Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1848
- Issue
- 10 (4.3.1848)
- Date
- 1848-03-04
- Page
- Spalte 147-148 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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147 wählt, können wir ihn als dieses oder jenes ^Individuum de- ' zeichnen und er.würde seine persönliche Individualität 'aufgeben, oder doch mit einer andern vertauschen, sobald er diese äußere Hülle, diese ihn äußerlich vertretende Persönlichkeit ablegen und sie für eine andere hingeben wollte. Dasselbe gilt von der nationalen Individualität, die nur in der Ausprägung der Sprache eine persönliche" Vertretung findet. Die Sprache ist ein integrirender Theil des nationalen Charakters, oder des eigentlichen Volkes; beide sind so inniglich mit einander verwoben, daß sie nur zusammen, ein organisches Ganze ausmachen und daher unmöglich in ihrer Getrenntheit bestehen können. Nicht durch den Besitz des Landes haben sich die Einwohner Frankreichs zu jener Individualität, gestaltet, die wir unter dem Namen deö französischen Volkes verstehen, sondern durch die irr ihrer Sprache niedergelegte Ausprägung und Ausbildung der französischen Volkstümlichkeit; cs würde im ausschließlichen Besitze dieser Sprache noch immer dasselbe Volk verbleiben, sollte es auch nach einer entlegenen Küste oder dem äußersten Winkel der Erde versetzt werden, wie wieder im entgegengesetzten Falle, d. h. mit Aufgebung und Wechselung.der Sprache, es. selbst in Frankreich aufhören müßte, französisch zu sein. Ist also der menschliche Leib, die materielle Hülle unserer Seele, das körperliche Werkzeug unseres geistigen Lebens, so ist die Sprache die — inmaterielle — Verkörperung, die sich äußerlich kundgebende Physignomie unserer idealen Anschauung, und so wie in derDgguerrotypie die feinen Schattirungen der vibrirenden Sonnenstrahlen auf der Platte mit Zauberkraft gebannt und fixirt werden, ebenso werden die Ausströmungen unseres Geistes durch die Sprache in ihrer Flüchtigkeit gehemmt und zu einer festen Masse gestaltet. ~ ' Von diesem Gesichtspunkt aus sind alle jene in neuerer Zeit um Erhaltung oder frische Belebung der Nationalsprache unternommenen Kämpfe zu betrachten, welche untergeordnete oder unterdrückte Völkerschaften gegen die sie beherrschenden Machtgewalten zu führen gewagt; es ist ein Kampf um die Selbsterhaltung der nationalen Persönlichkeit, den nicht minder, ja noch in ein einem höhern Grade als bei den einzelnen Individuum, das Naturrecht uns zu gebieten scheint. Einen solchen Kampf hat auch unser rhcueres Vaterland gegen das von allen Seiten es umgebende, die Vernichtung seiner Selbstständigkeit bezweckende Slaven- und Deutschthum lange zu bestehen gehabt, ihn aber durch Ausdauer und Beharrlichkeit in seiner gerechten Sache, glücklich durchfochten; es hat mit - der Feststellung der auf diplomatischem Gebiete zur Norm angenommenen ungarischen Sprache, vorzüglich aber durch den Umstand, daß die Eröffnung des jüngsten Landtages von Seiten des Landessürsten darin geschehen, den Gegner gleichsam zum Eingeständniß seiner eigenen Ueberwundenheit gebracht, hat sich eine Bastei zur Beschützung und Erhaltung seiner Nationalität errichtet, gegen die vielleicht abermals tausendjährigen Stürme und Kämpfe zu rütteln haben werden , um das mühsam errichtete Gebäude aus seinen Fugen zu reißen. 148 Einen» nicht unwürdigen Antheil an diesem nationalen Kämpfe haben, die ungarischen Israeliten genommen. Es'ist kaum ein Lustrum vorüber, als die ungarische Sprache in weit wcnigern Zirkeln Eingang gefunden und sich einer minder freundlichen Aufnahme zu erfreuen, gehabt, wie die französische, geschweige denn die deutsche,- die. nicht blos unter uns Israeliten, sondern auch bei den übrigen Mittlern und höhern Klaffen des Volkes ausschließliche Umgangs- und Gesellschafts-Sprache gewesen. Wie ganz überrascht würde daher ein Fremder sein, der Ungarn blos aus früher» Zeiten kennt, wenn er jetzt wahrnähme, . wie nicht blosin manchen, sondern in sehr vielen israeliti-, schen Häusern die einzige den Kindern verständliche Sprache die ungarische ist;, wie in allem öffentlichen und privaten Unterrichte die ungarische Sprache nicht blos" einen Lehrzweig ausmacht, sondern als Vehikel andern Gegenständen dient; wie in vielen Synagogen oft, vorzüglich bei Gelegenheitsmomenten nebst den hebräischen auch ungarische Töne im Gebete vernommen, ja ganze Reden und Predigten darin gehalten werden; wie in der vaterländischen Presse und Journalistik jüdische Angelegenheiten, wenn auch nicht im selben Maaße, wie durch das deutsche Judenthum, das hierin selbst das englische, französische und italienische übertrifft, doch eine den letztem entsprechende Rolle behaupten; wie bei allen National-Werken jüdische Namen siguriren, kurz wie alles, was ungarische Sprache und ungarische-Nationalität betrifft, sich unter uns einer Lheilnahme zu erfreuen hat, die nicht blos der seit so kurzem Zeiträume geschehenen Mägyarisirung gleich kommt, sondern dieselbe sogar übersteigt. — Während die mit Ungarn verbundenen Nebenländer, als Dalmatien', Kroatien, Slavonieri, ja während die im Herzen Ungarns lebenden Slawen mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gegen das magyarische Element ankämpfen oder wenigstens wie ungehorsame Schüler dagegen sich gebärden, obwohl, sie alle die dem ungarischen Volke, im Gegensätze der übrigen Erbländer allen zukommenden Freiheiten "und Rechte, nur als Untertanen der magyarischen Krone genießen, hat die ungarische Iu- -denheit, ohne dazu durch irgend ein Gesetz verbunden oder durch sonstige, den übrigen Einwohnern ertheilte und an der Eigenmachung der Landessprache festgeknüpfte Privilegien aufgemuntert zu sein, letzterer/als des ersten Faktors der Nationalität sich zu bemächtigen gesucht, daß selbst die erbittersten Judenfeinde uns in der Nationalisirung der in Ungarn wohnhaften verschiedenen Volksstämme den Vorzug zu geb->" nicht umhin konnten, obwohl es. auch hierin nicht an boswuligen Herzen fehlte, die bei Nichtbestreitüng der Thatsache, wenigstens unedle Motive derselben, zu unterschieben suchten. Mit Freuden begrüßen wir daher das hier anznzeigende Jahrbuch, als einen der triftigsten Beweise, wie sehr die ungarischen, Juden in der Landessprache, folglich auch in der Nationalrsirung vorgerückt und sich daher der Einbürgerung im Vaterlande, im vollen Sinne des Wortes verdient gemacht. Wir dürfen uns mit gerechtem Stolze und mit beruhigender Zuversicht aus dieses Werk berufen, das gleichsam als ein Kritiken., Ungarisches Jahrbuch für Israeliten,