ch tigung All e r kuudgiebt. Mail kann nicht die Freiheit begehren und gegen UngleichheitenEaukämpsen, ohne zugleich das Maaß der Freiheit zu. gewähren, das man selbst erthcilen kann, ohne die Ungleichheiten auSzumerzen, die inoch zwischen verschiedenen Religionsgemeinschaften eben der Religion wegen bestehen. Die israelitischen Burger und Einwohner Sachsens, den übrigen sich gleichberechtigt fühlend, durch geistige und sittliche Bildung, gleichberechtigt durch die ewigen Satzungen der Vernunft und Menschheit, wenden sich an Euch, unsere christlichen Brüder und hoffen, Ihr werdet nicht länger jene AnSnahmsgesctze billiger:, die uns Euch nnebcnbürtig machen, die einen Unterschied in der: Rechtenverschiedener Bürger anfstetlen, ohne einen solchen in der: Pflichten anznerkennen. Unsere Sitten, [mS. bei den gesetzlichen Organen dcs Landes zum großen Theil ungehört verhallt, man trägt Bedenken von andern 'Seiten, die.Bitte um völlige Gleichstellung der Juden anözusprechen, wir haben ein besseres Vertrauen zu Euch. Die währhast freien Völker, England, Frankreich, Holland, Belgien, haben ihren israelitischen Brüdern volle Freiheit gewährt. Rußland, Deutschland und Italien waren bisher die Staaten, wo die Censur allein noch geherrscht, wo die Israeliten noch den meisten Druck erlitten. Italien hat die Gleichstellung aller Religionsparteien ausgesprochen, Deutschland wird nicht zurückbleiben. Schon haben viele deutsche Staaten die Preßfreiheit verkündet; bereits seit längerer Zeit haben fast alle deutschen Staaten ihren Israeliten größere Freiheiten eiugcräumt, als Sachsen, und wo es noch an völliger Gleichstellung fehlte, hat die christliche Bevölkerung durch Petitionen in Unzahl noch in diesen Tagen, wie z. B. in. Frankfurt a. M., Mannheim, Nürnberg, Stuttgart, CarlSruhe u. s. w., um dieselbe nachgesucht. Auch Ihr, Mitbürger in' Sachsen, werdet es mit dem Fortschritt unseres staatlichen und religiösen Lcbenö, mit dem Tage, der jetzt beginnt, nicht vereinbar finden, daß ein Theil, ein kleiner Theil der sächsischen Bevölkerung, nur seiner Religion wegen mit Nacht umfangen bleibe. Wir vertrauen auf den Freisinn, ans die Intelligenz und Bildung der sächsischen Bevölkerung, daß sie durch Ausnahme der Bitte um politische Gleichstellung aller Neligienspartelen bei der Regierung und den Ständen dazu beitragen werde, jene Ungleichheiten, die uns bürgerlich und politisch amsähig machen, die unS hindern, selbst von dem geringen 'Rechte , das wir besitzen, den wahren und freien Gebrauch zu machen, für alle Zukunft zu. entfernen, und daß sie durch Verleihung der Freiheit und Selbstständigkeit, so weit eS in den Kräften des Volkes steht, ihrerseits beweisen werde, daß sie selbst zur höchsten politischen Reise gelangt und der vollsten Freiheit würdig sei. Mitbrüder, bewährt dies durch die That und zeichnet eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.