Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1848)
- Date
- 1848-03-11
- Page
- Seite 82 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 82 - kannt, ganz Italien steht nm Begriffe, diesem Beispiele' zu folgen und Deutschland wird und muß folgen, wenn es nicht das Brandmal seiner eigenen Sklaverei verewigen will. Israel sei thätig l schlaft und schlummere nicht! indem -du für die freieren Institutionen Germaniens heiß mitringst und Ekämpfst, indem du mit deinem Hcrzblute in hinreißender Begeisterung für freie Gestaltung Deutschlands thätig bist, vergiß auch nicht der Ghctti's deiner Glanbensbrüder, welche mehr unser deutsches Vaterland als Israel entehren; vergiß nicht auf gesetzlichen Wegen gegen die Sklavengesetze anzukämpfen, unter welchen hunderttausende deiner Brüder seufzen; in allen Bewegungen sei „völlige Emaneipation^ das Losungswort, denn die Emaneipation der Inden wird die Oriflamme wahrer deutscher Freiheit sein. MeUcnburg, im Febr. Von dem Regen in ^die Traufe , sagten scheu die alten Leute, und. so geht es uns mit dem neuen Rabbiner. Der Mann ist in mancher Hinsicht wirklich besser als sein Vorgänger, er will uns nicht Wehe thuu, er will nicht das-Herz der Strenggläubigen in Kümmerniß versetzen, er will nach seiner Ansicht unser Wohl, und es konnte ihm gelingen, die Krone des Glaubens, den Frieden in der Gemeinde herzustcllen; aber leider waltet da ein böser Geist und der Friede kehrt nicht wieder, und selbst gemäßigte Männer, die gern jede Form oder Reform angenommen .hätten, werden 'jetzt strenge -Orthodoxen, ja Fanatiker, weil' sie die wilde nutzlose Reform abschreckt. So z. B. darf kein Schochet ohne Autorisation des Rabbiners ausgenommen werden; das ist an und für sich eine religiöse Verordnung, damit kein Unkundiger dies Amt entweihe; nun aber prüft-er keinen Schochet, fragt nicht ob er rfap habe ^e., wozu nun seine Autorisation? Ferner erlaubt er jede Andacht in der Synagoge ohne Minjan; nun war ich m Parchim, da stand am Freitag Abend der Chasan und begann den Gottesdienst mit dem Schlage Vier, es waren aber nur drei da, und erst nach Ende des ganzen Gottesdienstes kam die Gemeinde und plauderte und brummte die Gebete ab, jeder für sich, ist das Andacht? — Das D u ch a n e n ist allenthalbent selbst üri Hamburger Tempel, aufs herrlichste, Andacht erweckend hergestellt, aber unser Rabbiner hat es gänzlich abgeschafft: Zwar gingen alle diese Reformen von dem früher): Rabbiner aus; der jetzige hätte aber die bereits eingetretenen üblen Folgen berechnen sollen, und die Reform refcruürm sollen. Denn die Folgen machen einen Zwiespalt in, unfern Gemeinden, der heillos ist. Bekanntermaßen hat unser Herzog bessere Ansichten als die Reformer, und wegen des Zwiespaltes und auch aus religiösem Siuu, hat er jeder Gemeinde erlaubt, sich wiederum einen alten Gottesdienst und besonder:: Schochet zu wählen; in Schwerin und Grevesmühlen hat sich bereits eine solche Gemeinde m der Gemeinde gebildet, daß mm außerdem dadurch die heilsame Verbrüderung gestört ist, und Zank und Verfolgung auf arge Weise überhand nimmt, so entsteht noch ein größeres Nebel. In diesen wiederhergestellten alten Synagogen, haben die bekannten' Erbärmlichkeiten, schlechte Vorsänger, , herzbrechendes Gejodel , kurz : bic ganze Verfallenhcit Nahrung gefunden, und Mancher in diesem Sonderbund wünscht selbst eine bessere Andacht, würde mit Freuden in Copenhagen oder in Dresden oder in Wien den rcfermtrfm Gottesdienst anfsnchen, aber die wilde planlose Reform, wozu man ihn hier zwingen wollte, schreckt ihn zurück. Zum Unglück sind wir Mecklenburger sammt und sonders große Am-Horazzim, und beschuldigen den Rabbiner Einhorn Dinge, woran er gar nicht denkt. So z. B. hatten wir geglaubt, daß er in der Beschneidungsftage, ganz gegen den Talmud anfgetreten wäre, erst hinterher wurden wir von unserm Jrrthurm überzeugt. Aber sein Benehmen dabei rvar sträflich. Als Rabbiner hat' er allerdings eine mit dem strengsten Gesetz übereinstimmende Erklärung gegeben; als Geistlicher aber, dem die Abschaffung eines der wichtigsten Glaubensartikel mit Kummer und Sorgen erfüllen mußte', der die Gefahr, die dadurch für unfern heiligen Glauben entstehen kann, beherzige): mußte, hätte erden Vater des unbeschnittenen Knaben mit sanften Worten von seinem Wahn ab halten müssen; hätte anch öffentlich erklären müssen, daß der Knabe zwar.Jude sei,"daß aber ein solches Vergehen von Seiten des Vaters höchst verwerflich wäre; alles dies hätte ein wirklich frommer Rabbiner gethau, und die Herzen aller Inden in Mcktenburg beruhigt; aber was that Einhorn? Er zeigt öffentlich, wie lieb, wie gelegen ihm dieser Abfall vom Jiidenthume, sei, er bestärkte sogar den Vater, schüttet einen ganzen biblischen Segen über ihn, gleichsam als wenn dadurch nun die beste Aussicht sei, den jüdischen Glauben mit Stumpf und Stiel anszurotten, und das soll Emaneipatjon hervorbringen! Eine solche Reform wird so wenig gelingen wie die französische Terroiömus-Revolntion, Zwietracht und Bigotterie sind die heillosen Früchte dieser herben Anpflanzungen. E. Wöllstein, im Febr. Wenn auch schon seit geraumer Zeit im Orient über nnfere Gemeinde nicht berichtet wurde, so darf man keinesweges glauben, daß hier die bessern Kräfte schlummern, und daß hier nicht Erhebliches für den gemäßigten Fortschritt gcthan wird, welches der Berichterstattung werth wäre. — Im Gcgentherle ist seit einigen Jahren für Synagoge und Schule, Dank sei eö nnftrm Dr. Hirschfetd une unserm intelligenten Vorständesehr viel gewirkt worden. In unserer Synagoge herrscht die musterhafteste Ruhe und der lobenswertheste Anstand, welches hier um ft mehr hervorzuheben ist, als wir. noch von Gemeinden umgeben si::d, bei denen wir leider Ruhe und Anstand